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Skandalfirma MEC Der Prozess gegen Mehmet Göker beginnt – ohne den Versicherungsvertreter

In Kassel ist der Betrugsprozess gegen den Ex-Chef des Versicherungsvermittlers MEC gestartet. Doch Mehmet Göker erscheint nicht vor Gericht.

Der frühere Vorstandsvorsitzende des insolventen Versicherungsvermittlers Meg AG. Quelle: picture alliance / dpaHANS-GUENTHER OED

FrankfurtEr galt als schillernder Star der Maklerbranche, liebte schnelle Autos, Champagner und Pelzmäntel. „System Größenwahn“ taufte der Hessische Rundfunk später sein Geschäftsmodell. Doch dem gekauften Glanz des Mehmet Göker folgte ein jäher Absturz.

In Kassel sollte sich der einstige Chef des Versicherungsvermittlers MEG, der 2009 eine Insolvenz und viele offenen Rechnungen am hessischen Firmensitz hinterließ, zusammen mit seinem Kompagnon Vincent Ho am Donnerstag nun wegen Betrugs vor Gericht verantworten. Doch seine geprellten Kunden dürfen auf eine späte Genugtuung nicht hoffen.

Göker, der sich in die Türkei abgesetzt hat, ist zum Verfahren im Kasseler Landgericht nicht erschienen – weshalb das Verfahren vorerst nur gegen Ho fortgesetzt wird, wie das Gericht entschied. Er freue sich auf den Prozess, hatte Göker noch vor einem Jahr verkündet. Es werde endlich Zeit, dass die Sache final geklärt werde. Doch offensichtlich hat es der Mann, der einmal Millionenbeträge bewegte, mit dieser Klärung nicht so eilig.

Der Sohn eines türkischen Schusters, der mit 22 Jahren seine erste Firma gründete, war zeitweise eine große Nummer in der Branche. Ein Verkaufstalent, dem Versicherer und andere Makler zu Füßen lagen. Denn er brachte ihnen anfangs scharenweise Kunden. Dafür kassierte er hohe Provisionen, die er allerdings mit vollen Händen wieder ausgab. Mindestens in den späten Jahren nahm Göker es dann auch mit den Regeln nicht mehr so genau, wirft ihm nun die Staatsanwaltschaft vor.

Die Firma MEG, die aus seinen Anfangsbuchstaben Mehmet Ercan Göker, gebildet wurde, habe irgendwann einem Schneeballsystem geglichen, das am Ende vor allem Verlierer hinterlassen habe. „Wenn Göker das Geld einigermaßen zusammengehalten und stattdessen nicht alles unter die Leute gebracht hätte, dann könnte die MEG heute ein führendes Unternehmen der Versicherungsbranche in Deutschland sein“, glaubt Fritz Westhelle, der Insolvenzverwalter der MEG. „Göker hätte Großes erreichen können, das Geld ist ihm aber zu Kopf gestiegen“, sagte er diese Woche der Regionalzeitung „HNA“.

Prozess nach neun Jahren

Erst neun Jahre nach der Insolvenz beginnt der Prozess, der nun lediglich gegen seine frühere rechte Hand Ho geführt wird. Eine ungewöhnlich lange Frist, für die es aber einen triftigen Grund gibt: Die deutsche Justiz bemühte sich lange vergeblich um ein Auslieferungsverfahren für Göker, gegen den noch immer ein internationaler Haftbefehl existiert. Doch die Türkei hat kein Auslieferungsabkommen mit Deutschland, weshalb er dort vorerst vor dem Zugriff der deutschen Justiz sicher ist.

Der Prozess ist damit der vorläufig traurige Schlusspunkt einer Geschichte von Gier und Größenwahn, die schließlich im Fiasko endete. In Kassel wird dem früheren Chef des Kasseler Versicherungsvermittlers MEG und dem früheren Mitarbeiter nun der gewerbsmäßige Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen und ein Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz vorgeworfen. Die Angeklagten sollen gespeicherte Datensätze des Unternehmens über Kunden und Verträge entwendet haben, um diese später an Dritte zu verkaufen oder zur Vermittlung privater Krankenversicherungen zu nutzen. Dadurch sollen sie Umsätze in Höhe von drei Millionen Euro erzielt haben.

Der frühere MEG-Vorstandsvorsitzende wirft dagegen der deutschen Justiz vor, kein faires Verfahren gegen ihn zu führen und fordert die Aufhebung eines internationalen Haftbefehls gegen seine Person. Insolvenzverwalter Westhelle lässt allerdings heute kaum ein gutes Haar mehr an dem einstigen Maklerstar.

Göker habe sich selbst ein Darlehen in Höhe von über drei Millionen Euro von der MEG genehmigt, andere Vorstände hätten im sechsstelligen Bereich abkassiert, sagt er. Einige Vorstandsmitglieder hätten nach der MEG-Pleite im Jahr 2009 Privatinsolvenz angemeldet, um das Darlehen nicht zurückzahlen zu müssen. Noch immer würden die Gläubiger auf Forderungen von insgesamt bis zu 60 Millionen Euro sitzen. Darunter würden sich auch viele Einzelhändler aus Kassel befinden, bei denen Göker auf Rechnung der MEG eingekauft habe, um zum Beispiel sein Privathaus einzurichten.

Auf umfassende finanzielle Entschädigung dürfen die von Göker Geprellten wohl nicht mehr hoffen. Eine Verurteilung von Ho hätte keine Auswirkungen auf das Insolvenzverfahren, räumt Westhelle ein. Drei bis vier Prozent würden die Gläubiger am Ende wohl von ihren Ansprüchen zurückbekommen. Im Umkehrschluss heißt das, dass sie 96 bis 97 Prozent ihrer Forderungen abschreiben müssen. Göker ficht das alles offensichtlich nicht besonders an.

Der ehemalige Versicherungsmakler, der inzwischen Verkaufsseminare in der Türkei und im Internet anbietet, legte im vergangenen Jahr seine Autobiografie vor. Der Titel des Buches lässt dabei kein wirkliches Bereuen erkennen: „Die Wahnsinnskarriere des Mehmet E. Göker“. Der in Kassel auf fünf Verhandlungstage angesetzte Prozess wird nun jedoch auch kein neues Schlusskapitel dieser Karriere schreiben.

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