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Verein für Socialpolitik Volkswirte geben sich Ethik-Kodex

Der Verein für Socialpolitik verlangt von Forschern künftig die Offenlegung aller Geldquellen, um Interessenkonflikte transparent zu machen. Hintergrund der Initiative ist der Vertrauensverlust während der Finanzkrise.

Eine Volkswirtschaftslehre-Studentin in einem Hörsaal der Technischen Universität Dresden. Quelle: dpa

Düsseldorf/LondonDer Verein für Socialpolitik gibt sich 139 Jahre nach seiner Gründung erstmals einen Ethik-Kodex. Auf seiner Jahrestagung in Göttingen wird der Verband der deutschsprachigen Volkswirte Grundsätze des „gutes wissenschaftlichen Verhaltens für Ökonomen“ in seine Satzung aufnehmen.

Im Zentrum stehen mögliche Interessenkonflikte, die durch Nebentätigkeiten entstehen können. So verlangt der Verein, dass die Mitglieder künftig in wissenschaftlichen Arbeiten „alle in Anspruch genommenen Finanzierungsquellen“ offenlegen - ebenso wie Umstände, „die auch nur potenziell zu Interessenkonflikten oder Befangenheit des Autors führen könnten“.

Bis Mittwoch konnten die 3800 Mitglieder des Vereins im Internet über den Kodex abstimmen. Nach Informationen des Handelsblatts gab es eine große Mehrheit für den Textvorschlag, an dem eine zehnköpfige Arbeitsgruppe mehr als ein halbes Jahr gefeilt hatte.

Zu Jahresbeginn hatten sich bereits die 17.000 Mitglieder der American Economic Association (AEA) ähnliche Regeln auferlegt. Auch das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) hat seit einigen Monaten einen Ethik-Kodex.

Hintergrund der Initiativen ist die Vertrauenskrise, in die die Volkswirtschaftslehre im Zuge der Finanzkrise gerutscht war. Zahlreiche vermeintlich unabhängige Ökonomen hatten sich vor der Krise von Interessengruppen und Unternehmen bezahlen lassen, ohne dies offenzulegen.

Der prominenteste Fall dabei war der New Yorker Professor Frederic Mishkin, der 2006 in einer Studie Island als idealen Finanzplatz lobte. Dass er dafür von der örtlichen Handelskammer 124.000 Dollar kassierte, verschwieg er den Lesern seiner Studie.

Darüber hinaus hatten 13 von 19 Volkswirten, die in der amerikanischen Debatte über Finanzmarktregulierungen eine prominente Rolle spielten, enge Verbindungen zum Bankensektor, wie die Ökonomen Gerald Epstein und Jessica Carrick-Hagenbarth in einer Studie zeigen. Doch nur fünf von ihnen legten ihre Interessenkonflikte offen.


Kodex ist nicht unumstritten

In Zukunft soll so etwas nicht mehr möglich sein. „Wir wollen Normen, die in unserem Fach schon existieren, kodifizieren“, sagt der VfS-Vorsitzende Michael Burda dem Handelsblatt. „Fälle, wie wir sie in der Vergangenheit erlebt haben, sollen nicht mehr vorkommen.“

Der VfS beschließt nun nicht nur neue Verhaltensregeln, sondern schafft - anders als die AEA - auch zwei neue Institutionen, die über deren Einhaltung wachen sollen: Eine Vertrauensperson, an die sich Mitglieder in Zweifelsfällen wenden können, und eine dreiköpfige Ethik-Kommission, die mutmaßliche Vergehen untersuchen soll.

Mögliche Sanktionen bei Verstößen gegen die Verhaltensregeln werden zwar nicht genauer spezifiziert, sind aber vorgesehen. „Das kann von einer öffentlichen Rüge bis hin zum Ausschluss aus dem Verein gehen“, betont Burda.

Dass es tatsächlich so weit kommen könnte, hält der Berliner Wirtschaftswissenschaftler allerdings für höchst unwahrscheinlich. „Die allergrößte Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler arbeitet integer - und der Kodex wird eine gewisse Abschreckungswirkung haben“, ist er überzeugt.

Geächtet werden darüber hinaus nicht nur Fremd-, sondern auch Eigenplagiate: „Alle relevanten Quellen sind aufzuführen. Dies gilt auch für eigene Arbeiten“, heißt es in den Regeln. Im vergangenen Jahr war der Züricher Ökonom Bruno Frey massiv in die Kritik geraten, weil er über Jahrzehnte Forschungsergebnisse mehrfach veröffentlicht hatte - ohne Querverweise. Diese Arbeitsweise wäre ein klarer Verstoß gegen die neuen Regeln.

Allerdings ist der Kodex innerhalb der Profession auch nicht ganz unumstritten. Sebastian Thieme von der „Denkfabrik für Wirtschaftsethik“ hält den konkreten Entwurf für wenig mehr als ein „aktionistisches Papier zum Selbstdarstellen“.

Er kritisiert den Verzicht auf die Nennung von Sanktionen - und findet den Text zu unkonkret. „Der Kodex spricht zum Beispiel von angemessenem Verhalten und Professionalität, erklärt aber nicht, was damit gemeint ist“, sagt Thieme. Wann die Ethik-Kommission einzugreifen habe und was sie genau tun könne, bleibe unklar.

Der St. Gallener Umweltökonom Hans Christoph Binswanger hat den Ethik-Regeln zwar zugestimmt, ist aber dennoch nicht sonderlich begeistert: „Der Kodex ist sehr zahm und beschränkt sich auf formale Regeln, liefert dafür aber keine ethische Begründung.“

Der Düsseldorfer Volkswirt Justus Haucap sieht die Initiative dagegen positiv. „Natürlich sind die formellen Sanktionen schwach, aber der Verein ist ja auch ,nur' ein Verein“, betont er. Dienstrechtliche Sanktionen könne ohnehin nur die Uni aussprechen. „Ein öffentlicher Tadel durch den Verein wäre aber sehr peinlich.“

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