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Sid Vicious Der Rebell

Er traf kaum eine Note und wurde doch zu einer Musik-Ikone. Sid Vicious hatte früh erkannt: Ein Punk zeichnet sich durch seine Haltung aus.

Nur ein gutes Jahr war Vicious in der Band Sex Pistols, doch in der kurzen Zeit wurde er zur Ikone einer ganzen Bewegung. Quelle: Getty Images

LondonEin Hakenkreuz kann nicht jeder tragen. Bei Sid Vicious prangte es groß mitten auf der Brust. Das T-Shirt des Bassisten war wahrscheinlich der einzige Ort, wo das Nazi-Symbol nicht missverstanden werden konnte. Punk, das bedeutete Provokation, und dafür war Vicious jedes Mittel recht.

Seine Band, die Sex Pistols, lebte nach dem Schock-Prinzip, und Vicious war krasser als alle anderen. Zusammen mit Sänger Johnny Rotten testete er die Grenzen der britischen Gesellschaft - damals, im Anarcho-Jahr 1977, als sich in den Straßen der englischen Städte der Müll türmte und Polizisten streikende Arbeiter verprügelten.

Wenn Vicious auf der Bühne mit einer Bierdose im Gesicht getroffen wurde und seine Lippe zu bluten anfing, schmierte er sich das Blut über seinen nackten Oberkörper. Das Publikum gruselte sich - und feuerte ihn an. Sein bürgerlicher Name lautete John Simon Ritchie. Den Künstlernamen bekam er angeblich, nachdem Rottens Hamster Sid ihn gebissen hatte und er das Nagetier daraufhin „vicious“ (bösartig) nannte.

Nur ein gutes Jahr war Vicious in der Band, doch in der kurzen Zeit wurde er zur Ikone einer ganzen Bewegung. Seine schwarze Stachel-Frisur, sein verächtlich verzogener Mundwinkel, die Halskette mit Vorhängeschloss, die nietenbesetzte Lederjacke: Er verkörperte das Lebensgefühl einer Generation, die ihr Leben nicht mehr aushielt.

Die Londoner Jungs brüllten ihre Wut über die Verhältnisse ins Mikrofon, sie beschimpften ihre Fans, spuckten von der Bühne, suchten Streit mit Journalisten - und wurden umso mehr hofiert, je ausfälliger sie wurden. Rockstar-Gehabe und Gitarrenzertrümmern waren zu jener Zeit längst Mainstream, doch die Pistols legten noch einen drauf.

Nichts war ihnen heilig, alles wurde in Frage gestellt. Ihre Unberechenbarkeit machte sie zum spannendsten Act des Musikgeschäfts. Sie lieferten den besten Stoff für die Titelseiten, ihre Tabubrüche wurden von der britischen Boulevardpresse begierig aufgegriffen, die braven Bürger regten sich herrlich auf. Unvergessen die Szenen, als fromme Christen aus Protest gegen ein Pistols-Konzert vor der Tür Kirchenlieder sangen.

„Mach Cash aus dem Chaos“

Zum silbernen Thronjubiläum der Queen komponierten die Pistols ihre Parodie auf die Nationalhymne „God save the Queen“. Sie sangen vom „faschistischen Regime“ und attestierten der Monarchin: „Sie ist kein Mensch“. Wenige Tage vor der großen Schiffsparade zur Feier der Königin im Juni 1977 mietete die Band selbst ein Boot und fuhr die Themse hoch. Verfolgt von Polizeibooten spielten sie ihren Song „Anarchy in the UK“ vor dem Parlament. Am Ende wurden sie festgenommen - eine perfekte PR-Aktion für ihre neue Single. „God save the Queen“ schoss umgehend an die Nummer Eins in den Charts, doch sie wurde nicht im Radio gespielt, weil sie zu anstößig war.

Als sie Anfang 1978 durch die USA tourten, hatten sie die Route absichtlich durch die konservativen Südstaaten gelegt, und es kam zum erhofften Eklat. Die als „Cowboys“ verhöhnten Zuschauer warfen mit Bierflaschen, im texanischen San Antonio schlug Vicious in einer legendären Szene mit seiner Bassgitarre zurück.

Die englische Punk-Bewegung hatte Mitte der Siebzigerjahre in der King’s Road im Londoner Stadtteil Chelsea begonnen. Hier stand die Mode-Boutique Sex von Malcolm McLaren und seiner Freundin Vivienne Westwood. Zu ihren Kunden zählte John Lydon, der wegen seiner schlechten Zähne auch Johnny Rotten genannt wurde. McLaren schlug Rotten vor, eine Band zu gründen, er selbst wurde ihr Manager. McLaren sah einen Markt für eine Protestband, die das „Fuck you“-Gefühl der Jugend bediente. Sein Motto: „Mach Cash aus dem Chaos“.

Vicious kannte Rotten aus der Schule, er wurde zum größten Fan der neuen Band. Anfang 1977 holte Rotten seinen Freund als Bassisten dazu, obwohl dieser nicht wirklich spielen konnte. Vicious treffe keine einzige Note, schnaubte der alte Bassist Glen Matlock. Aber die Musik war immer schon zweitrangig bei den Pistols. Es ging um die richtige Haltung, und die hatte Vicious mit seinen zerrissenen Klamotten und dem Sicherheitsnadel-Chic.

Er wurde zum Inbegriff des nihilistischen Punk-Rockers, dem alles egal war. Als Fan der Band hatte er das Pogo-Tanzen erfunden, das aggressive Hüpfen und Herumstoßen vor der Bühne. Und er gefiel sich in der Rolle des Bürgerschrecks. „Wir sind keine netten Jungs“, sagte er in einem Interview. „Wir sind fiese kleine Bastarde“.

1978 war die Luft dann plötzlich raus, die Band ging auseinander. Mit Vicious ging es abwärts. Im Oktober 1978 wurde seine Freundin Nancy Spungen tot in ihrem gemeinsamen Zimmer im Chelsea Hotel in New York gefunden. Sie war an einem Messerstich in den Bauch gestorben. Vicious wurde des Mordes angeklagt, aber um die Nacht ranken sich viele Spekulationen, es gab weitere Tatverdächtige. Bevor sein Prozess begann, nahm Vicious im Februar 1979 eine Überdosis Heroin.

Der Tod im Alter von 21 Jahren in der weltbekannten New Yorker Künstlerabsteige machte ihn zum Märtyrer der Punk-Bewegung. Wie andere jung gestorbene Stars wurde Vicious zum tragischen Helden verklärt, Millionen unverstandener Teenager himmelten ihn an. Er war der Außenseiter, der es von ganz unten bis nach ganz oben geschafft hatte - und doch bis zum Schluss der Außenseiter blieb.

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