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Spezialnahrung Nestlé plant Essen gegen das Vergessen

Weil Nestlé von Zukäufen derzeit die Finger lässt, muss der Lebensmittelriese neue Märkte erschließen, um weiter zu wachsen. Mit Spezialnahrung will der Konzern künftig an Krankheiten verdienen. Experten sind vorsichtig.

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Nestlé-Hauptsitz im Schweizer Ort Vevey: Neue Produkte sollen für Konzernwachstum sorgen. Quelle: dpa

Vevey Der Schweizer Nahrungsmittel-Riese Nestlé hat ein Luxusproblem. Jahrelang verwöhnte er Anleger mit jährlichen Wachstumsraten von über fünf Prozent. Doch wenn man in fast allen Sparten bereits Weltmarktführer ist, wird es auf Dauer schwer, die hochgesteckten Erwartungen weiter zu erfüllen.

Da hilft nur eines: Zukaufen oder neue Märkte erschließen. Von großen Übernahmen will Konzernchef Paul Bulcke nichts wissen. Das hat er am Mittwoch noch einmal deutlich gemacht, nachdem Gerüchte aufkamen, Nestlé sei am italienischen Schokoladenkonzern Ferrero interessiert. Beide Firmen dementierten dies hart.

Neue Märkte aber will Bulcke auf jeden Fall erschließen. Einer der größten Hoffnungsträger ist die Tochter Nestlé Health Science. Das Unternehmen wurde als eigenständige Tochter im Jahr 2011 gegründet und bekam 500 Millionen Franken für Investitionen für die nächsten zehn Jahre mit auf den Weg. Zudem packte Nestlé das bestehende Geschäft mit Krankenhaus-Nahrung in die neue Tochter.

Das Ziel: Nestlé Health Science soll Nahrung und Nahrungszusätze entwickeln , die helfen, Krankheiten zu vermeiden oder zu lindern. Als „Therapiegebiete“ haben die Schweizer Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleibigkeit ausgemacht. Aber auch Erkrankungen wie Alzheimer sollen bald durch Spezialnahrung gelindert werden: Essen gegen das Vergessen also.

Chef der Sparte ist der Spanier Luis Cantarell. „Wir wachsen schneller als der Konzern und sind profitabel“, versichert er im Gespräch mit dem Handelsblatt am Rande der Neun-Monats-Präsentation von Nestlé. Der Umsatz der Sparte werde am Ende des Jahres rund 2,1 Milliarden Franken erreichen nach 1,9 Milliarden im Vorjahr. Die Analysten der Züricher Kantonalbank bezifferten jüngst die Vorsteuer-Marge der Sparte auf 14,3 Prozent.

Nestlé hat die Sparte zunächst durch mehrere Übernahmen geformt. So kauften die Schweizer 2011 den Diagnostik-Anbieter Prometheus und beteiligten sich im vergangenen Jahr am US-Unternehmen Accera. Wachsen will Cantarell nun vor allem durch neu- und weiterentwickelte Nahrungsmittel.


Grauzone zwischen Nahrung und Pharmazie

So hat Nestlé Spezialnahrung für Kinder im Programm, die unter Stoffwechselstörungen leiden und schlecht Kohlenhydrate verdauen können. Um diese zu ersetzen, basiert ein Spezialgetränk auf Fett als alternativer Energiequelle. Dieses Getränk soll künftig in anderer Form auch als Diätmittel für Epileptiker vermarktet werden.

Die Tochter Accera testet in den USA in einer klinischen Studie eine Spezialnahrung, die den Fortschritt der Alzheimer-Krankheit verlangsamen soll. Das Hirn von Menschen mit Alzheimer könne keine Glukose verarbeiten, erklärt Cantarell, daher setze auch diese Spezialnahrung auf Fett als Alternative.

Damit wagt sich Nestlé in die Grauzone zwischen Nahrung und Pharmazeutika, wo die Zulassungshürden extrem hoch sind. Einen Patentschutz wie Pharmazeutika strebe Nestlé Health Science indes nicht an, allenfalls werde man sich die Verfahren patentieren lassen. „Wir werden nicht wie die Pharma-Branche einen Blockbuster mit mehr als einer Milliarde Umsatz entwickeln“, sagt Cantarell. Ziel sei es, mehrere aussichtsreiche Produkte mit einigen Hundert Millionen Umsatz auf den Markt zu bringen.

Branchenexperten bewerten die Chancen der neuen Sparte noch sehr vorsichtig. Zwar sei Nestlé prädestiniert für die Forschung in diesem Segment, erläutert Patrik Schwendimann, Analyst der Züricher Kantonalbank. Doch auch der Weltmarktführer wisse nicht, wohin die Reise in der Nahrungsmittelindustrie in den nächsten zwanzig Jahren führen werde.

Vorsicht ist auch geboten, weil die Nestlé-Manager schon einmal von glänzenden Aussichten in einem neuen Geschäft schwärmten: dem Verkauf von Diät-Nahrung. 2006 kauften die Schweizer für 600 Millionen Dollar den US-Spezialisten Jenny Craig. Doch bis heute hat der Zukauf die Erwartungen nicht erfüllt - nun kursieren Gerüchte, dass Nestlé das Geschäft verkauft.

Cantarell räumt ein, dass es keine Garantie dafür gibt, dass es Nestlé Health Science nicht eines Tages auch so ergehen könnte. Aber er sagt: „Als ich vor drei Jahren den Job übernahm, glaubte ich an die Idee und an das Konzept. Heute weiß ich, dass wir es schaffen können.“

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