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Sunfire-Chef Nils Aldag Wundersprit fürs Klima

Der Mitgründer des Start-ups Sunfire will mit seinem klimaneutralen Brennstoff Blue Crude dreckiges Erdöl ersetzen. Bei der Industrie kommt das Konzept aus Dresden gut an. Es gibt allerdings ein grundlegendes Problem beim Geschäftsmodell.

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Er hofft nun auf die Politik. Quelle: Stephan Floss für Handelsblatt

Düsseldorf Um seinen Argumenten mehr Gewicht zu verleihen, greift Nils Aldag gern zu Filzstiften. Auf einem Whiteboard zeichnet der Jungunternehmer in Schwarz, Rot und Grün drei Säulendiagramme. Unter das größte schreibt er in dicken Lettern Öl, unter das zweitgrößte Gas und unter die kleinste Säule Strom. „Wir leben in einer Welt, die sich nur dank fossiler Brennstoffe dreht“, erklärt Aldag. „Unsere gesamte Infrastruktur ist auf Öl und Gas ausgerichtet.“

Was Aldag grafisch auf den Punkt bringen will: Öl und Erdgas sind noch immer für 60 Prozent des deutschen Energieverbrauchs verantwortlich. Für den 31-Jährigen ist klar: „Nicht alle Produkte, die aus diesen Brennstoffen hergestellt werden, lassen sich zu hundert Prozent durch Ökostrom ersetzen.“ Um die Welt vor dem Klimakollaps zu bewahren, hat Aldag eine andere Lösung: Blue Crude – ein klimaneutraler Erdölersatz. Auf Basis dieser synthetischen Wunderflüssigkeit können Tausende Produkte hergestellt werden, die bislang auf Erdöl basieren – von Kaugummis und Kreditkarten über Sneakers und Smartphones bis hin zu grünem Diesel, Benzin oder Kerosin.

Was nach futuristischer Alchemie klingt, ist im Süden Dresdens längst Realität. Hier arbeiten rund 100 Mitarbeiter beim Start-up Sunfire daran, die Energiewelt zu revolutionieren. Die Firma wurde 2010 von Aldag und seinen Kollegen Carl Berninghausen und Christian von Olshausen gegründet. Das Trio besitzt ein Patent, das es Sunfire erlaubt, Kohlenwasserstoff-Moleküle auf Basis von Ökostrom sehr effizient herzustellen. Drei Tonnen Blue Crude hat Sunfire bereits produziert.

Die Technik: Unter hohem Druck wird im Elektrolyseur Wasserdampf mit Hilfe von Wind- oder Solarstrom in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Dann wird dem Wasserstoff das Treibhausgas Kohlendioxid beigemischt und zu Kohlenmonoxid reduziert. Am Ende des Prozesses entsteht Blue Crude, das sich in Raffinerien zu Wachsen, Schmiermitteln oder Sprit fürs Auto und Flugzeug veredeln lässt.

Die synthetischen Brennstoffe sind „glasklar statt pechschwarz“, erklärt Aldag. Sie enthalten keinen Schwefel oder andere Verunreinigungen. Beim Verbrennen des künstlichen Sprits entstehen zwar Stickoxide, diese lassen sich laut Aldag aber „gut filtern“. Der große Vorteil der Erdöl-Substitute: Sie lassen sich eins zu eins in die bestehende Infrastruktur integrieren – von der Raffinerie über die Tankstellen bis hin zum Verbrennungsmotor.

Bei der Industrie kommt das Konzept gut an. Audi konnte ebenso als Projektpartner gewonnen werden wie der Flugzeughersteller Boeing. Es gibt allerdings ein grundlegendes Problem beim Geschäftsmodell: Öl und Erdgas sind so billig, dass sich die Produktion von Blue Crude noch nicht rechnet.

Aldag fordert die Politik daher zum Handeln auf. Wenn die Volkswirtschaft dekarbonsiert werden soll, brauche es synthetische Brennstoffe. „Unsere Technik ist ausgereift“, sagt Aldag. Ähnlich wie bei der Photovoltaik vor 20 Jahren gehe es jetzt nur noch darum, die Kosten bei Elektrolyseuren drastisch zu senken. Aktuell ist in der Dresdener Produktion nichts automatisiert, alles wird per Hand hergestellt. „Durch Massenfertigung könnten wir enorme Skaleneffekte heben.“

Ab 2020 will Sunfire mit Partnern in Norwegen in einer Großvolumenanlage jährlich 8.000 Tonnen Blue Crude produzieren. Derzeit setzt das Start-up bis zu zehn Millionen Euro pro Jahr um. Langfristig will Aldag Milliarden einnehmen. „Ich möchte, dass Sunfire das Linde oder Air Liquide von morgen wird – aber auf Basis von erneuerbaren Energien.“

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