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Neuroökonomie Gene, Gehirne - und jede Menge Streit

Kaum eine Subdisziplin in der Volkswirtschaftslehre wächst derzeit so stark wie Neuroökonomie. Zugleich ist kaum ein Forschungszweig innerhalb der Zunft so umstritten wie dieser. Dabei können DNA- und Hirnanalysen neue Erkenntnisse ans Licht bringen. Ihr Nutzen - eine Frage der Zeit.

Die Neuroökonomie zielt auf das Verstehen der biologischen Grundlagen wirtschaftlichen Handelns. Quelle: handelsblatt.com

BONN. Wer Geld anlegen will, bekommt immer als erstes diese Fragen zu hören: Welcher Anlegertyp sind Sie? Konservativ, chancenorientiert, risikobewusst?

Bankkaufleute wissen: Bei Anlegern klafft der Appetit für Risiken extrem auseinander. Die einen legen größten Wert darauf, dass ihr Vermögen sicher ist und geben sich mit Minirenditen zufrieden. Andere möchten, dass die Bank ihr Geld quasi ins Kasino trägt.

Woher diese Unterschiede kommen, treibt Wirtschaftswissenschaftler seit Jahren um. Ein Forscherteam um David Cesarini vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat jetzt eine erstaunliche Erklärung parat: Möglicherweise liegt es zu einem Großteil an den Genen. "Unterschiede bei der Risikobereitschaft", fasst Cesarini die Ergebnisse seiner Studie zusammen, "kann man zu rund 25 Prozent auf die Gene zurückführen."

Die Arbeit ist auf Basis des Geldanlageverhaltens von ein- und zweieiigen Zwillingen entstanden. Sie ist ein Beispiel für eine stetig wachsende Forschungsrichtung in der Wirtschaftswissenschaft: Immer mehr Volkswirte arbeiten mit Hirnforschern und Genetikexperten zusammen - weil es ihnen nicht mehr genügt, das wirtschaftliche Verhalten von Menschen zu beschreiben. Sie wollen verstehen, warum wir so entscheiden, wie wir es tun.

Kaum eine Subdisziplin in der Volkswirtschaftslehre wächst derzeit so stark wie die sogenannte Neuroökonomie. Zugleich ist kaum ein Forschungszweig innerhalb der Zunft so umstritten wie dieser. Viele traditionelle Volkswirte halten die neue Disziplin für nutzlos.

Ähnliche Methoden wie in der Medizin und der Biologie

Für den Blick in Gehirn und Erbgut verwenden Ökonomen all die Methoden, die auch Psychologen, Biologen und Mediziner nutzen: Sie messen die Hirnaktivitäten ihrer Probanden im Kernspintomografen und nehmen DNA-Proben. Statt Formeln und Grafiken, wie sonst in der Volkswirtschaftslehre (VWL) üblich, wimmelt es in ihren Präsentationen von bunten Skizzen mit Gehirnen darauf. "Wir wollen die biologischen Grundlagen von wirtschaftlichem Handeln verstehen", sagt Jonathan Beauchamp von der US-Uni Harvard.

Wie weit sie damit gekommen sind, dazu zogen 50 führende Experten des Fachgebiets vor wenigen Tagen auf einer wissenschaftlichen Tagung in Bonn eine vorläufige Zwischenbilanz - unter dem programmatischen Titel "Genes, Brains and the Labor Market" und auf Einladung des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) sowie der Volkswagen-Stiftung.

Die Wissenschaftler hatten in Bonn jede Menge faszinierender Einzelergebnisse zu bieten. Doch der praktische Mehrwert, den der neue Forschungszweig für konkrete wirtschaftspolitische Fragen liefert, ist nach wie vor offen. Wie der im Titel der Konferenz hergestellte Zusammenhang zwischen Genen und Gehirnen auf der einen und dem Arbeitsmarkt auf der anderen Seite tatsächlich aussieht, können die Wissenschaftler bisher nur in Ansätzen beantworten.

Traditionelle Ökonomen kritisieren ihre Neurokollegen dafür seit Jahren. Theoretiker wie die Princeton-Ökonomen Faruk Gul und Wolfgang Pesendorfer halten die neue Disziplin schlichtweg für irrelevant. Auch Eric Maskin, der Ökonomie-Nobelpreisträger von 2007, verlangt eine stärkere Fokussierung auf die Kernaufgabe der Ökonomen: das Vorhersagen des Verhaltens von Akteuren. Dass Ergebnisse über das menschliche Hirn an sich spannend seien, reiche nicht aus, so Maskin jüngst in der Fachzeitschrift "Science".

Neuroökonomen lassen diese Kritik an sich abperlen. "Natürlich müssen wir selbstkritisch sein", sagt Armin Falk, VWL-Professor in Bonn und Gastgeber der IZA-Konferenz, "unsere Forschung ist ja nicht gleich besser, nur weil wir den Kernspin-Scanner anwerfen." Dass ihr konkreter Nutzen nicht unmittelbar erkennbar ist, sei aber das Charakteristikum jeder offenen Grundlagenforschung - und diese sei absolut sinnvoll und notwendig, findet Falk.

Viele seiner Fachkollegen halten es zudem nur für eine Frage der Zeit, bis sich der praktische Nutzen der Forschung offenbaren wird. So erwartet MIT-Forscher Cesarini, dass die Wissenschaft schon bald in der Lage ist, die entscheidenden Risikogene ausfindig zu machen, die schuld sind an Ängstlichkeit oder Leichtsinn. Solches Wissen könnte den Forschern helfen, das Verhalten von Individuen und sogar ganzen Märkten besser zu prognostizieren, hofft Cesarini.

Vielleicht weiß man bald also tatsächlich, wer aufgrund seiner Gene besonders gefährdet ist, spielsüchtig zu werden oder sein Geld an der Börse zu verzocken - und kann ihm helfen, sich selbst zu schützen. Was im Hirn passiert, wenn der Mensch bestimmte Impulse zu unterdrücken versucht, zeigt eine Studie eines Teams von Psychologen und Ökonomen um den Mannheimer Professor Peter Kirsch. Denn im Hirn herrscht keine Demokratie: Manche Regionen fungieren als Aufpasser über andere.

Warum sich Mörder in Experimenten besonders sozial verhalten

In einem Experiment verglich Kirsch die Spendenbereitschaft von gesunden Studenten mit der von Psychopathen, deren Krankheit antisoziales und verantwortungsloses Handeln mit sich bringt. Die Forscher legten die Probanden in einen Kernspintomografen und ließen sie dort ein klassisches ökonomisches Rollenspiel spielen, bei dem sich zwei Menschen einigen müssen, wie sie einen Geldbetrag untereinander aufteilen.

Das verblüffende Ergebnis: Die in ihrer Persönlichkeit Gestörten - allesamt Mörder, die in forensischen Kliniken behandelt werden - waren deutlich großzügiger als die gesetzestreuen Bürger. Die Kernspinanalyse zeigte, dass bei ihnen die Aufpasser-Region im Großhirn während der Entscheidung viel stärker arbeitete. Anscheinend wollten sich die Probanden unbedingt dazu zwingen, sich konform mit mühsam gelernten sozialen Regeln zu verhalten, vermuten die Forscher als Erklärung.

Der Aufwand für Neuroexperimente ist enorm: Über eine Stunde lang liegen Testpersonen in der großen, lauten Röhre und werden dabei von mehreren Mitarbeitern betreut. Bewegen dürfen die Probanden nur die Finger. Ihr Kopf ist fixiert, damit das Bild nicht verwackelt. Auf einem in die Röhre projizierten Bild sehen sie ihre Antwortmöglichkeiten, die Auswahl treffen sie mit einem Joystick.

Auch wenn die Anwendbarkeit der Ergebnisse auf reale Situationen bei solchen Experimenten nicht im Vordergrund steht - manche Ergebnisse lassen durchaus Rückschlüsse auf die Realität zu. So zeigte Armin Falk mit einer neuroökonomische Studie, wie sehr Menschen es honorieren, wenn andere ihnen einen Vertrauensvorschuss geben. Die Botschaft für Arbeitgeber ist klar: Wer seine Mitarbeiter misstrauisch überwacht, darf mit schlechteren Leistungen rechnen.

Falk stellte aber auch fest: Um auf freundliches Verhalten zu reagieren, brauchen wir viel mehr Zeit. Im menschlichen Hirn herrsche dann ein Konflikt: Soll man die Situation ausnutzen oder sich ebenfalls freundlich verhalten?

Eine andere Studie, die in Bonn vorgestellt wurde, könnte zum Beispiel erklären, warum Kunden und Wähler so ungnädig sind, wenn man sie einmal enttäuscht hat - warum sie positive Überraschungen aber kaum honorieren. Mit einem Kernspinexperiment zeigte der Maastrichter Ökonom Arno Riedl, wie intensiv das Schmerznetzwerk im Hirn arbeitet, wenn Erwartungen enttäuscht werden - so, als würde tatsächlich physischer Schmerz zugefügt. Werden die Erwartungen dagegen übertroffen, setzt sich das Belohnungssystem in Gang - doch längst nicht im gleichen Maße wie im anderen Fall.

Trotz der Kritik am Nutzen der Forschung - die Unis und Institute investieren derzeit viel in die Gen- und Hirnforschung: So erweitert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) einen Teil seines Sozioökonomischen Panels (SOEP) um Gendaten. Für die Befragten, die auf freiwilliger Basis an der Langzeitstudie teilnehmen, bedeutet das: Sie geben jetzt auch Speichelproben ab.

Die Universität Maastricht schafft gerade einen neuen Scanner an, dessen Magnetfeld so stark und störungsanfällig ist, dass die Uni dafür einen speziell gefederten Bunker bauen muss - weitab von Autobahnen und Zugtrassen.

Neuroökonomie

Junge Disziplin: Lange interessierten sich Wirtschaftswissenschaftler für den einzelnen Menschen nur in seiner Funktion als Käufer, Investor oder Unternehmer. Heute ist das anders: Mit medizinischen und biologischen Methoden versuchen Neuroökonomen, uns direkt ins Gehirn zu schauen. Ihr Ziel: Sie wollen verstehen, wie uns unsere Gefühle und Gene (Foto) beim Kaufen, Handeln oder Spenden beeinflussen.

Wachsender Stellenwert: Seit dem ersten Treffen von interessierten Wirtschaftsforschern 1997 in Pittsburgh hat die Neuroökonomie kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Zu den international bekanntesten Vertretern gehören die Amerikaner George Loewenstein und Colin Camerer sowie der Zürcher Professor Ernst Fehr. Anders als sonst in der VWL üblich, veröffentlichen Neuroökonomen ihre Studien oft in naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften wie "Science" oder "Nature".

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