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Amazons Kindle 2 Elektronische Bücher als Retter von Zeitungen und Verlagen?

Mit Amazons Kindle 2 kommt eine neue Generation elektronischer Bücher auf den Markt. Sie sollen das Verlagsgeschäft beleben und die Zeitung retten.

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Der bekannte US-Schriftsteller Quelle: REUTERS

Der Job bei einer der besten Adressen Manhattans war gut bezahlt und spannend. Trotzdem kündigte Jeff Bezos beim Hedgefonds D. E. Shaw, wo er für die Suche nach Internet-Geschäftsmodellen zuständig war und machte sich mit seiner Idee selbstständig: Es müsste doch viel einfacher sein, Bücher über das Internet zu verkaufen und zu verschicken, als sie umständlich über Zwischenhändler und Buchläden zu vertreiben. Das war 1994 – und ein genialer Einfall: Heute setzt Bezos’ Gründung, der Online-Riese Amazon, mit dem Verkauf von Büchern, aber auch Musik und Elektronikwaren, im Jahr rund 15 Milliarden Dollar um.

An einer anderen Idee hingegen beißt sich der Milliardär seit 15 Jahren die Zähne aus. Bezos hat den Ehrgeiz, bei Büchern auch den Versand einzusparen. Statt des gedruckten Werks sollen die Kunden die Werke komplett elektronisch geliefert bekommen. Doch die elektronischen Buchverkäufe blieben lange hinter den Erwartungen zurück: Die Kunden bevorzugten Literatur in gedruckter und gebundener Form.

Doch die Zeiten ändern sich. Inzwischen boomt das Geschäft mit elektronischen Büchern. Während der Absatz gedruckter Bände in den USA jährlich nur noch um etwa ein Prozent wächst, verzeichnen elektronische Bücher Zuwächse von über 50 Prozent. Noch ist der Markt überschaubar: In Nordamerika wurden im vergangenen Jahr rund 46 Millionen Dollar mit E-Books umgesetzt – gegenüber 38 Milliarden Dollar der Buchbranche insgesamt. Und Bezos ist überzeugt, das digitale Geschäft noch kräftig ausbauen zu können. Mittel zum Zweck ist sein elektronisches Lesegerät namens Kindle, auf den sich Lesestoff aus dem Internet per Funkverbindung herunterladen lässt.

Mit weit aufgerissenen Augen verkündete Internet-Pionier Bezos vergangenen Montag in der New Yorker Morgan Library seine Vision: „Wir wollen jedes Buch in jeder Sprache weltweit in weniger als 60 Sekunden verfügbar machen.“

Der Ort der Verkündung – die vom New Yorker Finanzmagnaten J.P. Morgan gegründete Bibliothek – war mit Bedacht gewählt. Bezos liebt Bücher. Er will sie nicht zerstören. Aber warum müssen sie auf Papier gedruckt werden? Bücher, doziert er, hätten die wunderbare Eigenschaft, bei der Lektüre „einfach zu verschwinden. Man achtet nicht mehr auf den Einband oder das Papier, sondern taucht in die Handlung ein“. Wenn Papier im Geiste verschwinden kann – warum nicht auch ein Computer?

Diesen magischen Akt soll der Kindle leisten, dessen zweite Auflage ab 24. Februar für 359 Dollar in den USA verkauft wird. Ein Team von Spitzendesignern, die Amazon unter anderem bei Frogdesign abwarb, hat ihn komplett überarbeitet. Mit neun Millimetern ist die Neuauflage nur noch halb so dick wie der Vorgänger, und sie liegt deutlich besser in der Hand. Statt bisher 256 Megabyte fasst der Textspeicher nun zwei Gigabyte Platz. Das soll für 1500 Bücher reichen. Neu ist eine Funktion, mit der sich Lesegeräte miteinander synchronisieren lassen – so werden im Zeitalter der E-Books Bücher verliehen.

Auch bei der Schriftdarstellung legte Amazon nach. 16 statt 4 Graustufen sorgen nun für leichte Lesbarkeit. Dank verbesserten Akkus läuft der Kindle nun angeblich bis zu zwei Wochen lange, eher das Display schwarz wird. Vorausgesetzt, das integrierte Funkmodem ist ausgeschaltet. Über dieses Modul können in Minutenschnelle Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und Blogs direkt heruntergeladen werden, ohne Umweg über einen zwischengeschalteten Computer.

Das begeistert die Nutzer: Seit seiner Premiere im November 2007 ist der Kindle in den USA ausverkauft – danach wurden keine mehr nachproduziert. „Wir haben die Nachfrage schlicht unterschätzt“, sagt Kindle-Chef Ian Freed. Über die Gesamtzahl der verkauften E-Bücher schweigt Bezos eisern. Die Analysten-Schätzungen schwanken gewaltig: zwischen 375.000 und 750.000 Stück.

Für Verlage und Autoren sind das trotz allem gute Nachrichten. Zwar wären selbst 750.000 Kindle-Eigentümer noch kein Massenmarkt. Doch auch die Verkäufe von Apples heutigem Mega-Seller, dem Musikabspielgerät iPod, liefen langsam an. Als Firmengründer Steve Jobs das knapp 400 Dollar teure Gerät 2001 ankündigte, waren Analysten skeptisch. Erst als Jobs eine leicht bedienbare Musikverwaltungssoftware mit einem Online-Musikladen koppelte und günstigere Geräte auf den Markt brachte, kam der Erfolg. „Das Geheimnis des iPod ist, dass er Teil eines Systems ist“, sagte Jobs schon 2005 im WirtschaftsWoche-Interview.

So ein System hat Bezos nun auch rund um den Kindle gestrickt. Rund 230 000 Buchtitel sind über die Kindle-Plattform zu beziehen, dazu Tageszeitungen, Zeitschriften und Blogs. „Wir werden den Katalog erweitern und dabei Bestsellern Priorität einräumen“, sagt Bezos. Seine Kunden stimmen jeden Tag unbewusst auch über die künftigen Titel in der Kindle-Bibliothek ab – mit ihren Einkäufen.

Doch das Konzept hat noch Schwächen. Denn Internet-Milliardär Bezos ist zu sehr auf seinen Kindle fixiert. Dabei gibt es bereits „Millionen von digitalen Lesegeräten, nämlich Laptops“, sagt Frank Daniels, Geschäftsführer des US-Technologiedienstleisters Ingram Digital. Daniels hat seinen Kindle wieder verkauft, weil er Bücher lieber auf dem Notebook liest. Andere bevorzugen das Mobiltelefon: Google hat bereits 1,5 Millionen Bücher so aufbereitet, dass sie auf Handys gelesen werden können – wie etwa dem in den USA und in Deutschland vom Mobilfunkpartner T-Mobile vertriebenen Google-Handy G1.

Und auch Apples iPhone hat sich längst zum beliebten E-Book-Reader entwickelt. Dafür sorgt unter anderem die kostenlose Software Stanza. Zehntausende Literaturklassiker, deren Urheberrechte abgelaufen sind, lassen sich so aufs Apple-Handy laden. Der elektronische US-Buchhändler Fictionwise vertreibt über das eigene iPhone-Programm eReader weitere 60.000 Titel.

Dass der Erfolg des Kindle von der verfügbaren Literaturauswahl abhängt, ist auch Bezos klar. Er ist dabei auf Kooperationen mit Medienunternehmen angewiesen. Lange hatte sich etwa der US-Verlag Sid Newhouse – Eigentümer von Advance Publications – dagegen gesperrt, seine Zeitschriften für den Kindle aufzubereiten. Das Unternehmen fürchtete, dass darüber die gedruckte Auflage, die über Anzeigenpreise entscheidet, sinken könnte.

Doch die Bereitschaft der Verlage zur Zusammenarbeit steigt. Neuerdings ist etwa das Intellektuellen-Magazin „New Yorker“ für den Kindle verfügbar. Newhouse nahm sich ein Beispiel an der „New York Times“, die für den Kindle im Monatsabo für 13,99 Dollar verfügbar ist.

Noch ist die Zahl der Kindle-Abonnenten klein, genaue Zahlen geben die Anbieter nicht heraus. Doch das kann sich schnell ändern wenn der Preis des Lesegeräts sinkt. Für die „New York Times“ könnte es sich sogar lohnen, das Lesegerät kostenlos abzugeben, wenn der Käufer dafür die Zeitung abonniert. Nach Schätzungen des US-Branchendienstes Sillicon Alley Insider lässt es sich die „Times“ knapp 650 Millionen Dollar im Jahr kosten, die Abonnenten mit einer Zeitung zu beliefern. Aber für nur 300 Millionen Dollar könnte man jeden Abonnenten mit einem Kindle ausstatten.

E-Book-Revolution bislang nur in den USA

Noch findet die E-Book-Revolution nur in den USA statt. Wann der Kindle auch in Deutschland erhältlich sein wird, mag Kindle-Chef Freed nicht sagen. Konkurrent Sony ist da schneller. Am 11 März bringt der japanische Elektronikkonzern gemeinsam mit dem Buchhändler Libri die 299 Euro teure Zweitauflage seines Sony Reader PR505 genannten Lesegerätes auf den deutschen Markt – unter anderem in 230 Filialen der Thalia-Buchhandlung. Die erste Version des Gerätes stellte Sony-Chef Sir Howard Stringer im Januar 2006 vor. Doch auch wenn der britische Edelmann den Kindle unter anderem bei Preis und Gewicht unterbietet: Bei der eigentlichen Innovation – dem digitalen, drahtlosen Literaturvertrieb – kann der PR505 mangels Mobilfunkmodul nicht mithalten. Gerade das jedoch macht den Kindle so reizvoll.

Aber dieses Alleinstellungsmerkmal wird nicht lange Bestand haben. Denn zeitgleich mit dem Kindle 2 präsentierte in New York Plastic Logic – ein deutsch-britisches Unternehmen, das in Dresden neuartige Displays für elektronische Lesegeräte fertigt – auf einer Verleger-Konferenz den Prototypen eines eReader genannten digitalen Buchs, das ebenfalls schnurlos Bücher aus dem Internet wird laden können. Zudem haben die wenige Millimeter dicken Displays A4-Format. Damit sind die eReader so groß wie Zeitschriftenseiten und können problemlos auch das Layout der Magazine übernehmen, inklusive Fotos und Anzeigen. Geplant ist, das Gerät im kommenden Jahr auf den Markt zu bringen.

Mit den Tageszeitungen „USA Today“ und der „Financial Times“, meldete Plastic Logic in Manhattan stolz, stehen erste prominente Medienpartner bereits fest.

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