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Studie von Umweltschutzorganisationen Allianz wegen Kohleprojekten in der Kritik

Die Allianz hat sich dem Klimaschutz verschrieben. Umweltschützer attackieren den Konzern jetzt aber wegen seines Engagements bei Kohleprojekten in Polen. Auch andere Versicherer stehen am Pranger – darunter Ergo.

Quelle: dpa

DüsseldorfIm Dezember wird sich die Weltgemeinschaft wieder treffen, um den Kampf gegen den Klimawandel voranzutreiben. In diesem Jahr wird der UN-Klimagipfel aber von einem Staat ausgetragen, der selbst am Pranger der Klimaschützer steht: Polen. Das Land setzt noch immer im großen Stil auf Bergbau und Kohlekraftwerke – und plant weiter mit neuen Anlagen.

Internationale Umweltschutzorganisationen haben deshalb die Kohleprojekte im Gastgeberland des nächsten Klimagipfels untersucht – und dabei auch eine entscheidende Rolle europäischer Versicherer festgestellt. Unter den bedeutendsten Versicherern sind laut Studie auch zwei deutsche Unternehmen: die Allianz und die Munich-Re-Tochter Ergo Hestia.

Polnische Unternehmen planen neue Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von zehn Gigawatt Leistung, das entspricht etwa einem Dutzend großer Kraftwerke, heißt in der Studie, an welcher der Umweltschutzverein Urgewald aus Deutschland beteiligt war und die dem Handelsblatt vorliegt. 3,2 Gigawatt seien bereits im Bau. Gleichzeitig sollten „gewaltige neue Kohleminen“ erschlossen werden. Kein Land in der Europäischen Union expandiere nach wie vor so stark in der Kohleverstromung, bei der besonders viel des klimaschädlichen Kohlendioxids ausgestoßen wird.

Der Studie zufolge haben europäische Versicherer über ihre polnischen Tochtergesellschaften mehr als 1,3 Milliarden Euro in den polnischen Kohlesektor investiert. Zudem seien seit 2013 „mindestens 21 Verträge für die Versicherung bestehender und neuer Kohleprojekte“ unterzeichnet worden. Die Allianz habe dabei seit 2013 mindestens neun, Ergo Hestia mindestens zwölf Versicherungsverträge für polnische Kohlefirmen abgeschlossen. Nach Auffassung der Umweltschützer spielen sie damit eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung von Kohleprojekten: „Solche Unterstützung ist für Kohlefirmen, die in vielen Fällen mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfen, überlebenswichtig“, heißt es seitens des Umweltschutzvereins.

Urgewald hat in den vergangenen Monaten gemeinsam mit den internationalen Partnern schon mehrere Studien vorgelegt, in denen Kohleprojekte und vor allem deren Finanziers beleuchtet werden. Umweltschützer machen seit Jahren gezielt Druck auf Investoren und Versicherer, um den Klimaschutz voranzutreiben. Mit der Strategie haben sie schon Erfolge erzielt: Große Investoren oder Versicherer haben angekündigt, ihr Engagement in Kohlefirmen zu reduzieren.

Auch Allianz hatte 2015 zahlreiche Kohlefirmen aus dem Investitionsportfolio ausgeschlossen. Die Maßnahme betrifft aber nur Eigenanlagen, nicht Investitionen, die Allianz im Auftrag Dritter tätigt. Und auch Versicherungen von Kohleprojekten waren bislang nicht ausgeschlossen.

Die neuen Vorwürfe von Urgewald will man bei der Allianz offiziell nicht kommentieren. In Unternehmenskreisen heißt es jedoch, dass man heute nicht mehr glücklich sei über die Verträge mit polnischen Kohlekraftwerksbetreibern. Der Vertrag mit dem größten derzeit in der EU im Bau befindlichen Kraftwerk in Opole wurde demnach geschlossen, ehe sich der Konzern seine neue Kohle-Policy verordnete. Solche Verträge haben in der Regel eine Laufzeit von bis zu 40 Jahren. „Heute würde man das wohl nicht mehr machen“, heißt es aus dem Unternehmen.

Opole ist nach Darstellung von Urgewald derzeit das größte Projekt für den Bau eines neuen Kohlekraftwerks in der Europäischen Union. Es soll eine Leistung von 1,8 Gigawatt haben und schon im kommenden Jahr in Betrieb gehen. Auch Ergo Hestia soll zu den Versicherern gehören.

Neugeschäft mit Kohlekraftwerken könnte eingestellt werden

Die Umweltaktivisten haben Allianz-Chef Oliver Bäte auch in einem persönlichen Brief mit ihren Vorwürfen konfrontiert. Darauf hat er am Dienstag geantwortet. Über den Inhalt schweigen beide Parteien aber. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass der Versicherer demnächst das Neugeschäft mit Kohlekraftwerken einstellen wird. Offiziell könnte das Ganze schon mit der Vorlage der Bilanz am 16. Februar werden. „Das Thema hat zuletzt noch einmal deutlich an Tempo aufgenommen“, heißt es intern.

Immer wieder musste sich der Versicherer kritisieren lassen, er würde sich zwar nach außen hin als Saubermann darstellen, weil Eigeninvestments nicht mehr in den Bereich Kohle gingen. Das Versicherungsgeschäft mit Kohleunternehmen sowie verwaltete Drittgelder von Kunden würden jedoch weiterhin dorthin fließen. Zumindest das Versicherungsgeschäft könnte demnach in diesem Jahr noch eingestellt werden. Bei der Verwaltung von Kundengeldern, bei der man häufig für andere Großinvestoren tätig ist, ist man jedoch weiter an deren Weisungen gebunden, heißt es. Insofern dürfte sich hier vorerst nichts ändern, so dass diese Gelder auch in Zukunft weiter in Kohleunternehmen fließen werden.

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