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Solarenergie M-Kopa Solar bringt Afrika Licht – und ist dabei umweltfreundlich

Das afrikanische Unternehmen ermöglicht tausenden Menschen zum ersten Mal Strom in ihren Hütten zu nutzen. Bezahlt wird mit dem Mobiltelefon.

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Die Kenianerin hat dank dem Heim-Solarsystem endlich Strom in ihrer Hütte im Manyatta-Slum. Quelle: dpa

Nairobi Wenn Ntanin Ene Kintalel nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt, liegt ihre Nachbarschaft in tiefer Dunkelheit. Ihr Wohnzimmer dagegen ist hell erleuchtet. Nicht selten hat sich dort schon ein Nachbar eingefunden, um die Abendnachrichten auf ihrem Flachbild-Fernseher zu schauen.

Ihre 18-jährige Tochter Lasoi bereitet draußen vor der Wellblechhütte im Licht einer LED-Lampe das Abendessen vor. Dank moderner Kommunikationstechnologie kann Kintalel seit zwei Jahren nutzen, was Afrika im Überfluss hat: Sonnenenergie.

Die vierköpfige Familie wohnt in einem winzigen Slum der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Das Dorf Manyatta hat weder Müllabfuhr, Wasserversorgung, Kanalisation noch Stromanschluss für seine etwa 200 Bewohner. Als Lichtquellen nutzen die meisten Kerosinlampen. Deren Rauch reizt zum Husten, das Licht ist schwach und Kerosin teuer.

Vor zwei Jahren erfuhr die 40-jährige Kintalel aus dem Radio von M-Kopa Solar. Die Solarsysteme des Unternehmens können per mobilem Geldtransfer in kleinen Raten abgezahlt werden und sind so für kenianische Haushalte erschwinglich. Die Familie zahlte umgerechnet knapp 24 Euro an und überwies ein Jahr lang täglich etwa 40 Cent über M-Pesa, den in Kenia erfundenen bargeldlosen Zahlungsverkehr per Mobiltelefon. „M“ steht für „mobil“ und „Pesa“ bedeutet „Geld“ in Kiswahili.

Danach gehörte ihr das System, bestehend aus einem 8-Watt-Solarpanel, einer Lithium-Batterie, drei LED-Lampen, sowie aufladbarer Taschenlampe und Radio. Gesamtpreis: rund 180 Euro. Rund 600 Millionen Menschen in Afrika haben nach Angaben der Internationalen Energiebehörde keinen Zugang zu elektrischem Strom. In Kenia sollen immerhin rund 70 Prozent der Bevölkerung versorgt sein. Doch abgelegene, schwer zugängliche Orte an das Stromnetz anzuschließen, ist teuer und langwierig. Und selbst in den Städten fällt immer wieder der Strom aus.

In der Vergangenheit waren es meist Organisationen, die Haushalte in Afrika mit Solarpanelen versorgten oder Solarlampen verteilten. Dank Mikrofinanzinstituten hatten dann immer mehr Menschen Zugang zu Kleinkrediten und konnten Solaranlagen privat finanzieren. Zudem ist vor einigen Jahren der Preis von Solaranlagen dramatisch gesunken und energiesparende LED-Lampen sind entwickelt worden.

Die kenianische Erfindung von mobilem Geld revolutionierte dann 2007 das Leben von Afrikanern grundlegend. Ab diesem Zeitpunkt konnten Menschen, die kein Bankkonto haben und weit weg von Städten leben erstmals über das Handy Geld versenden oder empfangen. Der mobile Geldtransfer ist heute in Kenia fast flächendeckend verbreitet: Nach Angaben der Zentralbank sind 39,3 Millionen Handy-Konten aktiv. Somit nutzen vier Fünftel der Kenianer diesen Service. Weltweit gibt es nach jüngsten Angaben der GSMA, einer Interessenvertretung von Mobilfunkbetreibern, mehr als 690 Millionen Konten.

So können die Menschen nun auch ganz einfach monatlich ihr eigenes Solarsystem abbezahlen. Weltweit waren bis Ende 2016 rund 800.000 Solarsysteme installiert worden, die mit mobilem Geld bezahlt werden können, wie die GSMA schätzt. Demnach kommen monatlich 40.000 dazu. „Die Leute geben täglich 40 Cent für Kerosin aus“, sagt Pauline Githugu von M-Kopa Solar, „bei uns zahlen sie mit diesem Betrag ihre Solaranlage ab. Auf lange Sicht sparen die Nutzer so viel Geld.“

Die Innovation des Solarsystems befindet sich in der Batterie: Darin steckt eine SIM-Karte, die wie bei einem Handy mit der Firmenzentrale korrespondiert. Hierüber laufen Wartung und Fehlerkontrolle des Systems.

Bleibt eine Ratenzahlung des Kunden aus, wird das System abgeschaltet bis wieder Geld eingeht. Und geht ein Teil des Systems während der Abzahlung kaputt, ersetzt es das Unternehmen nach eigenen Angaben kostenlos. Für einen Fernseher reicht die Anlage, doch für Energiefresser wie Kühlschränke ist es zu wenig.

M-Kopa Solar, deren Systeme auch in Uganda, Tansania und unter Lizenz in Ghana verkauft werden, hat eigenen Angaben zufolge bisher 600.000 Anlagen verkauft. Ein kleinerer Konkurrent Azuri Technologies ist in elf Ländern südlich der Sahara aktiv und soll eigenen Angaben zufolge bislang 130.000 Anlagen verkauft haben.

Die Firma vertreibt ähnliche Produkte zu vergleichbaren Preisen wie M-Kopa, nutzt aber bestehende Vertriebssysteme etablierter Kommunikationsfirmen und ist weniger flexibel, wenn eine Rückzahlung mal nicht klappt: Nach 14 Tagen Zahlungsverzug wird die Solaranlage wieder abgeschraubt.

Die erschwinglichen Solarsysteme haben auch weitere Vorteile. „Die zunehmende Durchdringung von Solarprodukten in ländlichen Gebieten fördert auch Beschäftigung“, sagt Andreas Kaiser, Energieexperte bei der deutschen Außenhandelskammer in Kenia. „Mehr Menschen haben ein Auskommen gefunden, entsprechende Technologie zu verkaufen, zu installieren und zu warten.“

Zwar ist der Anteil von Solarstrom Kaiser zufolge an der Gesamtstromversorgung in Kenia mit 0,4 Prozent noch immer relativ gering. Doch immer mehr Kenianer steigen um. Inzwischen haben fünf Nachbarn von Ntanin Kintalel dieselbe Solaranlage installiert.

Für Kintalels Familie hat sich der Alltag grundlegend verändert. Die 40-Jährige kann nach der Arbeit ihr Handy mit der Solaranlage aufladen, anstatt im Kiosk dafür 16 Cent zu bezahlen. Eine Allergie der Jüngsten verschwand mit der Kerosinlampe. Und: „Die Kinder haben abends mehr Zeit und besseres Licht für die Hausaufgaben“.

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