South by Southwest Die Ruhe mitten im Sturm

Ernie Cline und Ben Mendelsohn sitzen auf einem Nachbau des DeLorean auf South by Southwest Festival Quelle: AP

Der Austausch verschiedenster Ideen hat über Jahre das Techfestival SXSW geprägt. Doch unter die kreative Leichtigkeit mischen sich immer mehr Sorgen.

Gerade erst in den silbergrauen Ford gestiegen - und schon schleudert einem der Fahrer diesen Satz entgegen. Weniger als Kompliment denn als gut gemeinte Erklärung wie die Menschen hier in Austin, Texas, ticken. Und wie sie diesen Wahnsinn ertragen, der seit mehr als 30 Jahren, Anfang März, über sie herein bricht, wenn gut 70.000 Menschen zum Techfestival South by Southwest (SXSW) in die Stadt kommen. „Deine Frisur sieht super aus, egal, was die Leute sagen“, sagt einem also der breitschultrige Fahrer des Ridesharingdienstes Lyft. Draußen fegt ein kräftiger kalter Wind nicht nur die Frisuren der Festivalbesucher durcheinander, sondern auch die Installationen des einen oder anderen Ausstellers. Und das, nachdem sich am Tag zuvor unter schwülen 30 Grad kein Lüftchen regte. Aber: Hier kümmert sich keiner darum, wie man rumläuft. Und deshalb sei die Frisur eben auch egal.

Willkommen in Austin, willkommen bei SXSW.

So wechselhaft das Wetter, so abwechslungsreich ist das Programm: Von Bots, die einem die Trauerarbeit nach dem Tod der Oma erleichtern sollen, bis zu Segen und Fluch der Blockchain; Anti-Trump Bernie Sanders ist gekommen sowie der Schauspieler Ashton Kutcher, der als Hobbyinvestor ein paar tausend Dollar in Start-ups verteilt, die die Musikindustrie digitalisieren; Entwickler diskutieren, wie sie das Internet vor Zensur und Monopolen bewahren können – und Ingenieure, wie die Mars-Mission gelingen kann. Dabei geht’s, so zumindest das offizielle Selbstverständnis, weniger um Geschäftsideen als um den Austausch von Gedanken mit lauter kreativen Leuten aus der ganzen Welt. Natürlich suchen dann doch alle irgendwie nach einem Trend. Und das wohl auch, um damit – zurück zu Hause – gutes Geld zu verdienen.

Eine derjenigen, die Trends gut vorhersagen und deren Worte hier deshalb geradezu verschlungen werden, ist Amy Webb. Der riesige Saal, in dem die Gründerin des Future Today Institutes spricht, ist schnell überfüllt. Aber Amy Web wäre nicht Amy Webb, wenn sie nicht, noch während sie auf der Bühne steht, über die wichtigsten Trends auch twittern würde. Oder zumindest einen ihrer Mitarbeiter rechtzeitig damit beauftragt hätte. Einer der Trends: das Ende des Smartphones; ein anderer: Voiceprints, unverwechselbare Muster also, die jeden einzelnen allein über seine Stimme ausweisen – und nebenbei auch verraten, wie derjenige gerade drauf ist.

Künstliche Intelligenz (KI) hingegen, so hält Webb gleich zu Beginn fest, sei kein Trend. Nichts also, was wieder verschwinden wird. KI sei vielmehr die Art, wie Daten zunehmend verarbeitet werden. Das sei, betont die Zukunftsforscherin, kein Sciencefiction, sondern bereits Alltag: KI stecke in Autos, wenn Benzin eingespritzt oder Bremsen blockiert werden; in Smartphones, wenn Spotify die persönliche Playlist oder Google Maps die Suche nach dem Weg zur Kneipe optimiert.

Diese neue Art der Datenanalyse verändert nicht nur das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, sondern auch zwischen Staaten. „China“, da ist sich Webb sicher, „wird die unangefochtene Hegemonialmacht der KI sein.“ Das Land steckt enorm viel Geld in die Erforschung der Technologie – und hat, weil Datenschutz dort keine Rolle spielt, auch enorme Mengen an Daten, um die Maschinen zu immer intelligenteren Systemen zu machen.

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