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Schwarmfinanzierung Die Masse macht’s

Mittelständler wie der Hotelbetreiber Falkensteiner setzen auf Crowdfunding. Starre Regularien bremsen allerdings den Boom und erschweren den Zugang zum nötigen Fremdkapital – trotz guter Bonität.

2,5 Millionen Euro ist die maximale Höhe eines Schwarmkredits von privaten Investoren ohne Prospekt. Quelle: dpa

DüsseldorfHeile Welt und ganz viel Romantik: Vor allem die drei Akteure Roy Black, Uschi Glas und Pierre Brice sorgten Anfang der Neunzigerjahre in ihren Rollen als Hotelerbe Lennie Berger, als dessen Exfrau Elke und als französischer Geschäftsmann André Blondeau für das Herz-Schmerz-Schmachten in der RTL-Produktion „Ein Schloss am Wörthersee“. Die Sendung mit insgesamt 34 Episoden in drei Staffeln ist längst in den Annalen der deutsch-österreichischen TV-Geschichte verschwunden.

Doch das Schlosshotel Velden - das „Schloss am Wörthersee“ - existiert bis heute am Ufer des schmucken Kärntener Sees. Die Nobelherberge gehört zur österreichischen Hotelgruppe Falkensteiner, die insgesamt 32 Vier- und Fünfsternehäuser besitzt. Falkensteiner verbindet bei seinen Hotels und Residenzen Tradition und Moderne. Und das besonders gekonnt beim Thema Finanzierung: Vor kurzem nahm Falkensteiner über die Crowdinvesting-Plattform Finnest 2,5 Millionen Euro Kapital für das weitere Wachstum auf. Das Interesse der Investoren war so groß, dass das Investment binnen weniger Tage um mehr als eine Million Euro überzeichnet war.

Deals wie der der Hotel-Holding könnte einen Meilenstein für die deutschsprachige Crowdszene bedeuten. Bislang dominieren eher kleinvolumige Transaktionen das Schwarmgeschäft. Besonders Start-ups benötigen häufige, dafür aber eher geringere Kapitalspritzen. Darauf haben sich Anbieter wie Funding Circle eingestellt, nach eigenen Angaben der weltweit führende Marktplatz für Unternehmensfinanzierung. Seit seiner Gründung im Jahr 2010 hat das Unternehmen Kredite im Wert von mehr als 3,3 Milliarden Euro an 32.000 Unternehmen vermittelt.

Doch der einzelne Kredit für Wachstums- oder Innovationsvorhaben ist bei 250.000 Euro gedeckelt. „Dazu muss man wissen, dass sich 2016 über 80 Prozent der hierzulande von kleinen und mittleren Unternehmen angefragten Kredite in der Volumenklasse bis zu 250.000 Euro bewegten“, begründet Thorsten Seeger, Geschäftsführer Deutschland bei Funding Circle. Kleine Unternehmen, die mehr als 95 Prozent der deutschen Unternehmen ausmachen, sind Seegers Zielgruppe.

Von diesen Firmen hört er „immer wieder von erschwerten Bedingungen für den Zugang zum nötigen Fremdkapital - trotz guter Bonität“. Funding Circle und Wettbewerber wie der deutsche Marktführer Companisto wollen genau in diese Lücken stoßen, die Deutschlands Banken und Sparkassen aufreißen. „Seit 2000 wurde bundesweit jede vierte Bankfiliale geschlossen. Und die Ausdünnung des Filialnetzes wurde nicht adäquat durch digitale Angebote für die oftmals lokal verankerten Unternehmen aufgefangen.“

Funding Circle und Co. locken mit schlanken Verfahren und schnellen Entscheidungen. „Bei uns erhalten Firmen innerhalb von 48 Stunden Gewissheit und damit Planungssicherheit - innerhalb von sieben Tagen können sie dann im Normalfall über das Kapital verfügen“, sagt Seeger. Bei klassischen Banken müssen Unternehmen nach seinen Worten dagegen bis zu sechs Wochen auf die Kreditentscheidung warten.


Kunden binden

Das Brauhaus am Turm ist der Prototyp für eine Schwarmfinanzierung: ein Local Player mit überschaubarem Kapitalbedarf. Die hundertprozentige Tochter der japanischen Nudelbarkette Mosch-Mosch sammelt gerade über ihre Fundingpage, die vom Anbieter Crowddesk betrieben wird, bis zu einer halben Million Euro ein, um damit das Brauhaus am neu errichteten Henniger Turm in Frankfurt am Main teils zu finanzieren. Tobias Jäkel, Geschäftsführer von Mosch-Mosch sowie des Brauhauses am Turm, will auf diese Weise auch explizit Bürgern vor Ort „die wirtschaftliche Teilhabe ermöglichen“.

Solche Marketingaspekte werden - neben den finanziellen Argumenten - für Mittelständler beim Crowdlending immer wichtiger. So hat die Falkensteiner-Hotelgruppe bei ihrer jüngsten Kapitalsammelaktion über die Crowd vorrangig Stammkunden angesprochen - und den Investoren neben der Zinszahlung auch Gutscheine für Übernachtungen angeboten. Jeder zweite Anleger hat die Offerte genutzt. Diese Anleger werden nun die nächsten fünf Jahre ihre Gutscheine in Falkensteiner-Hotels einlösen - und so an die Häuser gebunden. „Unsere Marke profitiert stark von dieser Maßnahme“, sagt Ottmar Michaeler, Vorstandschef der Hotelgruppe.

Auch Günther Lindenlaub, Mitgründer und Chef von Finnest, beobachtet: „Zumeist entscheidet heute neben dem Finanz- auch der Marketing-Verantwortliche, wann und wie Crowdinvesting für ein Unternehmen eingesetzt werden soll. Die Geschäftsführung erkennt die enorme Stärke als Instrument zur Kundenbindung.“

Mit den erreichten 2,5 Millionen Euro ist das Crowdinvesting-Projekt von Falkensteiner nach den Worten von Lindenlaub „bisher das größte seiner Art im deutschsprachigen Mittelstand“. Größer geht es derzeit auch nicht, was seine Ursache in der strengen deutschen Regulatorik hat: Ein vermeintlich wohlmeinender Gesetzgeber deckelt nicht nur die einzelnen Schwarminvestments hierzulande bei 10.000 Euro. Und das, obwohl sich nach einer Umfrage von Companisto unter 2.300 Investoren neun von zehn privaten Geldgebern als „erfahren“ einstufen. Auch bei der Kapitalaufnahme greift der Staat ein: Bei 2,5 Millionen Euro ist derzeit Schluss.

Für Mittelständler mit stärkerem Kapitalbedarf, aber auch institutionellen Investoren wie Family-Offices oder Vermögensverwaltungen sind solche Summen eher uninteressant. Finnest-CEO Lindenlaub erkennt im Mangel seine Chance und bastelt daher aktuell an einer „Plattform, die auch für professionelle und institutionelle Investoren interessant ist“. Die neue Plattform Finnestpro soll Finanzierungen mit durchschnittlichen Volumina von zehn Millionen Euro und mehr ermöglichen. 20 Banken haben sich nach Lindenlaubs Worten bereits als Investoren beteiligt. Der Finnest-Chef sagt: „Diese Banken bekommen damit Zugang zu Transaktionen, die ihnen heute anderweitig nicht zugänglich sind.“

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