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Ratssitzung Das sagen Ökonomen zum Zinsentscheid der EZB

Die EZB lässt den Leitzins unangetastet. Ein Anstieg rückt in weite Ferne. Ökonomen und Börsianer zeigen sich wenig überrascht.

BerlinDie Europäische Zentralbank hat ihren Ausblick bekräftigt. Der EZB-Rat erwartet weiterhin, dass die Leitzinsen für längere Zeit und noch weit über das Ende der Anleihenkäufe hinaus auf dem aktuellen Niveau bleiben. Der Schlüsselsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld liegt seit März 2016 bei 0,0 Prozent. Ökonomen und Börsianer sagten dazu in ersten Reaktionen:

Jan Holthusen, DZ Bank
„Draghi musste heute einen Spagat machen. Einerseits wollte er die jüngste Abschwächung der Konjunkturdynamik nicht überdramatisiert wissen, andererseits sollten heute auch noch keine Erwartungen über bevorstehende Zinserhöhungen geschürt werden.

Dieser Spagat ist Draghi recht gut gelungen. Sollten sich die Konjunkturdaten weiter abschwächen, käme die EZB in eine Zwickmühle. Sie hätte dann den optimalen Zeitpunkt für einen Ausstieg aus der ultra-expansiven Geldpolitik verpasst. Handlungsmöglichkeiten bei einem weiteren Abgleiten der Wirtschaft hätte sie dann kaum.

Draghi hat geliefert, was zu erwarten war – wenig Neues, wenig Konkretes und schon gar nicht eine Diskussion über eine Normalisierung der Geldpolitik. Am 14. Juni wird er konkreter werden müssen. Wir bleiben bei unserer Einschätzung: Die Nettokäufe im Anleihekaufprogramm werden zum Jahresende auslaufen und die erste Zinserhöhung wird im Sommer 2019 kommen.“

Thomas Altmann, QC Partners
„Das war noch keine Festlegung auf ein Ende der Anleihenkäufe im September. Draghi hat ein verhalteneres wirtschaftliches Weltbild gezeichnet. Die protektionistischen Strömungen haben Spuren in den Köpfen der Notenbanker hinterlassen. Da war heute nichts dabei, was die Anleger in Unruhe versetzen könnte. Beim nächsten EZB-Meeting im Juni wird es dann sicherlich mehr Neuigkeiten geben.“

Uwe Burkert, LBBW
„Heute war Langeweile angesagt. Draghi selbst hat ja bestätigt, dass der EZB-Rat gar nicht über die Geldpolitik an sich diskutiert habe. Bemerkenswert sicherlich, dass der EZB-Rat sich Sorgen über zunehmenden Protektionismus macht. Aber mehr als Appelle an die Politik stehen der EZB hier nicht zu Gebote. Im Juni dürfte es dann für die Märkte wieder interessanter werden. Mit einer wesentlichen Änderung rechnen wir aber erst im Juli, wenn der EZB-Rat seinen finalen Ausstieg aus den Netto-Assetkäufen skizzieren dürfte.“

Alexander Krüger, Bankhaus Lampe
„Die EZB hat an zentralen Beschlüssen festgehalten. Vor allem hat sie für Juni keine Vorbereitungen getroffen, um das Enddatum für ihre Wertpapierkäufe zu benennen. Hierfür ist nun der Juli reserviert. Mit ihrem Vorgehen unterstreicht die EZB einmal mehr, dass sie beim Ausstieg sehr behutsam vorgehen wird. Ein Ende der Käufe bereits im September ist daher wenig wahrscheinlich. Vielmehr dürfte die EZB diese im vierten Quartal erst halbieren und im Dezember dann beenden.“

Otmar Lang, Targobank
„Es war absehbar, dass die EZB heute keine klare geldpolitische Linie für die Zukunft vorgibt. Daran wird sich bis zum nächsten Sitzungstermin im Juni wahrscheinlich auch nichts ändern. Die EZB muss sich alle Optionen offen halten, und das möglichst für einen langen Zeitraum. Die jüngste Reihe schwächerer Konjunkturdaten und Stimmungsindikatoren im Euroraum lassen den Konjunkturausblick seit einigen Wochen eingetrübter erscheinen. Zudem schwelen der Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie die weiterhin völlig ungeklärte geopolitische Konstellation in Syrien.

Sollten die Stimmungsindikatoren bis zum Frühsommer weiter nachgeben, müsste Mario Draghi seine bisherige Rhetorik überdenken. Zwischen dem Auslaufen des Anleiheankaufprogramms und der ersten Zinsanhebung könnte dann ein sehr langer Zeitraum liegen.“

Friedrich Heinemann, ZEW
„Auch wenn noch keine Entscheidung gefallen ist, steht der Ausstieg aus den Anleihekäufen nun erkennbar bevor. Die durchgreifende Verbesserung der Wirtschaftslage und die absehbare höhere Inflationsdynamik lassen das Lager der geldpolitischen Tauben im EZB-Rat schrumpfen. Die Regierungen der Euro-Zone müssen daher damit rechnen, ihre Staatsdefizite ab 2019 wieder ohne Hilfe der nationalen Zentralbanken der Euro-Zone zu finanzieren.

Für Staaten wie Italien mit immer noch hohen laufenden Defiziten und einem großen jährlichen Refinanzierungsbedarf könnte das zur Herausforderung werden. Gerade wenn in Rom eine populistische Regierung die Amtsgeschäfte übernimmt, ist ohne EZB-Kredit bald schon mit einem deutlichen Anstieg der Risikoprämien für italienische Anleihen zu rechnen.“

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