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Stephan Grühsem Winterkorn ehrt den PR-Mann des Jahres

Das „PR-Magazin“ hat Stephan Grühsem zum PR-Mann des Jahres ausgerufen. Jener arbeitet seit beinahe 20 Jahren mit VW-Vorstandschef Martin Winterkorn zusammen – der ihm eine selbstironische Laudation beschert.

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Preisträger Grühsem (Mitte) mit VW-Chef Winterkorn (l.) und Rommerskirchen. Quelle: Jörg Sänger/prmagazin

Remagen „Passen Sie auf, Herr Winterkorn“, scherzte Veranstalter Thomas Rommerskirchen noch, als er dem VW-Konzernchef das Redepult überließ, „alles was Sie jetzt sagen, ist Boni-relevant“. Doch den „Herrn Professor“, wie er an diesem Abend mehrfach korrekt genannt wurde, scherte das wenig.

Ein sichtlich entspannter Martin Winterkorn holte zu einer Laudatio aus, die gespickt mit Selbstironie, Witz, Charme und Lob nur einen Schluss zu ließ: Sein Kommunikationschef Stephan Grühsem ist jeden Euro Bonus wert, den Winterkorn ihm bei VW zahlt. Der 53-jährige Grühsem hat am Dienstagabend in Remagen-Rolandseck vom Verlag Rommerskirchen („PR Magazin“) den so genannten „Seismographen“ bekommen, der seit 1992 an den „PR-Manager des Jahres“ verliehen wird.

„Seismographen“, begann Winterkorn seine Rede, „kenne ich.“ Aber auf den ersten Blick habe er sich gefragt, wofür man einen Seismographen für Kommunikation brauche, schließlich messe das Gerät seismische Wellen, die etwa durch Erdbeben ausgelöst werden. Doch auf den zweiten Blick sei es ihm klar geworden: „Es gibt auch bei uns in Wolfsburg - vorsichtig gesagt - ein paar Erschütterungen.“

Nun ist nicht Grühsem für die Erschütterungen verantwortlich, sondern ein gewisser Ferdinand Piëch, der im April den 68-jährigen Winterkorn nicht mehr für den Richtigen bei VW hielt. Das wiederum machte Veranstalter Rommerskirchen mächtig nervös, denn er hatte ja schon im Januar Grühsem als PR-Manager des Jahres ausgerufen. Doch der Preisträger beruhigte ihn am Telefon: „Wir kommen, Thomas, in welcher Funktion auch immer!“

Sie kamen in der altbewährten Form, als das Tandem, das es nun schon seit fast zwanzig Jahre gibt. So lange ist Grühsem an der Seite von Winterkorn. Und er bleibt es voraussichtlich bis 2018, der Vertrag seines Chefs ist gerade bis dahin verlängert worden. Winterkorn strahlte bei seinem Auftritt zur Preisverleihung denn auch die Gelassenheit und Souveränität eines Gewinners aus.

„Damals“, sagte der Konzernchef zu den Anfängen mit Grühsem, „stand die Abkürzung PR noch für Partys und Reisen.“ Das sorgte für ein wohliges Gelächter unter den geladenen Gästen - darunter fast alle wichtigen Kommunikationschefs dieses Landes und etliche PR-Berater. „Ein gutes Produkt“, fuhr Winterkorn fort, „brauche keine Kommunikation, ist damals die Einstellung vieler gewesen.“

Grühsem habe ihn, den Schwaben und Ingenieur, aber schnell den Wert von Kommunikation gelehrt. Und heute gehe es nicht mehr nur um das Produkt, sondern um die Menschen dahinter. „Kommunikation ist ein hartes Geschäft“, sagte er in der lieblichen Atmosphäre eines Pfälzer Weinkellers, dem Keller des Verlagshauses, eingeklemmt zwischen Rhein und B9 auf der einen und einer Bahntrasse auf der anderen Seite.

Kommunikation sagte Winterkorn, sei ein Treiber des Wandels. Keiner außer den Kommunikationsfachleuten könne besser vermitteln, „was der Wandel der Gesellschaft für uns bedeutet“. Dazu gehöre „nicht nur Sachverstand, sondern auch der Mut, mal gegen den Strich zu bürsten“, fuhr Winterkorn fort. „Und eines können Sie mir glauben: Stephan Grühsem tut das gerne.“


Ein „richtiger Unruhestifter“ bei VW

Diese kleinen Spitzen machen den Charme von Winterkorns Rede aus. Eine Laudatio verkommt schließlich schnell zur Lobhudelei. So lobte Winterkorn zwar Grühsem über alle Maßen, aber das immerhin äußerst unterhaltsam. Grühsem sei ein „richtiger Unruhestifter“ im Konzern, sagte Winterkorn zum Beispiel. Nachdem Gelächter all der Kollegen verklungen war, die den Kommunikationschef kennen, ergänzte der Professor: „Das heißt, er hat das richtige Gespür für die richtigen Themen zur richtigen Zeit.“

Das bewies Grühsem gleich in seiner kurzen Dankesrede. „Bei uns im Unternehmen gibt es diesen Spruch: Nicht geschimpft ist gelobt genug“, sagte er. Deshalb müsse er dieses viele Lob erst einmal verarbeiten.

Schließlich gilt Winterkorn als harter Hund und autoritärer Chef. An diesem Abend jedoch gab er ganz weich und erzählte sogar die Anekdote, wie Grühsem sich Respekt bei den Ingenieuren des Konzerns verschafft habe. Irgendwo in Afrika hätten sie den neuen Golf GTI getestet. Und alle hätten gerätselt, warum der Wagen nicht so kraftvoll aussah. „50 Ingenieure standen herum und rätselten, und dann kam aus der zweiten Reihe von Grühsem: Ihr habt die Rückleuchten falsch angebracht!“

In der Tat hatten die Ingenieure die weißen Rückfahrleuchten ganz nach oben über die roten Bremsleuchten gesetzt. Dadurch wirkte es optisch so, als ob das Auto höher liege und nicht tief und breit wie alle Vorgänger. Die Lampen wurden dann wieder getauscht.

Das war eine reife Leistung für einen früheren Journalisten, der einst sogar beim Handelsblatt zusammen mit dem heutigen Herausgeber Gabor Steingart an einem Magazin-Projekt namens „Copy“ gearbeitet hatte. Das Magazin wurde eingestellt, Grühsem verschlug es zum Wirtschaftsmagazin „Capital“ und schließlich zu Winterkorn, der damals noch Markenvorstand für die technische Entwicklung von Volkswagen war.

Natürlich ist niemand fehlerfrei. Grühsem hat es zum Beispiel geschafft, den Fußballfan Winterkorn in eine hochnotpeinliche Situation zu manövrieren, wie der Konzernchef genüsslich erzählte. Grühsem habe ihm eine Rede für einen Auftritt in München geschrieben. „Da stand dann, wie gerne ich nach Bayern komme, in die Heimat des glorreichen FC Bayern“, erzählte Winterkorn. „Und in Klammern noch: Applaus abwarten.“

Doch auf den Applaus wartete Winterkorn vergeblich, es herrschte plötzlich eine Eises-Stimmung. Später habe ihm jemand erklärt, es seien alles Fans von 1860 München im Saal gewesen.

Am Dienstagabend in Remagen-Rolandseck konnte Stephan Grühsem seinen Chef jedoch nicht aufs Glatteis führen. Denn bei der Laudatio hat er Martin Winterkorn wohl kaum den Stift geführt.

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