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Start-ups auf der Hannover Messe Diese Jungunternehmer fordern Siemens, Bosch und ABB heraus

Auf der Hannover Messe tummeln sich nicht nur Industrie-Größen – sondern immer mehr Start-ups. Zu Besuch bei den „Young Tech Enterprises“ .

Tech-Riesen und Start-ups stellen auf der Industriemesse Neuheiten im Bereich Virtual Reality vor. Quelle: dpa

HannoverSie haben oft die kleinsten Stände – dafür umso größere Ideen: Auf der weltgrößten Industriemesse in Hannover haben sich Start-ups mittlerweile einen Platz zwischen den Branchenriesen Siemens, Bosch und ABB erkämpft: in Halle 17 bei den „Young Tech Enterprises“.

Ohne große Bühne und mit wenig Show müssen die Kleinen dort vor allem ihre Produkte für sich sprechen lassen. Doch die haben es in sich – und treffen häufig auch Interesse bei den Großen. Manche, wie Lufthansa oder Volkswagen, sind bereits ihre Kunden. Andere sollen es nach der Hannover Messe werden.

Zum Beispiel Sensiks: Das niederländische Unternehmen wurde vor rund einem Jahr gegründet und stellt sogenannte „Reality Pods“ her. Das sind Virtual-Reality-Kammern, die alle Sinne ansprechen: die Augen über eine Brille. Die Ohren über Lautsprecher. Die Nase über eine künstliche Duft-Drüse. Die Haut über ein 360-Grad-Windgebläse – alles individuell für jedes dankbare Szenario einstellbar.

Vor einem Jahr wurde Sensiks gegründet – und stellte seine Kammer erstmals 2017 bei der South by Southwest aus. Inzwischen haben die Niederländer 25 Exemplare für etwa je etwa 25.000 Euro verkauft. Kunden wie Lufthansa oder die niederländische staatliche Pflegeeinrichtung Philadelphia simulieren damit das Gefühl in einem Flugzeug oder in einem Wald.

„Wir bieten auf Wunsch auch Modelle mit dem Firmenlogo des Kunden an“, sagt Rick Roelofs, Account Manager bei Sensiks. Bei den Gerüchen arbeitet das Unternehmen mit Spezialisten zusammen. „Gibt es den Geruch nicht im Sortiment, haben wir Dienstleister, die mit ihren Geräten einen Geruch buchstäblich ‚aufnehmen‘ können.“

Ein paar Meter weiter steht Jan Miofsky, gestreiftes Hemd, zerzaustes Haar, mit seinem Stand. Er ist Gründer der Innovationsplattform Coral Innovation, einem Spin-Off des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).

Das macht ihn einerseits zum Start-up-Unternehmer, andererseits zum Experten: Auf seiner Plattform werden neue Technologien verständlich aufbereitet und inhaltlich vernetzt. So sollen sich Unternehmer über Trends informieren und austauschen.

Miofsky sagt: „Die Technologien, die die Start-ups hier ausstellen, werden wir größtenteils in drei bis fünf Jahren auch in der Praxis sehen.“ Tatsächlich lassen viele der jungen Firmen ihre Produkte von den Messebesuchern ausprobieren, teilweise gibt es sie schon heute zu kaufen. „Einige dieser Innovationen werden schneller auf den Markt kommen, als viele heute denken.“

Ein großes Thema, das auf der Hannover Messe von Start-ups wie Traditionskonzernen gleichermaßen besetzt wird, sind Sensoren: häufig kleine Chips, die verschiedene Dinge messen können.

Während Hersteller wie Bosch in Halle 17 gleich eine ganze Systemlösung als „Factory of the future“ anbieten, beschränken sich die Start-ups einige Meter weiter auf etwas banalere Dinge: etwa smarte Schrauben.

So stellt beispielsweise das Bremer Unternehmen Sensosurf simple Bauteile wie Schrauben oder Flaschlager her, die mit einem integrierten Sensor versehen sind. Werden sie in Maschinen eingebaut, senden sie je nach Ausführung verschiedene Signale: Schwingungen, Temperatur oder Krafteinwirkung zum Beispiel. Ein Computer wertet die Daten aus – und warnt, sollte ein Bauteil in naher Zukunft kaputtgehen.

Das tschechische Start-up Neuron Soundware will den Wartungsbedarf mit einer Geräuschanalyse durchführen – und damit ebenfalls sogenannte „Predictive Maintenance“, das heißt vorausschauende Wartung, anbieten. Für die Vorhersage ist hier eine Künstliche Intelligenz (KI) zuständig, die unter anderem Daten von Motoren, Turbinen und Maschinen auswerten kann.

Dass die Start-ups mit den Themen Predictive Maintenance und KI einen Nerv getroffen haben, zeigt ein Besuch bei der etablierten Konkurrenz: So stellt zum Beispiel Bosch in Hannover selbst eigene Sensoren und KI-Plattformen vor, die die Vernetzung der Produktion vorantreiben sollen.

An der Schnittstelle zwischen Realität und Virtualität hingegen arbeitet das niederländische Start-up Sense Glove: Die Gründer um Gijs van den Butter haben ein Gerät entwickelt, mit dem die virtuelle Realität für den Menschen greifbar wird. Dabei trägt der Nutzer trägt eine VR-Brille und mindestens einen Handschuh. Der sieht allerdings eher aus wie ein Exoskelett – und kommt als Prototyp aus dem 3D-Drucker.

Das Besondere: Mit dem Handschuh kann man nicht nur nach den Dingen greifen, die in der virtuellen Realität angezeigt werden – sie geben auch haptischen Widerstand. Greift der Nutzer zum Beispiel nach einem virtuellen Ball, lässt der sich auch zusammenpressen. Drückt man ein virtuelles Glas zu fest, zerspringt es.

„Für uns ist die Hannover Messe eine gute Gelegenheit, um Kunden zu treffen“, sagt Gijs van den Butter. Entwickelt hat er das Gerät gemeinsam mit Freunden bei einem Start-up-Wettbewerb von Volkswagen. Heute wird es bei der niederländischen Marine eingesetzt, um die Matrosen zu trainieren.

Zahlreiche Unternehmen haben nach Bekunden des Gründers bereits ihr Interesse angekündigt, den Handschuh zu Schulungszwecken ebenfalls zu kaufen. Rund 1500 Euro kostet derzeit ein Set aus zwei Handschuhen und einer Brille – allerdings lässt sich das Gerät bisher nur online vorbestellen.

Dass die Hannover Messe nicht nur Maschinen, sondern auch Unternehmen vernetzt, beweisen Sense Glove und Sensiks, die ihren Stand in Halle 17 nebeneinander haben. „Wir haben bereits miteinander gesprochen und planen, den Handschuh von Sense Glove eventuell auch in unserem Reality Pod zu verbauen“, erklärt Sensiks-Mitarbeiter Rick Roelofs.

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