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Alternative zum Auto Elektroräder auf dem Vormarsch

Lange galten Fahrräder mit Hilfsantrieb als Vehikel für Alte und Behinderte. Mit flottem Design und starken Batterien werden Elektroräder nun für Berufspendler interessant – als Alternative zum Auto.

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Pedelec

Wolfgang Schuster schien wie gedopt. Der Stuttgarter Oberbürgermeister und ehemalige Gebirgsjäger kurvte fast eine halbe Stunde lang mit einem Fahrrad über den Marktplatz, sauste mit fast schon halsbrecherischem Tempo über Rampen und machte dann noch Anstalten, eine steil ansteigende Nebenstraße im Renntempo zu nehmen – der 58-Jährige zeigte keinerlei Ermüdungserscheinungen. Und trotz strahlenden Sonnenscheins und frühsommerlicher Temperaturen zeigte sich auf dem blütenweißen Hemd des OBs kein einziger Schweißfleck.

Mit der Testfahrt um den Marktplatz wollte Schuster weniger seine körperliche Fitness beweisen und schon gar nicht für irgendein Deo werben. Zusammen mit anderen Teilnehmern der Tagung „Cities for Mobility“ testete der Oberbürgermeister vielmehr ein neues Verkehrsmittel, das in den kommenden Jahren das Straßenbild der Autostadt Stuttgart prägen soll: Fahrräder mit elektrischer Trittunterstützung, im Fachjargon kurz Pedelecs („Pedal Electric Cycle“) genannt. „Das System“, befand Schuster nach der Testfahrt mit einem Rad des britischen Herstellers Ultra Motors, „ist wie geschaffen für Stuttgarts Topografie“: Die 300 Höhenmeter zwischen der City und der Außenstadt seien mit konventionellen Rädern nur schwer zu meistern.

Denn dort, wo der ungeübte Radler zu schnaufen beginnt – an der Steigung oder bei kräftigem Gegenwind – erfährt der Fahrer eines Pedelec automatisch eine sanfte Beschleunigung, zumindest eine spürbare Entlastung der Muskeln: Ein Sensor im Tretlager misst die Tret-Intensität oder die Geschwindigkeit, mit der sich die Kurbel dreht. Anhand der Daten und über einen Controller steuert ein Elektromotor gerade so viel Kraft hinzu, dass der Fahrer mühelos den Berg hinaufkommt. Von dieser Freiheit haben viele Freizeitradler lange geträumt.

Je nach Kapazität der Batterie und Geländebeschaffenheit kann der Fahrer eines modernen Pedelecs diese Trittunterstützung zwischen 50 und 100 Kilometer lang genießen – anschließend muss das Velo an die Steckdose oder der Radler die Strecke allein meistern. Damit niemand unterwegs kraftlos liegen bleibt, sollen in Stuttgart Dutzende von Ladestationen aufgebaut werden, an denen müde Akkus gegen frischaufgeladene ausgetauscht werden können – mit einem ähnlichen Konzept will der ehemalige SAP-Vorstand Shai Agassi Elektroautos zum Durchbruch verhelfen.

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    Pedelecs, 1994 vom Motorradhersteller Yamaha erstmals auf den Markt gebracht, erleben in Zeiten des Klimawandels und galoppierender Benzinpreise weltweit einen regelrechten Boom. Allein in China wurden im vergangenen Jahr fast 20 Millionen Fahrräder mit Hilfsantrieb verkauft. Aber auch in Europa nimmt das Geschäft mit den Power-Bikes eine rasante Entwicklung. In der Fahrradnation Holland haben sich nach Erhebungen des Informationsdienstes Bike Eu-rope die Verkaufszahlen binnen eines Jahres mehr als verdoppelt – von 40.000 Rädern 2006 auf rund 84.000 Exemplare im vergangenen Jahr. Die Fahrräder mit Trittunterstützung kommen dort bereits auf einen Marktanteil von fast 20 Prozent, obwohl das Land fast überall topfeben ist. Der niederländische Zweiradverband RAI rechnet für das laufende Jahr mit einem Absatz von etwa 120.000 Rädern. Bei einem durchschnittlichen Preis von 1800 Euro, den Holländer für ein Fahrrad dieser Bauart zahlen, wären dies rund 220 Millionen Euro Umsatz.

    „Die Menschen wollen auch auf zwei Rädern Komfort erleben und sich in den Großstädten nicht mit Staus, der Parkplatzsuche und den hohen Benzinpreisen plagen“, erklärt sich Vincent Persoon, Produktmanager beim führenden Pedelec-Hersteller Sparta die rasante Entwicklung des Geschäfts. Hinzu kommt: Da sich der Elektromotor eines Pedelec bei einer Fahrgeschwindigkeit von 25 Kilometer in der Stunde automatisch ausschaltet, muss das Rad nicht versichert werden – und braucht der Fahrer keinen Helm zu tragen. Seit Jahresbeginn hat Sparta von seinem populärsten Elektrorad, dem Modell Ion, bereits 75.000 Exemplare verkauft – und ist nun ausverkauft. Erst im August oder September werden wieder Räder in den Handel kommen. Persoon: „Wir arbeiten mit Volldampf, um die Nachfrage zu befriedigen.“

    In Deutschland, wo hügelige bis bergige Landschaften eigentlich ideale Einsatzbedingungen für muskelelektrische Leichtfahrzeuge bieten, können die Fahrradhändler von Umsatzgrößen, wie sie ihre Kollegen im Nachbarland erzielen, vorerst nur träumen. „In Holland ist das Fahrrad eben ein Verkehrsmittel – in Deutschland gilt es immer noch als Sportgerät“, erklärt Hannes Neupert die unterschiedlichen Marktbedingungen. Neupert ist Vorsitzender des Vereins Extra Energy aus der thüringischen Kleinstadt Tanna, der sich seit über 15 Jahren für diese umweltfreundliche Form der Fortbewegung starkmacht und bereits 1999 den Namen Pedelec in die Welt setzte. „Hierzulande hängt dem Elektrorad bis heute der Ruf eines Hilfsmittels für Alte und Gebrechliche an“, beklagt Neupert.

    Elektrorad von Riese+Müller

    Beides zusammen sorgt dafür, dass diese Fahrradgattung hierzulande bislang nur auf einen bescheidenen Marktanteil kommt: Von den rund 4,6 Millionen Rädern im Wert von 1,7 Millionen Euro, die im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft wurden, besaßen nur etwa 1,5 Prozent einen Elektromotor. „Doch inzwischen ist das für uns ein richtig spannendes Thema“, sagt Rolf Lemberg, Geschäfts-führer des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) aus Bad Soden im Taunus. Schon im laufenden Jahr rechnet der ZIV mit einem Verkauf von rund 100.000 Elektrorädern. „Das Geschäft ist sicher noch ausbaufähig.“ Bestes Indiz dafür: Der Discounter Aldi ist kürzlich in das Geschäft eingestiegen. Zum Kampfpreis von 699 Euro bot die Handelskette ein Pedelec einfacher Bauart an.

    Die Entwicklung der Treibstoffpreise beflügelt das Geschäft. Lemberg: „Ein Benzinpreis von über 1,50 Euro pro Liter hatte für viele Menschen Signalwirkung. Auf Kurzstrecken setzen sie nun wieder stärker aufs Fahrrad“, meint der ZVI-Geschäftsführer. Dafür spreche unter anderem der deutlich gestiegene Umsatz des Handels mit Verschleißteilen – „erst wird geflickt und repariert – der Kauf eines neuen Fahrrads folgt immer mit etwas Verzögerung erst an zweiter Stelle“.

    Das große Umsatteln steht also noch bevor. Viele Berufspendler, die täglich nur etwa 15 bis 20 Kilometer bis zu ihrem Arbeitsplatz zurücklegen, könnten dann in Versuchung geraten, sich ein Fahrrad mit Hilfsantrieb oder Trittunterstützung zuzulegen: Ein Preis von umgerechnet etwa 35 Cent für 100 Kilometer Fahrstrecke ist in diesen Tagen ein starkes Argument. Zudem ist das Angebot der Industrie derzeit so groß wie nie zuvor: Praktisch jeder Hersteller hat inzwischen wenigstens eine E-Bike-Serie im Angebot. Wie ein Blick auf die kommenden Neuheiten der Fachmessen Eurobike in Friedrichshafen (4. bis 7. September) und IFMA in Köln (18. bis 21. September) zeigt, liegen Elektroräder voll im Trend: Ob Falt-, Liege- oder Dreirad, ob City- oder Mountainbike – fast jede Fahrradgattung gibt es mittlerweile mit einem Hilfsantrieb.

    Und die neuen Pedelecs kommen dank neuer Batterietechniken, kompakter Radnaben- oder Tretlager-Motoren sowie intelligenter Kraftsensoren in der Tretkurbel oder am Hinterbau wesentlicher e-motionaler daher als die elektrisch unterstützten Oma-Fahrräder von gestern: Andere Verkehrsteilnehmer müssen inzwischen schon genau hinschauen, um zu erkennen, ob das hohe Fahrtempo des Radlers nun das Resultat eines guten Konditionstrainings – oder eines versteckten Hilfsmotors ist. „Die Technik entwickelt sich sprunghaft“, weiß Frank Heitmeyer aus Hamburg. Der Gründer des auf Elektrofahrräder spezialisierten Internet-Portals E-Wheels – und Gesellschafter eines VW/Audi-Autohauses – zieht derzeit nach dem Vorbild von Sixt ein internationales Netzwerk zur Vermietung von Elektrofahrrädern auf und steckt entsprechend tief in der Szene.

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      Getrieben wird die rasante technische Entwicklung unter anderem von der taiwanischen J.D. Corporation, dem führenden Zulieferer von Motoren, Sensoren, Batterien und anderer Komponenten für die Pedelec-Fabrikanten in aller Welt. Für 2009 hat das Unternehmen die nächste Entwicklungsstufe seines TranzX genannten Systems angekündigt: noch leistungsfähigere, noch schneller wiederaufladbare Lithium-Ionen-Batterien (marktüblich sind derzeit Nickel-Metallhydrid-Batterien), noch stärkere, auch leichtere Elektromotoren sowie intelligentere Steuerungssysteme, die es sogar ermöglichen, die im Schiebebetrieb bergab oder bei Bremsungen anfallende Energie in die Batterie zurückzuführen – der Elektromotor wird zum Generator. Der Autohersteller BMW vermarktet ein ähnliches System neuerdings unter dem Schlagwort „Efficient Dynamics“.

      Zwischen 7 und 16 Prozent der über die Batterie zugeführten Energie lassen sich durch diese sogenannten Rekuperation wieder in Elektrizität umwandeln, haben die Ingenieure von Riese und Müller ausgerechnet. Der Fahrradhersteller aus Darmstadt, Produzent vollgefederter und innovativer Edel-Bikes mit hohem Imagefaktor, startet in diesem Herbst mit einem eigenen Hybrid-Konzept: Sowohl das legendäre Faltrad „Birdy“ als auch das All-Terrain-Bike „Delite“ gibt es künftig mit Elektroantrieb. Beim „Delite Hybrid“ arbeitet ein 500 Watt starker Elektromotor an der Hinterradnabe, der das etwa 25 Kilo schwere Rad auf Wunsch bis auf eine Spitzengeschwindigkeit von 45 Kilometer beschleunigt und zumindest einen Teil der Bremsenergie zurückholt.

      Und während man Pedelecs üblicherweise nur eine Trittunterstützung erhält, lässt sich das Hybrid-Modell von Riese und Müller auch elektrisch anfahren – an der Lenkerstange sitzt ein kleiner Gashebel. Das „Delite Hybrid“ zählt damit zur Klasse der E-Bikes. Soll heißen: Nach den Zulassungsbestimmungen ist es ein Mofa, das ein Versicherungskennzeichen tragen muss und dessen Fahrer einen Helm benötigt. Das treibt die Kosten und beschränkt die Freiheit, die ein Pedelec bietet.

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