WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Standort Frankfurt Banken in London forcieren trotz Brexit-Übergangsfrist den schnellen Umzug

Durch die neue Brexit-Übergangsfrist haben Banken mehr Zeit für den Umzug nach Frankfurt. Die grundsätzlichen Umzugspläne bleiben aber bestehen.

Die Finanzbranche in London kann nach dem Brexit nicht so weitermachen wie bisher – vorerst. Quelle: dpa

FrankfurtDie Idee war naheliegend, aber nicht in seinem Sinne: „Einige Kollegen in London sind ganz schnell mit Vorschlägen gekommen, welchen Teil der Brexit-Pläne man denn jetzt auf die lange Bank schieben könnte“, berichtet ein Frankfurter Topbanker einer angelsächsischen Bank.

„Aber dann sind die Juristen ganz schnell dazwischen gegrätscht.“ Damit sei klar gewesen: „Wir machen weiter wie bisher“, so der Bankmanager. „Und wenn uns am Ende mehr Zeit übrig bleibt als erwartet, um den Schalter umzustellen, dann nutzen wir die Zeit für Probeläufe der neuen Systeme.“

Auslöser für die Vorschläge seiner Londoner Kollegen ist die Einigung zwischen London und Brüssel auf eine Brexit-Übergangsphase. Diese hat die EU an diesem Freitag bestätigt. Das bedeutet, dass die bisherigen Regeln zwischen Großbritannien und der Staatengemeinschaft bis Ende 2020 gelten und damit noch 21 Monate nach dem eigentlichen Austritt Ende März 2019.

Dass beide Seiten eine solche Übergangszeit vereinbaren, war eine wesentliche Forderung der Wirtschaft, um den Übergang in die neue Ära besser vorbereiten zu können.

Doch Aufsichtsbehörden und auch die Juristen, die die Finanzfirmen beraten, warnen davor, sich darauf zu verlassen. Es sei noch zu früh, um sich zurückzulehnen, sagte Andreas Dombret, der bei der Bundesbank für die Bankenaufsicht zuständig ist, Anfang der Woche bei einer Veranstaltung in Dublin. Viele Fragen müssten noch geklärt werden „und die Übergangsphase ist noch nicht vollständig garantiert.“

Die Übergangszeit ist Teil des gesamten Brexit-Deals, auf den sich London und Brüssel noch einigen und den sowohl das britische Parlament als auch die EU noch bis Frühjahr nächsten Jahres ratifizieren müssen. „Es wäre daher etwas leichtsinnig, sich jetzt bei der Umsetzung der Brexit-Umzugspläne auf Dezember 2020 und damit das Ende der Übergangszeit zu fokussieren“, sagt ein Topbanker einer internationalen Bank, die ihr Geschäft am Main im Zuge des Brexits ausbauen will.

„Wir werden so weitermachen wie geplant, um die regulatorischen Voraussetzungen zu bekommen.“ Wenn das erledigt sei und die Übergangszeit irgendwann verbindlich werde, „dann können wir den Fuß vom Gas nehmen – zumindest ein bisschen“.

Ähnliche Töne kommen von Heinz Hilger, Deutschland-Chef der britischen Bank Standard Chartered: „Wir werden mit unveränderten Tempo den Aufbau der gesamten Infrastruktur vorantreiben, die wir brauchen, um von hier aus das EU-Geschäft zu betreiben.“ Die Übergangszeit könne am Ende aber das Tempo bestimmen, „mit dem wir das Haus, das wir hier hochziehen, mit Leben füllen“.

Fachleuten zufolge gibt es in London etwa 100 Banken, die wegen des britischen EU-Austritts Teile ihres Geschäfts von London auf den Kontinent oder nach Irland verlegen müssen. Etwa 40 hätten bereits eine Entscheidung über ihre neue Bleibe getroffen, schätzt Hubertus Väth von der Vereinigung Frankfurt Main Finance, die für den Standort wirbt.

Etwa die Hälfte hat sich für Frankfurt entschieden, darunter Großbanken wie Morgan Stanley und Goldman Sachs, zuletzt aber auch kleinere Institute wie Raymond James und die Ratingagentur DBRS. Der Verband der Auslandsbanken in Deutschland schätzt, dass dies Frankfurt bis zu 5000 zusätzliche Jobs in den nächsten zwei bis drei Jahren im Finanzsektor einbringt.

Eine ganze Reihe von Versicherungskonzernen sowie Fondsgesellschaften hat sich hingegen für Luxemburg entschieden, um von dort aus künftig das EU-Geschäft zu steuern. Nicolas Mackel von der Finanzagentur Luxembourg for Finance rechnet mit 3000 zusätzlichen Stellen, die der Brexit dem Land beschert.

Diese Zahl könne noch steigen. „Die großen Unternehmen haben die Entscheidung getroffen, von wo sie ihr EU-Geschäft künftig steuern werden“, so Mackel, „es sind aber noch einige kleinere Spieler, die noch nicht soweit sind.“ Sollten es diese im Zuge des Brexits nach Luxemburg ziehen, könne das noch etwa 500 weitere Jobs mit sich bringen.

Auch Paris und Dublin, Madrid und Amsterdam buhlen um Brexit-Flüchtlinge. Einige Investmentbanken haben bereits klargemacht, dass sie Londoner Mitarbeiter auf verschiedene Standorte aufteilen werden – um beispielsweise Banker, die Unternehmen bei Fusionen und Übernahmen beraten, näher an ihre Kunden zu bringen.

„Die Übergangszeit wird an den Plänen nichts ändern“, so der Topbanker einer europäischen Großbank, „wir müssen in den nächsten Monaten ohnehin mit der Verlegung der ersten Jobs loslegen.“ Man könne mit der Umsetzung der Brexit-Pläne nicht mehr länger warten. „Selbst mit Übergangsphase ist die Zeit für einige Dinge recht knapp.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%