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Zinssenkungen

Hektisches Handeln nahezu aller Notenbanken

Man reibt sich verwundert die Augen. In den letzten Wochen kam es weltweit zu einer Zinssenkung nach der anderen. Dabei sollte das Jahr 2015 eigentlich ein Jahr der geldpolitischen Normalisierung werden.

EZB in Frankfurt am Main Quelle: dpa

Eigentlich war erwartet worden, dass viele Zentralbanken zur geldpolitischen Normalität zurückkehren und die Zinsen von dem sehr niedrigen Niveau wieder langsam Richtung Normalität anheben. Warum nun plötzlich der globale Kurswechsel? Befinden wir uns bereits in einem globalen Abwertungswettlauf?

Der ölpreisinduzierte Rückgang der Inflation könnte ein Grund sein. Doch in Wirklichkeit schauen die Notenbanken durch eine solche Entwicklung hindurch, zumal die wirtschaftliche Entwicklung sich bislang nicht verlangsamt hat. Der Grund für das hektische Handeln der Notenbanken in aller Welt liegt wohl eher in erheblichem Maße bei der Europäischen Zentralbank (EZB).

Die EZB hat mit ihrem Programm zum monatlichen Aufkauf von Anleihen im Wert von 60 Milliarden Euro selbst die aggressivsten Markterwartungen bei weitem übertroffen. In Folge dieses aggressiven Programms ist der Euro deutlich unter Druck gekommen. Gleichzeitig sind dadurch viele andere Währungen entsprechend unter Aufwertungsdruck. Des einen Freud, des anderen Leid. Während der schwächere Euro den Exportsektor der Euro-Länder belebt, bremsen die sich aufwertenden Währungen die wirtschaftliche Entwicklung der entsprechenden Länder.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. In vielen Ländern änderten die Zentralbanken ihren geldpolitischen Kurs und schwenkten um auf eine geldpolitische Lockerung. „Echte“ Zinssenkungen, die noch vor wenigen Monaten, wenn nicht gar Wochen, als undenkbar galten, gab es jüngst in Kanada, Dänemark (innerhalb von zehn Tagen gleich dreimal), der Schweiz, der Türkei, Australien, China und sogar dem von Kapitalflucht bedrohten Russland. Singapur hat eine geldpolitische Lockerung im Rahmen einer Änderung des Währungsregimes (Crawling Peg) durchgeführt, die ebenfalls plötzlich vom Himmel gefallen ist. Als nächste Zinssenkungskandidaten gelten schon in Kürze Polen, Ungarn und Rumänien. In Schweden droht der Übergang von der Nullzinspolitik (ZIRP) zu negativen Zinsen (NIRP), Australien, Kanada und die Schweiz könnten nochmal in Sachen Senkung nachlegen.

Geldpolitische Verschiebungen in Großbritannien

Nicht zu verkennende geldpolitische Verschiebungen, auch ohne Anleihenaufkaufprogramm oder Zinssenkung, gibt es zudem in Großbritannien. Die dort noch im Herbst 2014 für den Jahresverlauf 2015 fest eingepreisten Zinserhöhungen sind passé. Neuseelands RBNZ hat ihren Bias in der letzten Woche von „hawkish“ auf „neutral“ geändert; bei der Bank of England haben die letzten beiden Falken ihre Flügel gestreckt und verzichten jetzt auf ihre bisherigen Forderungen nach Zinserhöhungen, wie uns das jüngste Sitzungsprotokoll verraten hat.

Es gibt auch hier noch Ausnahmen, diese sind aber dünn gesät: Brasiliens Notenbank steht mit ihrer Zinserhöhung vom Januar im Kampf gegen die zweistellige Inflation fast allein auf weiter Flur. Die wichtigste Ausnahme ist die US-Notenbank, die der globalen Deflationsdebatte – noch – die kalte Schulter zeigt. Die Finanzmärkte haben in den letzten Wochen eine US-Zinswende schon für Sommer 2015 schleichend ausgepreist, dabei allerdings nicht etwa auf direkte Signale der Fed reagiert, sondern vielmehr auf das veränderte globale Umfeld. Somit ist die US-Notenbank denn auch die einzige, die derzeit zwar die geldpolitische Tugend der „Geduld“ betont, aber immerhin noch unmissverständlich von Zinserhöhungen spricht. Es wird zunehmend wahrscheinlich, dass auch die Fed-Mitglieder ihre Vogel-Strauß-Taktik aufgeben müssen und nicht weiter die Augen vor dem herausfordernden Preisumfeld verschließen können. Für die erste US-Leitzinserhöhung wäre unseres Erachtens durchaus noch Zeit bis Anfang nächsten Jahres, diese Erkenntnis muss sich bei der US-Notenbank allerdings erst noch durchsetzen.

Der Instrumentenkasten der EZB

Gelockerte Geldpolitik

Dass so viele Notenbanken, sowohl in den Schwellen- als auch den Industrieländern, in so kurzer Zeit ihre Geldpolitik lockern, kennt man sonst nur aus Krisenzeiten wie der Asienkrise oder dem Lehman-Schock. Die gegenwärtige Situation unterscheidet sich insofern von früher, als dass die synchronen Zinssenkungen in der Vergangenheit koordinierte Aktionen waren, um gemeinsam auf externe Schocks zu reagieren und eine drohende Wachstumsschwäche abzufedern. Statt Kooperation und zur Stabilisierung der Weltfinanzmärkte wie 2008/2009 gemeinsamem „an einem Strang zu ziehen“, stehen die Zeichen jetzt eher auf Konfrontation. Insbesondere die EZB verursacht durch die zuletzt sehr aggressive Politik diesen Zinssenkungswettlauf der Zentralbanken. Der schwächere Euro hilft der EZB zwar, ihre angestrebten Ziele zu erreichen, jedoch auf Kosten von vielen anderen Ländern. Das führt dann zu den entsprechenden Reaktionen der anderen Zentralbanken und am Ende zur globalen Lockerung der Geldpolitik.

Befinden wir uns also bereits in einem globalen Abwertungswettlauf? Ein Abwertungswettlauf, in dem jede Zentralbank versucht, durch immer niedrigere Zinsen oder andere geldpolitische Mittel die heimische Währung zu schwächen, damit wirtschaftliche Vorteile zu erlangen und der heimischen Wirtschaft zu helfen, im Exportgeschäft Marktanteile und eine höhere Wachstumsdynamik zu erzielen?

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