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Schwarmintelligenz Was Manager von Bienen lernen können

Der künstlichen Intelligenz gehört die Zukunft - Unanimous AI arbeitet daran. Quelle: imago

Louis Rosenberg baut nicht einfach nur künstliche Intelligenz. Er hat eine Art Verstärker für die menschliche Intelligenz gebaut – und sich dabei von der Natur inspirieren lassen.

Das Gehirn einer Biene ist nicht größer als ein Sandkorn. Und trotzdem schafft sie außergewöhnliche Sachen. Jedes Jahr zum Beispiel finden Bienen den perfekten Platz für ihre Honigwaben. Einen Ort, der gut belüftet ist – und trotzdem geschützt in kalten Nächten. Einen Ort, der nicht weit weg von einer Wasserstelle liegt – aber dennoch nah an Pflanzen, um den Blütenstaub zu sammeln.

Ein Manager, der ähnlich hohe Ansprüche an den Standort einer neuen Fabrik stellt, würde daran scheitern. Davon ist Louis Rosenberg überzeugt. Aber er arbeitet daran, auch Manager mit solch einer Superintelligenz auszustatten: 2014 hat er das Unternehmen Unanimous AI gegründet, das mit Technik die Wunder der Natur imitiert. Und nun ist der 48-Jährige, der einst, Anfang der Neunzigerjahre in Stanford als einer der ersten Virtual-Reality-Tools baute, zum Techfestival SXSW nach Texas gekommen, um in der Debatte um künstliche Intelligenz mitzumischen.

Der Mensch verfügt über 100 Milliarden Neuronen, die Signale austauschen können, so rechnet Rosenberg vor. Eine Biene aber mit ihrem sandkorngroßen Hirn habe deutlich weniger Neuronen – und damit, zumindest allein, auch deutlich weniger Rechenpower. „Deshalb zieht sie ihre Intelligenz nicht aus der Verknüpfung der Neuronen, sondern daraus, dass sie im Schwarm die einzelnen Gehirne miteinander verbindet.“ Auf der Suche nach dem perfekten Platz für ihre Waben schicken Bienen einzelne Späher über eine Fläche von 30 Quadratmeilen. Diese scannen die Umgebung. Dann kommen sie wieder zurück - und tauschen ihr Wissen aus. Für Menschen sieht das dann aus, als würden sie eine Art Tanz vollführen.

Rosenberg hat eine Internetplattform geschaffen, auf der Menschen genauso zusammenkommen können wie die Bienen: In Echtzeit können sie dort in Chats diskutieren oder Prognosen abgeben. Die dahinter liegende Software erstellt daraus ein Stimmungsbild, das ein wenig aussieht, als würde bei einer Partie Eishockey jeder einzelne mit einem Magneten an dem metallischen Puck zerren. In die eine oder andere Richtung - so lange bis eine gemeinsame Lösung steht.

Dass dieses System als eine Art Verstärker für das Wissen einzelner taugt, hat Rosenberg gerade erst wieder gezeigt: Vor der Verleihung der Oscars haben 50 Menschen, quer über die USA verstreut, darüber beraten, wer wohl die begehrte Trophäe erhält. „Es waren ziemlich durchschnittliche Kinoliebhaber“, betont Rosenberg. „Und trotzdem lagen sie mit ihrer Prognose zu 94 Prozent richtig.“ Dabei hatte jeder einzelne nur ein paar der nominierten Filme gesehen. Und mit ihrer einzeln abgegebenen Prognose lagen sie dann auch nur zu 64 Prozent richtig. Erst Rosenbergs Tool ermöglichte die erstaunlich genaue Vorhersage.

Der Clou von Rosenbergs Plattform: Im Schwarm werden nicht nur die Wissenslücken gestopft, die der einzelne hat – sondern auch die persönlichen Vorlieben, die ein Urteil verzerren könnten, wie etwa die Schwäche für einen Schauspieler, ausbalanciert. Damit unterscheidet sich Unanimous AI von den meisten Technologiefirmen, die derzeit an künstlicher Intelligenz tüfteln: Die Firma will eine von Menschen angetriebene Schwarmintelligenz schaffen – und nicht nur mit Maschinen die Funktionsweise des menschlichen Gehirns nachbauen, um dann die Rechenpower stetig zu steigern. Auch Sportereignisse, die amerikanische Präsidentschaftswahl und Entwicklungen an den Finanzmärkten hat Unanimous AI schon ziemlich genau vorhergesagt.

Rosenberg legt Wert darauf, dass solch ein Schwarm wenig zu tun habe mit der Polarisierung in sozialen Netzwerken – oder auch mit Konformität. „Anders als eine Herde, in der die Masse einem Anführer blind nachrennt, sucht der Schwarm nach der Lösung, die für alle am besten ist.“ Und dazu brauche es so viele unterschiedliche Erfahrungen und Denkansätze wie möglich. „Der beste Schwarm ist einer, der sich aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven zusammensetzt.“

Eine Sorge hingegen treibt ihn um: Dass da eine Superintelligenz entstehe, der keinerlei Grenzen gesetzt sind, weil sie eben eine Vielzahl kluger Köpfe verknüpfen kann. Rosenberg schätzt, dass solch eine Superintelligenz an einer Universität oder in den Laboren von Technologiefirmen wie Google oder Facebook entstehen könne. „Vermutlich werden ihre Schöpfer die besten Vorsätze haben. Aber solch eine Superintelligenz hat per Definition ihre eigenen Vorstellungen davon, was gut und was schlecht ist – und womöglich schert sie sich dann nicht um die biologisch gewachsene Intelligenz.“ 50 Jahre, schätzt Rosenberg, werde es dauern, bis es solch eine Superintelligenz gebe. “Vielleicht geht es auch schneller.“

Und leider, sagt er, habe die Menschheit oft genug gezeigt, dass sie ziemlich gut darin ist, geniale Erfindungen so einzusetzen, dass sie sich selbst schadet. „Einen Krieg zu führen, auf so etwas kommt ein Bienenschwarm gar nicht.“

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