Talkrunden-Analyse „Als ob die Machtergreifung der AfD bevorstünde“

Bei „Anne Will“ und in der Elefantenrunde ging es emotional hoch her und argumentativ durcheinander. Kubicki (FDP) hielt den Ball flach, Özdemir (Grüne) zeigte Lust aufs Regieren. Der nächste Bundestag wird spannend.

Es ging hoch her: Die Parteivorsitzenden Katja Kipping (Die Linke), Jörg Meuthen (AfD), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Martin Schulz (SPD) und Christian Lindner (FDP), der bayerische Innenminister und CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann (3.v.l) und die Spitzenkandidatin von Bündnis 90 / Die Grünen, Katrin Göring-Eckardt (r) sowie die TV-Moderatoren Rainald Becker (5.v.r) und Peter Frey (4.v.r) bei der Fernsehrunde der Parteivorsitzenden nach der Bundestagswahl. Quelle: dpa

BerlinAn Bundestagswahl-Abenden läuft kein „Tatort“. Das war aber auch nicht nötig. Die ARD bot mit Talkrunden ein größeres Spektrum an Emotionen als jeder Krimi. In der „Berliner Runde“, die ARD und ZDF um 20.15 Uhr zeitgleich sendeten, zeigte sich SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz angriffslustig und dünnhäutig zugleich. Angela Merkel sei die „größte Verliererin“ des Wahlabends und werde „jede Konzession machen“, um nun in einer Jamaika-Koalition regieren zu können, sagte der SPD-Chef und musste sich von der Grünen Katrin Göring-Eckhardt ermahnen lassen, doch nicht gleich schon mit dem Wahlkampf 2021 zu beginnen.

Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich nach eigenen Angaben „nicht enttäuscht“ vom Wahlergebnis, wirkte aber doch angekratzt. Sie registrierte immerhin, wie die Grüne und FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner als ihre mutmaßlichen künftigen Koalitionspartner bereits zu flirten begannen.

Und CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann machte ein ganz neues Fass auf, indem er den öffentlich-rechtlichen Sendern vorwarf, sie hätten durch ihre Sendungen die AfD erst großgemacht. Selbst in der „Berliner Runde“ sei ja vor allem über die AfD gesprochen wurden. Da konnten die Moderatoren Rainald Becker und Peter Frey, Chefredakteure bei ARD und ZDF, allerdings mit Recht darauf verweisen, dass sämtliche Studiogäste bei Fragen zum Thema AfD geradezu übersprudelten.

Es ging also hoch her in der mit sieben Gästen seit langem größten „Elefantenrunde“ der im neuen Bundestag vertretenen Parteien - und das setzte sich im Anschluss in Anne Wills Talkshow weiter fort. Dort prophezeite der einzige Nicht-Politiker der Runde, „Stern“-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges, im ersten Redebeitrag, dass wegen des Wahlausgangs die Führungen der Volksparteien „alle mittelfristig abgelöst“ würden. Außer Schulz, bei dem sich das bereits abzeichne, werde das auch Merkel und erst recht Horst Seehofer treffen, bemerkte der Journalist im Gestus einer aufgekratzten Kassandra.

Die CDU vertrat Ursula von der Leyen, die sich in umständlichen Sätzen erst mal erfreut äußerte, dass die bürgerliche Mitte klar stärker sei als „die extremen Ränder“, zu denen sie außer der AfD auch die Linke zählte. Erst auf Nachfrage bekundete die noch amtierende Verteidigungsministerin, dass das Wahlergebnis ihrer Partei nicht gut sei.

Im Verlauf von Wahlabend-Diskussionen hätten ja immer alle die Wahl gewonnen, hob Cem Özdemir an. Er aber wolle trotz des guten Ergebnisses seiner Grünen nicht daran anknüpfen – wegen der „Erdrutsch“-artigen AfD-Gewinne. „In meinem Land gibt's 'ne tiefe Spaltung!“, sagte Özdemir. „Sehen Sie das erst jetzt?“, bemerkte Moderatorin Will schlagfertig.


SPD im „Schmollwinkel“ oder der Opposition?

Die SPD vertrat mit bitterernster Miene Mecklenburg-Vorpommerns neue Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Der neue Bundestag brauche „eine lebendige Opposition“, verteidigte sie den rasch gefassten Beschluss ihrer Partei, nicht für eine weitere Regierung zur Verfügung zu stehen – den Özdemir den „Schmollwinkel“ nannte. Der Grüne erinnerte an die Verantwortung, die die SPD in vergangenen Epochen übernommen hatte, etwa bevor die Nazis 1933 die Demokratie abschafften. Schwesig schien sich bereits in der neuen Fundamentaloppositions-Rolle gegen CDU, FDP und Grüne zu üben, während Özdemir enorm staatsmännisch („Ab und zu geht's auch mal ums Land und nicht nur um die Partei“) seine Lust aufs Regieren zeigte.

Wolfgang Kubicki vom Koalitionspartner in spe FDP nutzte die Steilvorlagen, um den Ball flach zu halten. "Wir diskutieren, als ob die Machtergreifung der AfD bevorstünde", sagte er, dabei habe die AfD doch bloß gut 13 Prozent der Stimmen errungen.

Tatsächlich saß AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland ebenfalls im Studio. Von ihm waren bereits mehrere längst breit zitierte Wahlkampf-Sätze erneut zitiert worden, bevor er nach einer halben Stunde erstmals direkt zu Wort kam. Es werde lieber „über uns statt mit uns“ geredet, konstatierte er, ohne sich zu ärgern. Dass das der AfD eher nütze als schade, habe die Wahl ja bewiesen. Dann beschwerte er sich aber doch über die „rechtsradikale Keule“, mit der seiner Partei immer konfrontiert würde. Woraufhin von der Leyen flexibel von der „Masche, die wir bei Trump erlebt haben“, sprach.

In der zweiten Talkshow-Hälfte wurde wie gewohnt lange parallel gesprochen, so dass einzelne Argumente oft kaum zu verstehen waren. Bloß hoch her ging es offensichtlich. Einmal erinnerte Gauland an „die großen Debatten“, die er als junger Mann im Radio aus dem Bundestag gehört habe, etwa zwischen Willy Brandt und Rainer Barzel. Und da hatte der AfD-Vertreter tatsächlich einen Punkt.

Wills gute Frage, ob der neue Bundestag ein „besseres Abbild der Gesellschaft“ biete, bejahte „Stern“-Journalist Jörges uneingeschränkt („Der letzte Bundestag war schrecklich“). Kubickis FDP freut sich natürlich, wieder drin zu sein. Dass im alten Bundestag nicht alles gut gelaufen war, kleidete Özdemir in die gegenüber seinem mutmaßlichen künftigen großen Partner gegenüber milde Formulierung, dass die Große Koalition „nicht so einen tollen Job“ gemacht habe.

Wenn die Debatten, die in den vergangenen Jahren, Monaten und Wochen gelegentlich in Fernseh-Talkshows stattfanden, künftig auch wieder im Parlament mit seinen anderen Regeln – zum Beispiel darf immer nur einer reden, und die Beiträge dürfen länger sein – passieren, kann das der Demokratie nur gut tun. Wenn nicht mehr eine kleine Bundestags-Opposition einer Großen Koalition gegenübersteht, sondern der neuen Bundesregierung eine große Opposition von unterschiedlichen Seiten, könnten sich ja wirklich wieder parlamentarische Sternstunden ereignen wie einst, als Willy Brandt noch im Bundestag saß. Das haben die beiden Talkrunden am Sonntagabend in der ARD schön angedeutet.

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