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Architekt Mayer H. "Wir brauchen keine Ampeln und Parkplätze"

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Durchblick mit Info

Wie würde sich das Gesicht unserer Städte dadurch verändern?

Mayer: Es würde ein digitaler Tsunami über unsere Städte fegen und sie gewissermaßen reinwaschen – von der Luftverschmutzung, aber auch von all der Infrastruktur, die seit Jahrzehnten unser Straßenbild wie selbstverständlich prägt: Mehrspurige Straßen werden überflüssig, bislang unattraktive, weil von starkem Verkehr geprägte Viertel wieder attraktiv – ähnlich der Neubewertung städtischer Wasserlagen, die lange als Schmuddel-ecken verschrien waren und heute wieder sehr gesucht sind. Wir brauchen auch keine Straßenbeleuchtung, keine Garagen, keine Fußgängermarkierungen mehr, auch Ampeln und Parkplätze würden überflüssig. Wir haben viel mehr Platz.

Und wie sollen wir den nutzen? Mehr Cafés braucht kein Mensch.

Mayer: Bestehende Häuser könnten erweitert werden um Pufferzonen zwischen innen und außen – für Natur, Energiegewinnung, Wintergärten, Balkone oder Gärten. Man könnte neue öffentliche Grünflächen anlegen, Fahrrad- und Fußwege verbreitern. Ist die Fläche groß genug, könnten ganze Quartiere neu entstehen. Da ist viel denk- und machbar, ähnlich der Wiederbelebung großer Brachflächen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs oder der Konversion ehemaliger Kasernengelände oder überflüssig gewordener Bahnhöfe in den letzten Jahren. Denken Sie nur an den High Line Park in New York, der vor zwei Jahren auf der stillgelegten Trasse einer Hochbahn angelegt wurde, die mitten durchs Zentrum führte. Statt wie derzeit nur in der Peripherie, können Städte künftig auch wieder in ihren Zentren wachsen. Und egal, für welche Varianten wir uns entscheiden: Der Blick wird wieder frei für die Stadt selbst. Wir kommen vom Fahren zum Erfahren.

Was meinen Sie damit?

Mayer: Das Auto wird gewissermaßen zu einer sozialen elektronischen Plattform: Abhängig von dem Modus, dem Datenfilter, für den sich ein Passagier entscheidet, versorgt ihn der Wagen auf der Fahrt durch die Stadt mit individuellen Informationen. Der Blick von innen nach außen wird selektiv: Wer auf Wohnungssuche ist, bekommt ausschließlich interessante Immobilien auf der Scheibe angezeigt, an denen er gerade vorbeifährt. Wer nur Natur wahrnehmen möchte, bekommt nichts außer Bäumen und Sträuchern in seiner Umgebung zu Gesicht. Der Rest ist ausgeblendet – so stellt sich ein völlig neues Fahrerlebnis ein.

Und wo soll der ganze Strom herkommen, um diese Systeme zu betreiben?

Mayer: Ähnlich wie Häuser mit einer intelligenten Wärmeversorgung könnten Autos sogar zu Energielieferanten werden und überschüssige Energie ins Netz zurückspeisen. Im Jahr 2030 könnte es so weit sein.

Tanken Sie noch oder laden Sie schon?

Mayer: Ich bin viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln und im Taxi unterwegs. Ein Elektromobil besitze ich noch nicht. Ich benutze noch einen Wagen mit klassischem Verbrennungsmotor.

Wie oft fahren Sie damit?

Mayer: Etwa einmal in drei Wochen, dann steht er wieder rum. Höchste Zeit, diesen Dinosaurier abzuschaffen.

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