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Architekt Mayer H. "Wir brauchen keine Ampeln und Parkplätze"

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Im Schatten der Pilze.

Wie?

Mayer: Indem wir Verkehr neu organisieren. Statt in unser eigenes Auto zu steigen, schließen wir künftig einen Vertrag mit einem Mobilitätsanbieter – etwa ein Kommunikationsunternehmen, das mit Automobilherstellern kooperiert, die die Elektrofahrzeuge zur Verfügung stellen. Diese sind ständig unterwegs und zum Einsteigen bereit.

Welche Vorteile hat das?

Mayer: Wir sparen Rohstoffe, weil wir weniger Autos produzieren. Die Zahl der Fahrzeuge im Einsatz hängt vom Bedarf ab – zu Stoßzeiten stehen mehr Wagen zur Verfügung, in ruhigeren Phasen wird Kapazität in Pufferzonen abgesogen.

Lenken wir überhaupt noch selbst?

Mayer: Nein. Wir steigen nur zu und personalisieren das Fahrzeug, etwa per Smartphone, mit unseren Daten. Gelenkt werden die Fahrzeuge automatisch über intelligente, satellitengesteuerte Funksysteme, die den Weg ermitteln. Sind wir am Ziel, schwenkt das Auto kurz in eine Haltezone, wir steigen aus, und der Wagen reiht sich wieder in den automatisierten Verkehrsfluss ein.

Und wie kommt man als Fußgänger noch über die Straße?

Mayer: Fahrzeug und Fußgänger kommunizieren über eine Art elektronisches Abtasten miteinander. Wer die Straße überqueren möchte, wird von einem herannahenden Fahrzeug rechtzeitig erkannt, es bremst ab – so wie diese Autos auch Hindernisse erkennen und jeden an sein individuelles Ziel bringen. Auf diese Weise wird das Auto zum individualisierten Massentransportmittel.

Seit 125 Jahren gibt es Automobile, der Anteil der Elektrofahrzeuge ist noch verschwindend gering, von intelligenten Verkehrsleitsystemen keine Spur. Länder wie China und Indien stehen am Anfang einer flächendeckenden, individuellen Motorisierung. Woher also Ihr Optimismus?

Mayer: Anders als in Europa ist in China und Indien, aber auch in fast allen afrikanischen Ländern die Infrastruktur noch nicht so stark auf den klassischen, privaten Individualverkehr ausgerichtet. Andererseits sind etwa die Mobilfunknetze oft schon sehr leistungsfähig, das Mobiltelefon als Zahlungsinstrument etabliert. In diesen Regionen ließe sich ein solches Verkehrssystem vergleichsweise rasch realisieren.

Der Broadway in New York oder die Champs-Élysées in Paris ohne Autoverkehr – kaum vorstellbar. Gehören Autos nicht zum Charakterbild einer Großstadt?

Mayer: Da ist was dran – und sie würden ja nicht völlig verschwinden. Aber eben auf ein maximal nötiges Maß zurückgestutzt. Wir sind an einem Punkt, das Prinzip Automobil zu überdenken und dadurch neue Chancen für Mobilität und Stadt zu entdecken. Das verändert nicht nur unseren Umgang mit Mobilität. Es würde auch die jahrzehntelange Systematik der Stadtentwicklung auf den Kopf stellen: weg vom Primat der Verkehrsplanung, hin zum Primat der Flächenplanung.

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