Sal. Oppenheim Prozess „Aus heutiger Sicht traurig, aber so war es“

Im Prozess gegen den Ex-Sal.Oppenheim-Chefaufseher Georg Baron von Ullmann wurde der erste Zeuge vernommen. Die Aussage des Ex-Bankiers Peter Marx zeigt: Vertrauen war in dem Geldhaus offenbar wichtiger als Kontrolle.

Peter Marx war der erste Zeuge, den das Gericht im Sal. Oppenheim-Prozess geladen hat. Aktuell sind 43 Verhandlungstage am Kölner Landgericht angesetzt. Quelle: picture alliance/dpa

KölnPeter Marx betritt langsam und ein wenig zittrig den Gerichtssaal. Er wirkt müde und schaut etwas traurig. Als er auf der Zeugenbank Platz nimmt, blickt er dem Mann auf dem Anklagestuhl nicht in die Augen. Kein Zunicken, kein Lächeln. Vor zehn Jahren lief das noch anders.

Marx und der Angeklagte, Georg Baron von Ullmann, trafen sich regelmäßig in Sitzungen wichtiger Gremien der Traditionsbank Sal. Oppenheim. Ullmann war Vorsitzender des Aufsichtsrates und Co-Vorsitzender des Aktionärsausschusses. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, in diesen Funktionen seine Aufsichtspflichten verletzt zu haben. Ullmann soll den Gremien wichtige Informationen über einen Immobiliendeal vorenthalten haben, der die Bank rund 23,6 Millionen Euro kostete. Damit trug der Deal während der Finanzkrise 2008 zum Niedergang der ehemaligen Privatbank bei.

Glaubt man Marx, hat sich der Aufsichtsrat aber auch nicht sonderlich für derartige Entscheidungen interessiert. Der Zeuge war Mitglied im Aufsichtsrat, im Aktionärsausschuss und im Kredit- und Prüfungsausschuss. In den Gremien sei aber selten und wenn, dann nur unkritisch diskutiert worden, sagt Marx nun vor Gericht. Man sprach über Geschäftsberichte oder entschied über Kreditvergaben, wenn diese eine gewisse Höhe überschritten. Man habe die Unterlagen gelesen. „Aber Sie waren sich bewusst, dass es sich bei den Gremien um Überwachungs- und Kontrollgremien handelte?“, fragt Richterin Sabine Grobecker scharf. „Ja, schon“, sagt Marx. Aber er habe nie den Anlass gesehen, bei etwas genauer nachzuforschen. „Klingt aus heutiger Sicht traurig, war aber so.“

Dabei müsste Marx theoretisch ein großes Interesse daran gehabt haben, dass es bei der Bank gut läuft. Seiner Familie gehörte ein beträchtlicher Teil an Aktien der Bank, außerdem erbte er nach dem Tod seines Vaters mehrere sogenannte Oppenheim-Esch-Fonds. Diese Fonds hatte die Bank gemeinsam mit dem Immobilienunternehmer Josef Esch aufgesetzt. Sie dienten auch als Steuersparmodell.

Gleichzeitig waren sie Teil des Konstrukts, das Ullmann nun möglicherweise zum Verhängnis werden könnte. Die Bankiers machten einen Bürokomplex an der Bockenheimer Landstraße in Frankfurt zu einem solchen Fonds. Sowohl die Familien der Bankgesellschafter Oppenheim und Krockow, als auch die Familie des Angeklagten beteiligten sich daran. Ullmann und seine Mutter besaßen gemeinsam mehr als die Hälfte der Anteile. Der Plan war, die Gebäude zu renovieren und an die Investmentsparte der eigenen Bank zu einem relativ hohen Preis vermieten. Doch dann kam die Finanzkrise dazwischen. Die Banker zogen nicht ein und man entschied sich, die Gebäude an die eigene Bank zu verkaufen.

Nach einer Renovierung reichten die Fondseigner den Bau für 123,4 Millionen Euro an Sal. Oppenheim weiter. Der Kaufpreis habe deutlich über Verkehrswert gelegen, entschied das Gericht bereits im ersten Sal. Oppenheim-Strafprozess vor gut zwei Jahren.

Von all dem will Marx sehr wenig mitbekommen haben. Zwar wird der Gebäudekomplex in der Bockenheimer Landstraße in zwei Sitzungsprotokollen erwähnt, bei denen auch sein Name auf der Anwesenheitsliste steht. „Das klang aber alles so okay für mich“, sagt er vor Gericht. Während im ersten Protokoll noch von einem Kauf der Gebäude die Rede ist, steht im zweiten, dass die Finanzierung mit einer Fondslösung abgewickelt werden soll. „Das wirkte schon so entschieden auf mich“, sagt Marx. Er habe keinen Anlass gesehen, darüber zu diskutieren oder es kritisch zu hinterfragen. Grundsätzlich sei bei den Sitzungen nicht viel diskutiert worden. Man habe im Aufsichtsrat keine Anfragen an die Geschäftsführung gestellt. Umgekehrt sei man auch nie nach einer Einschätzung gefragt worden. „Wir wurden eher informiert“, sagt Marx.

Brisant ist auch, dass der Kredit- und Prüfungsausschuss wohl Kredite billigte, die er gar nicht hätte billigen dürfen. Der Ausschuss bestand aus Marx und zwei weiteren Kollegen aus der Führungsriege von Sal. Oppenheim. Sie mussten Kreditzusagen prüfen, wenn diese eine gewisse Höhe überschritten. Manchmal waren auch sie selbst Kreditnehmer. Für diesen Fall sah die Geschäftsordnung eigentlich vor, dass Ersatzmitglieder benannt werden müssten. Der Grund: Niemand sollte die Möglichkeit haben, seine eigenen Kredite abzusegnen. „Solche Ersatzmitglieder hatten wir nicht“, räumt Marx ein. Die Richterin zeigt ihm ein Kreditprotokoll, in dem ein Ausschussteilnehmer seinen eigenen Kredit gegenzeichnet. Marx entgegnet, dass er auch nicht darüber informiert worden wäre, dass man Ersatzmitglieder gebraucht hätte.

Marx Aussage dürfte der Verteidigung Ullmanns wahrscheinlich gefallen. Diese vertritt die Position, dass Ullmann nicht schuldig gesprochen werden darf, weil die Gremien ohnehin nichts hätten ausrichten können, selbst wenn er sie voll umfassend informiert hätte. Das liege daran, dass es sich bei der Privatbank um eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) und nicht um eine gewöhnliche Aktiengesellschaft gehandelt habe, argumentierten die Anwälte in ihrer Anklageschrift am Mittwoch.

„Wie hätten Sie reagiert, wenn Sie all dies gewusst hätten?“, fragt der Staatsanwalt Marx. Er hätte wahrscheinlich nachgefragt und vielleicht Widerspruch eingelegt, meint dieser. Sonderlich aufgebracht klingt er dabei nicht. „Die Bank war ein Familienbetrieb“, betont Marx mit leiser Stimme. Die vier großen Eigentümerstämme hätten wichtige Entscheidungen eben informell und im familiären Rahmen getroffen. Und er selbst habe schon von seinem Vater gelernt, dass so ein Familienbetrieb etwas Solides und Vertrauensvolles sei. Da sei für ihn Vertrauen vor Kontrolle gegangen.

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