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Neue Armutsforschung Hilfe jenseits des Gutmenschentums

Esther Duflo hat die Armutsforschung revolutioniert. Für ihre Zufallsexperimente erntet sie viel Anerkennung – aber auch Kritik. Immer wieder widerlegt sie Paradigmen der Entwicklungszusammenarbeit.

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Ökonomin Esther Duflo, Professorin am MIT in Boston. Quelle: Pressebild

Nicht alle Avantgardisten mögen Social Media. Esther Duflo twittert nicht, ist nicht auf Facebook vertreten und schreibt, anders als viele Kollegen, auch keinen Blog. „Dieses Kurzlebige ist einfach nicht mein Rhythmus“, sagt sie. Duflos Forschungen dauern Jahre - und haben die 39-jährige Entwicklungsökonomin am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge weltberühmt gemacht.

Zusammen mit ihrem Kollegen Abhijit Banerjee verhalf sie in der Armutsforschung einer neuen Methode zum Durchbruch: Randomized Trials. Das sind Experimente, deren Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und deren Ergebnisse mit Kontrollgruppen überprüft werden. Seit langem werden so Medikamente getestet. In der Entwicklungshilfe dagegen galt das lange als verpönt. Dort dominieren bis heute eine Mischung aus gutem Willen und Ad-hoc-Maßnahmen - vielleicht, weil es im Krisenfall tatsächlich schnell gehen muss.

Duflo allerdings findet, dass Tempo keine Entschuldigung dafür sein darf, knappe Ressourcen in Projekte zu lenken, die nichts taugen. Immer wieder beobachten Duflo und ihre Kollegen, dass Projekte, die plausibel klingen, gar nicht oder anders funktionieren als erwartet. Bei einem Experiment in China etwa wurde an unterernährte Familien Reis billiger abgegeben. Die Begünstigten kauften aber daraufhin nicht mehr, sondern weniger Reis - und nutzten die gestiegene Kaufkraft für den Erwerb von teureren Lebensmitteln wie Shrimps und Fleisch.

„Mehr Kalorien zu bekommen war keine Priorität, sondern Essen, das besser schmeckt“, sagt Duflo. Schon als Kind hat sie sich für Armut interessiert. Das lag auch an ihrer Mutter, einer Pariser Kinderärztin, die sich in Hilfsprojekten in El Salvador und Ruanda engagierte. Das prägte die ganze Familie - Duflos Schwester Annie ist heute Geschäftsführerin des Netzwerks „Innovation for Poverty Action“ in Yale.

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    Dass sich Esther Duflo nach ihrem Abitur für ein Wirtschaftsstudium entschied, lag allerdings eher daran, dass sie die mathematische Seite des Fachs interessierte. Erst später, als Doktorandin am MIT, entdeckte sie die Entwicklungsökonomie. Heute gilt sie als die Frau, die die Methoden der Entwicklungsökonomie revolutioniert hat - und damit das einst wenig beachtete Fach wieder populär gemacht hat.


    Star-Ökonomin in der Kritik

    Im Jahr 2003 gründeten sie und Banerjee am MIT das „Poverty Action Lab“, ein Netzwerk von Wissenschaftlern, die mit Zufallsexperimenten arbeiten. Heute gehören ihm mehr als 70 Ökonomen in 51 Ländern an. Insgesamt haben sie rund 350 Studien erstellt. Neben dem Hauptsitz am MIT gibt es Büros in Frankreich, Chile, Indien und Indonesien.

    Wo Duflo spricht, ist die Französin ein Star, ob bei Gastvorlesungen an der London School of Economics oder bei den TED Talks, einer US-Vortragsreihe. Doch Allüren hat sie nicht. Sehr ernsthaft tritt sie bei solchen Gelegenheiten auf, trägt Jeans und ein schlichtes Jackett, gibt sich geradezu rührend uneitel: „Ich bin klein und habe einen starken französischen Akzent“, entschuldigte sie sich zu Beginn ihres TED-Referats, das online mehr als 320.000 Zuschauer sahen.

    Ihr Buch „Poor Economics“, kürzlich unter gleichem Titel auf Deutsch erschienen, zeichnete die „Financial Times“ als Wirtschaftsbuch des Jahres 2011 aus. Sie selbst erhielt 2010 die John Bates Clark Medal. Einer der Vorwürfe an Duflo und ihre Mitstreiter ist, dass sie ihr akademisches Interesse über die Notwendigkeit zu handeln stellen: Darf man zu Vergleichszwecken einem Dorf Hilfe vorenthalten?

    Duflo weist das zurück: „Ich arbeite nicht mit Leuten in verzweifelten Situationen, sondern mit Menschen, für die Armut ein Normalzustand ist“, sagt sie. Dass auch andere wissenschaftliche Methoden wie Modelle und Laborversuche ihre Berechtigung haben, räumt sie hingegen sofort ein: „Ich habe nie behauptet, dass ich über den einzig wirksamen Werkzeugkasten verfüge.“

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