WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Serendipity von der SXSW Howdy Zukunft: Über das Ende des Plattformkapitalismus, Intimität im Angesicht des Bildschirms und die Poesie in der Technologie

“I hate the idea of trends”, soll der Schauspieler Clint Eastwood einst gesagt haben. Ob er heute noch dieser Meinung ist, wissen wir nicht.

Liebe Leserinnen und Leser,

“I hate the idea of trends”, soll der Schauspieler Clint Eastwood einst gesagt haben. Ob er heute noch dieser Meinung ist, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass “Trends” nicht nur keine beknackte Idee sind, sondern virtuelle Wegweiser in die Zukunft. Wer sie erkennt, weiß früher als andere, was Phase ist.

Einer der besten Orte, um den nächsten Trends auf die Spur zu kommen, ist das Festival South-by-Southwest (SXSW) im texanischen Austin, auf dem wir mit einer Delegation der WirtschaftsWoche nach den kommenden Versprechungen Ausschau halten. Unsere Mitreisenden sind Trendscouts ihrer eigenen Zukunft, und es macht großen Spaß, mit dieser Gruppe “the next hot shit” aufzuspüren.

Um allen Suchenden einen Kompass an die Hand zu geben, hat die Trendforscherin Carla Buzasi vom “World’s Global Style Network” uns in die “Anatomie des Trends” eingeführt. Wer glaubt, Trends erschöpften sich in der Dominanz von Avocado-Toasts, hat noch gar nichts begriffen.

Buzasi prognostiziert drei globale Treiber für die nächsten Jahre. 1. Neue Mehrheiten: Nicht mehr alte weiße Männer werden unser Leben künftig bestimmen, sondern neue diverse Gruppen, die ganz anders auf die Welt schauen. 2. 5G-Networks: Alles wird mit allem verbunden sein, weil das leistungsfähigste Funknetz das mobile Internet auch noch in die kleinste und versteckteste Ecke unseres Lebens bringt. 3. Die Sharing Economy übernimmt, und die Peer-2-Peer-Economics revolutionieren endgültig das Wirtschaftssystem.

Buzasi sagt auch voraus, dass wir in das Zeitalter der “LocalVists” eintreten. Das sind Menschen, die ihr Glück nicht darin suchen, permanent auf ihrem Handy herum zu tappen, sondern sich engagieren (“context over content”). Die nicht nur gute Geschichten hören, sondern sehen wollen, was wirklich dahinter steht (“purpose over storytelling”). Die dabei wenig Vertrauen in Institutionen haben, sondern ihr Leben bald ökonomisch über die Blockchain organisieren.

Die Blockchain, das ist ein Riesenthema hier auf der SXSW. Wenn Joseph Lubin, einer der beiden Gründer der Ethereum-Plattform, versucht zu erklären, wie das Ganze funktioniert, steht der Hälfte der mehreren tausend Zuhörerinnen und Zuhörern ein großes Fragezeichen ins Gesicht geschrieben.

Für Deutsche lässt sich die Blockchain vielleicht so beschreiben: Eine Technologie, die wie eine endlose Akte funktioniert. Jede Transaktion wird darin abgelegt, alles ist immer schön in der richtigen Reihenfolge, und niemand kann je wieder etwas rausnehmen. Und doch ist die Blockchain mehr als der technologische Traum aller bürokratisch Impulskontrollgestörten. Sie ist eine Revolution. Wenn die Blockchain sich durchsetzt, dann ist der Plattformkapitalismus, wie wir ihn kennen, am Ende. Dann brauchen Autobesitzer kein Uber mehr, sondern können ihre Fahrdienste direkt über die Blockchain anbieten. Musiker brauchen Spotify nicht mehr, sondern schließen mit ihren Kunden einen direkten Vertrag. “Content becomes its own little software”, sagt Lubin. Das kann weltbewegend werden.

Nochmal zu den neuen Mehrheiten. Wenn die kommen, ist die Zeit von “Brotopia” vorbei. So heißt das neue Buch der Bloomberg-Reporterin Emily Chang, in dem sie über Sex-Parties und machtbesoffene Investoren-Größen berichtet, die Frauen zu oft nur als Beiwerk und selten als ebenbürtige Geschäftspartnerinnen behandeln. Schon ein Vorabdruck von “Brotopia - Breaking Up the Boys‘ Club of Silicon Valley“ war eine Sensation.

Chang ist die neue weibliche Leitfigur im Valley, die sich dafür einsetzt, dass mehr Frauen von Technologie als der größten Wohlstandsgenerierungsmaschinerie der Moderne profitieren. Auf der SXSW stehen junge Frauen an, um sich von Chang ein Exemplar unterzeichnen zu lassen - nur ein Zeichen dafür, wie wichtig Diversity geworden ist. Chang hat ihre Mutter dabei und stellt sich als überaus warmherzige Person mit Hang zu klaren Formulierungen heraus: „Sexismus und Diskriminierung von Frauen gibt es überall. Das Faszinierende am Silicon Valley ist seine Scheinheiligkeit“, sagt sie. Das komplette Interview mit Chang, das meine Kollegin Astrid Maier geführt hat, lesen Sie hier.

Manchmal ist die Besessenheit von neuer Technologie nur ein anderer Ausdruck für die Frage, wie wir leben wollen. Dazu hat die US-Therapeutin Esther Perel ein paar gute Antworten parat. In jeder Beziehung kommt es darauf an, den Unterschied zwischen Intimität und Überwachung im Auge zu behalten. Das gilt nicht nur für Zwischenmenschliches, sondern auch für die gelegentlich obsessiven Beziehungen zu technischen Kommunikationsendgeräten.

Auch in der Zukunft sollte das Leben einen Platz für die Poesie haben. Die kann man in Austin sogar auf der Straße mieten. Und wenn der Poet mal kurz weg ist, kommt er sicher bald wieder.

 

Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Sonntag!

Herzlich,

Miriam Meckel
Herausgeberin der WirtschaftsWoche

Hier geht’s zur Anmeldung: www.wiwo.de/serendipity


Serendipity [serenˈdipiti], das schöne englische Wort beschreibt den glücklichen Zufall, durch den sich entdecken lässt, wonach man gar nicht gesucht hat. Erfunden hat das Wort der englische Historiker Horace Walpole (1717-1797). In einem Brief an einen Freund berichtete er von dem persischen Märchen über „die drei Prinzen von Serendip“, die den glücklichen Zufall zu nutzen wussten. Sie waren die ersten, die Signale aus der Zukunft auch im Lärm der Gegenwart entschlüsseln konnten. Jeden Sonntag bekommen Sie auch von mir einen kleinen Brief mit drei Gedankenupdates, die aus zufälliger Entdeckung und Verknüpfung entstanden sind. Los geht’s!

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%