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Staatsanleihen Verzerrter Markt

Bekanntlich stellen Staatsanleihen in der aktuellen wirtschaftlichen Situation keine gute Geldanlage dar. Die Bedingungen am Markt sind zu schlecht. Doch es gibt noch Gründe für einen Kauf.

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Die Situation für europäische Staatsanleihen wird immer ernster, immer mehr Anleihen weisen nicht nur geringe sondern gar negative Zinsen auf. Quelle: dpa

Düsseldorf Staatsanleihen stellen einen Traum für viele Anleger und Sparer dar. Für die festverzinslichen Wertpapiere gilt: niedrige Rendite bei maximaler Sicherheit. Mit Aktien kann eine höhere Rendite erzielt werden, diese gelten allerdings als risikoreich. Viele Altersvorsorgeprodukte in Deutschland basieren deshalb auf den Bonds. Gerade bei der in Geldthemen eher konservativ agierenden Bevölkerung in Deutschland ist die Anlageklasse beliebt.

Aber auch institutionelle Investoren und Rentenfonds greifen gerne zu, um mit den sicheren Papieren ihre Investitionen in volatilere Asset-Klassen zu unterlegen. Selbst bei den Emittenten, also den Staaten, wird die Möglichkeit sich Geld am Markt zu leihen gerne genutzt. In den 90er Jahren, als die Deregulierung der Finanzmärkte einsetzte, liehen sich die Staaten viel Geld. 1990 lag die Staatsverschuldung der Bundesrepublik Deutschland noch bei 538 Milliarden Euro, fünf Jahre später waren es schon 1,019 Billionen Euro und 2013 2,030 Billionen Euro.

Da auch andere Eurostaaten und die USA viele Anleihen begaben, waren für jede Altersvorsorge genug Anleihen verfügbar. Die Situation für festverzinsliche Wertpapiere hat sich in den vergangenen vier Jahren radikal verändert. Die Schuldenkrise in Europa hat eine Schwäche der als sicher geltenden Staatsanleihen offenbart-das politische Risiko. Genau wie eine Unternehmensanleihe sind auch Staaten davon abhängig, wie sie geführt werden und somit auch die Bedienung der Anleihen.

Staatspleiten hat es in der Historie zwar schon gegeben-man denke an Argentinien-dass es aber Länder aus der Euro-Zone trifft war für Anleger lange undenkbar. Die Krise in Griechenland, die 2011 zu Tage trat, offenbarte auch in Ländern wie Italien, Spanien oder Irland Zahlungsprobleme. Die Anleihen der Länder gerieten ebenso unter Druck wie die Währung. Die europäische Zentralbank (EZB) reagierte mit massiver Leitzinssenkung und einem eine Billionen Euro teuren Anleihekaufprogramm (QE).

Die Folge für den Markt der Staatsanleihen? Er wird „massiv verzerrt“, erklärt Stefan Schilbe, Chefökonom bei HSBC Trinkaus, gegenüber Handelsblatt-Online. Staatsanleihen können heute nicht länger mit den Worten Sicher, großes Angebot und kleine Rendite beschrieben werden. „Die Situation am Staatsanleihemarkt ist massiv verzerrt: Dass aktuell schrumpfende Angebot an deutschen Staatsanleihen wird durch die Aufkäufe der Zentralbanken zusätzlich verknappt“, sagt Schilbe zu der neuen Situation.

Der Eingriff der Zentralbanken in den Markt für Staatsanleihen führt zu zwei zentralen Veränderungen. Zum einen ist der Anleihemarkt durch die Aufkaufprogramme der Zentralbanken nicht mehr so liquide wie vorher.
Außerdem flacht die Zinsstrukturkurve durch die niedrigen Leitzinsen immer weiter ab. „Dieser künstliche Eingriff führt dazu, dass sich die Zinsstrukturkurve weiterhin verflacht, aktuell sind die Renditen für Bundesanleihen bis sieben Jahren Laufzeit negativ“, erklärt der Experte.


Privatanleger sollten nicht investieren

Die Entwicklung der Zinsstrukturkurve spricht gegen einen Kauf von kurzfristig bis mittelfristig laufenden Staatsanleihen. Diese Papiere könnten eine Alternative zu langfristigen Anleihen darstellen, denn die Schuldenkrise zeigt, dass die Entwicklung von Staatshaushalten über 30 Jahre hinweg, unmöglich zu prognostizieren ist. „Renditen für Bundessanleihen mit kurzer und mittlerer Laufzeit sind also negativ und stellen für Privatanleger keine sinnvolle Investition dar“ , meint Schilbe dazu.

Nicht nur niedrige Zinsen, sogar negative Zinsen sind ein Problem am Anleihemarkt. Europäische Staatsanleihen mit einer negativen Verzinsung wachsen rasant. Nach Angaben der New York Times werden 30 Prozent der Staatsanleihen mit einer negativen Verzinsung gehandelt. Zentralbanken sind aber nicht die einzigen Marktteilnehmer, die zu einem geringeren Angebot beitragen. Wolfgang Schäuble, Finanzminister der Bundesrepublik, nutzt zum Beispiel die günstige Haushaltslage, um in den nächsten zwei Jahren einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu präsentieren.

Der Haushaltsüberschuss in Deutschland ist neben den Rekordsteuereinnahmen nicht zuletzt auch der geringen Zinslast geschuldet.,“ erklärt der Experte. Das bedeutet auch-neue Staatsanleihen wird Deutschland zunächst nicht emittieren. Obwohl das Geld am Markt billig ist scheint es nicht verkehrt die gute Haushaltslage zu verwenden, um diesen Paradigmenwechsel zu vollziehen.
Der Ökonom erhofft sich mehr aus dieser Chance.

„Anstatt die günstige Haushaltslage für Wahlgeschenke zu nutzen, wären nach einer sorgfältigen Prüfung Investitionen beispielsweise in Infrastruktur angeraten, um langfristig positive Rahmenbedingungen für Wachstum in Deutschland zu schaffen,“ führt er aus. Von den aktuell verfügbaren Anleihen am Markt, kauft die Bundesbank im Zuge des QE-Programms monatlich Anleihen im Wert von rund zehn Milliarden Euro, das drückt aufs Angebot.
Viele Banken und Pensionsfonds verringern zusätzlich das Angebot, weil sie regulatorische Auflagen zur Sicherung ihrer Investitionen erfüllen müssen. Auch diese Papiere sind am Markt nicht mehr verfügbar.

Aktuell wird deshalb in Medien und von Experten sehr stark für eine Investition in Aktien getrommelt. Der Abschied von Anleihen fällt sicherheitsorientierten Anlegern schwer. Die Argumente für eine Investition in Staatsanleihen sind allerdings spärlich. „Der Kauf von Staatsanleihen macht nur noch für Investoren Sinn, die regulatorischen Auflagen gerecht werden müssen. So müssen Banken zum Beispiel hochliquide Assets, also beispielsweise deutsche Bundesanleihen halten, um die Liquiditätsanforderungen entsprechend der Basel III-Vorgaben zu erfüllen“, gibt der Experte an.

Es scheint zur aktuellen, verzerrten Situation am Anleihenmarkt zu passen, dass gerade Regulatorien die von den Geldinstituten kritisiert werden, einen Kaufgrund für Anleihen darstellen. Bei den aktuellen Rahmenbedingungen des Marktes scheint es auch nicht klug zu sein auf eine positive Kursentwicklung bei US- Staatsanleihen zu spekulieren. Der Markt für US- Bonds ist durch das verdünnte Angebot extrem volatil geworden.

Lange war es ohne weiteres möglich große Volumen der Wertpapiere zu kaufen oder zu verkaufen ohne den Kurs stark zu beeinflussen. US-Anleihen sind bei Investoren auch deshalb beliebt, weil der Markt diese „Tiefe“ aufweist. In den vergangenen Monaten ist die Volatilität des Marktes allerdings um 70 Prozent zurückgegangen, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet. Die Investoren fürchten in Übersee Turbulenzen an den Anleihemärkten, gerade da sich die Fed auf eine Zinserhöhung vorbereitet.

Im Oktober vergangenen Jahres gab es bereits einen Ausblick darauf, wie diese Turbulenzen aussehen konnten. Am 15. Oktober verloren die zehnjährigen US-Staatsanleihen binnen zehn Minuten 0,34 Prozentpunkte.
Die neuen Rahmenbedienungen sind für private Anleger, die in Staatsanleihen investieren wollen schlecht. Für Anleger, die sich nicht regulatorischen Vorschriften beugen müssen beispielsweise private Anleger machen Staatsanleihen aktuell keinen Sinn“, meint Schilbe.


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