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Bioenergie Alles Öko oder was?

Bioenergie aus Sonne, Wind und Holz hilft dem Klima, ist aber nach wie vor teurer als Energie aus fossilen Quellen. Und der Preis für Ökostrom wird noch steigen. Da hilft nur: den Verbrauch drosseln und in Zukunftstechnik investieren.

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Sonnenkollektoren in einem Solarkraftwerk Quelle: dpa

Kornkraft statt Kernkraft hieß einst die Parole der Grünen. Landwirte mutierten darüber zu Energiewirten, sahen sich schon als die Ölscheichs von morgen. Doch dann platzte die Bioenergie-Blase: Hohe Rohstoffpreise und der Konflikt mit der Nahrungsmittelindustrie könnten das Ende vom Hype auf den Höfen sein. Anfang Februar brach in Deutschland der Verkauf von Biodiesel vom Acker zusammen. Jeder dritte Betreiber von Biogasanlagen steckt bereits in finanziellen Schwierigkeiten. Jetzt rufen die vom Ruin bedrohten Bauern den Staat zu Hilfe – und der dreht den Geldhahn tatsächlich weiter auf: Es gibt künftig eine höhere Grundvergütung, einen Güllebonus für den Einsatz von Exkrementen bei der Biogaserzeugung und obendrein einen zusätzlichen Zuschuss für den Verkauf von Wärme.

Schon jetzt hilft die Bundesregierung mit Einspeisevergütung, Marktanreizprogrammen und Ökozulagen kräftig nach, damit die vermeintlich klimafreundlichen Alternativen zu den fossilen Energieträgern auch wirklich wachsen und gedeihen. Das freut alle, die auf der grünen Welle surfen. Umwelttechnik wird zum Exportschlager, der Hunderttausende neue Arbeitsplätze schafft – das verkündeten die Propheten der Energiewende noch Anfang des Klimajahres 2007 euphorisch.

Doch mit den steigenden Energiepreisen und in Zeiten schwächelnder Konjunktur mehren sich die kritischen Stimmen. Der Verbraucher will wissen: Wer muss eigentlich die Klima-Zeche zahlen? Was kosten Biodiesel, Erdwärme und Ökostrom zusätzlich? Fördert der Staat mit den Steuergeldern die richtigen Technologien – also die mit den geringsten Kosten für die Vermeidung von Treibhausgasen? Und wie sieht die Ökobilanz von Sonne, Wind und Biomasse wirklich aus – bringt das Ganze der Umwelt überhaupt etwas?

Politiker in Berlin und Brüssel drücken sich bislang um die Antwort auf all diese Fragen. Dabei ist sie ganz einfach: Das grüne Gewissen kommt Otto Normalverbraucher teuer zu stehen – egal ob an der Tankstelle, beim Heizen des Hauses oder beim abendlichen Anknipsen des Lichts. Beispiel Strom: Ökosteuer, CO2-Zertifikate und die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung haben dazu geführt, dass die Strompreise in Deutschland inzwischen zu den höchsten Europas zählen. Das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) garantiert den Produzenten von Ökostrom feste Vergütungen, die deutlich über den Marktpreisen liegen. Die Differenz zahlt der Kunde – zwischen einem und zwei Euro monatlich. Auf den ersten Blick ist das nicht viel. Doch die Subventionen läppern sich, im vergangenen Jahr auf eine Summe von gut sieben Milliarden Euro. 2010 wird voraussichtlich die Schwelle von zehn Milliarden Euro überschritten.

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    Dabei hatten die Lobbyisten eigentlich versprochen, dass Ökostrom im Laufe der Zeit billiger würde. Das Gegenteil trat ein: Grüner Strom kostet heute 27 Prozent mehr als vor fünf Jahren. 2003 kostete eine Kilowattstunde im Durchschnitt 9,16 Cent. In diesem Jahr werden es voraussichtlich 11,66 Cent sein, schätzen die Netzbetreiber. Schuld sei vor allem die starke Förderung der Sonnenenergie. Denn sie ist die einzige Ökostrom-Quelle, die noch weit von der Wettbewerbsfähigkeit entfernt ist. Gleichzeitig wächst ihr Anteil an der grünen Energie – und das wiederum treibt die Kosten.

    Die Rechnung ist einfach: Solarstrom wird, wenn er in einer 2008 errichteten Anlage gewonnen wird, mit bis zu 46,75 Cent pro Kilowattstunde vergütet. Zum Vergleich: Für Windstrom gibt es maximal 9,1 Cent pro Kilowattstunde. Und konventioneller Strom kostet derzeit an der Leipziger Energiebörse etwa fünf Cent. Auch wenn dieser in den nächsten Jahren teurer werden dürfte, bleibt eine große Differenz.

    Diese sogenannten „Solarschulden“ belaufen sich in Deutschland inzwischen auf 112 Euro pro Kopf. Die Novelle des EEG sieht zwar vor, dass die Vergütungssätze für regenerative Energien jährlich sinken – bei Solarstrom zum Beispiel um fünf Prozent. Trotzdem steigen die Gesamtkosten, weil jedes Jahr viele neue Anlagen ans Netz gehen, wodurch die Ersparnis aus den sinkenden Sätzen überkompensiert wird.

    Das traurige Ergebnis: Das EEG fördert zu intensiv. Bis zum Jahr 2010 werden die Herstellungskosten für Solarmodule dank Massenproduktion auf etwa die Hälfte sinken, also auf wenig mehr als 1000 Euro pro Kilowatt Spitzenleistung. Das prognostiziert das Aachener Marktforschungsunternehmen Photon Consulting. Die Stromerzeugungskosten lägen dann bei rund 15 Cent pro Kilowattstunde. Dieses Missverhältnis zur hohen Vergütung ließe sich vermeiden, wenn die Fördergelder zunächst in Forschung und Entwicklung gingen und Marktanreizprogramme erst dann griffen, wenn Solarmodule einer neuen Generation mit optimierten Wirkungsgraden zu erheblich niedrigeren Preisen angeboten werden.

    Das würde auch dazu führen, dass die Dächer der Republik nicht jahrzehntelang mit den wenig effizienten Solarzellen der heutigen Generation zugepflastert werden. Um etwa den jährlichen Strombedarf einer Stadt wie Berlin mit Solarzellen zu decken, müsste man immerhin ein Achtel der Stadtfläche damit bedecken. Und diese arbeiten auch nur bei strahlendem Sonnenschein optimal.

    Überhaupt stoßen die grünen Energien hierzulande auf natürliche Wachstumsgrenzen. Die Kraft von Sonne, Wind und Wasser ist nie konstant – folglich schwankt auch die darauf basierende Energieerzeugung. Sie leisten nur dann einen Beitrag zur Versorgungssicherheit, wenn sie aus fossil befeuerten oder beispielsweise Druckluftkraftwerken ergänzt werden. Eine Anlage speziell für diesen Zweck will EnBW demnächst an der Nordseeküste errichten.

    Auch Biomasse ist keine sichere Bank: Analysen der Maiserträge der letzten 45 Jahre in den USA zeigen, dass die Verfügbarkeit aufgrund von Ernteausfällen extrem unterschiedlich war. Mais ist in den USA Basis für die Herstellung von Bioethanol. Damit wird das geopolitische Risiko beim Erdöl durch ein möglicherweise höheres Ernterisiko ersetzt.

    Teure Energie

    Außerdem warnen Umweltexperten zunehmend vor den negativen Effekten des Booms bei Biosprit der ersten (reines Rapsöl) und zweiten (Biodiesel) Generation. Ungeachtet dessen will die Bundesregierung den Anteil von Biokraftstoffen in deutschen Autotanks bis 2020 auf 17 Prozent steigern, um so die CO2-Emissionen im Verkehr zu senken. Was umweltverträglich nur mit Sprit der dritten Generation ginge, bei dem als Rohstoff Biomasse aller Art dient, Abfallholz etwa, Grünschnitt oder Stroh.

    Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, müsste massiv Biomasse importiert werden, vor allem aus Staaten der Dritten Welt. Das würde nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch die Ernährung der Bevölkerung dort gefährden. Werden für den Anbau von Energiepflanzen zum Beispiel Moorböden entwässert oder Grünland umgebrochen, so ergeben sich zudem erhebliche negative Folgen für die CO2-Bilanz – schreibt der Sachverständigenrat für Umweltfragen im Sondergutachten Biomasse.

    Sollten gemäß dem Ausstiegsbeschluss aus dem Jahr 1999 die verbliebenen 17 deutschen Atomkraftwerke bis 2021 tatsächlich vom Netz gehen, entfällt zudem eine Energiequelle, die bislang beruhigend auf die Preise wirkte. Die geringen Strom-Erzeugungskosten in Kernkraftwerken und die Tatsache, dass sie das Klima nicht belasten, führt weltweit zu einer Renaissance dieser Technologie. Deutschland steht dagegen vor einer Kapazitätslücke von 24.500 Megawatt. Theoretisch reichen die hierzulande installierten Windmühlen beinahe aus, die Lücke zu füllen. Sie kommen auf eine Gesamtleistung von 21.500 Megawatt. Doch wegen des wechselnden Windangebots speisen sie tatsächlich weniger als ein Drittel der theoretisch möglichen Strommenge ins Netz.

    Offshore-Mühlen bringen mehr. Allein in der Nordsee sollen bis 2012 zehn Windparks mit 660 Windmühlen und einer Gesamtleistung von 2000 bis 3000 Megawatt errichtet werden. Doch der Ausbau der Infrastruktur verzögert sich, Milliardeninvestitionen stehen auf der Kippe. Denn die Finanzierung ist angesichts technischer Probleme bei der Einspeisung des Stroms ins Netz bislang mit hohen Risiken verbunden. Allein die Anbindung von vier geplanten Offshore-Windparks in der Nordsee – die ersten Fünf-Megawatt-Mühlen werden in diesem Sommer westlich der ostfriesischen Insel Borkum aufgestellt – kostet den Düsseldorfer Versorger E.On rund 400 Millionen Euro.

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      Die insgesamt 70 Kilometer lange Verbindung, die aus neun Drehstrom- und vier Gleichstromhochspannungsleitungen besteht, wird auf dem Grund der Nordsee vergraben. Auf der Insel Norderney erreicht sie erstmals Land, um gleich wieder unter der Erde zu verschwinden. Nach rund zwei Kilometern erreichen die Kabel unweit des berühmten Leuchtturms das geschützte Wattenmeer. Mit Horizontalbohrungen unterqueren die Kabelleger die empfindlichsten Bereiche des Nationalparks nördlich und südlich von Norderney.

      Um den Windstrom zum Verbraucher zu transportieren, investiert auch RWE kräftig in neue Hochspannungsleitungen. Bis 2017 sollen 800 Kilometer dazukommen. 25 neue Umspann-Anlagen verstärken zusätzlich das Netz. Das kostet den Energieversorger insgesamt rund drei Milliarden Euro. „Wir stellen uns den Herausforderungen, die der Ausbau der Windenergieerzeugung, der Zubau von Kraftwerken und der intensive europaweite Stromhandel an unser Netz stellen“, verspricht Klaus Kleinekorte, Geschäftsführer der RWE-Sparte Transportnetz Strom. Insgesamt rechnet die Stromwirtschaft mit einem Investitionsbedarf in die Hochspannungsnetze von 16 Milliarden Euro.

      Am Ende zahlt der Stromkunde die Zeche, wie die Deutsche Energie-Agentur (dena) zeigt: Für die privaten Haushalte betragen die Kosten für den weiteren Ausbau der Windenergie im Jahr 2015 bis zu 0,49 Cent pro Kilowattstunde. Das belastet einen durchschnittlichen Haushalt jährlich immerhin mit 20 Euro.

      Wohl dem, der ein paar Solarzellen auf dem Dach hat. Die hohen Subventionen für Solarenergie, die die Stromkosten immer schneller in die Höhe treiben, helfen dann beim Kostensparen. Durch Kredite der KfW-Bankengruppe mit einer Laufzeit von bis zu 20 Jahren, einem Zinssatz von weniger als fünf Prozent und einer 20 Jahre gültigen Abnahmeverpflichtung des erzeugten Stroms zu einem Kilowattstundenpreis von fast 47 Cent lässt sich beispielsweise ein Zwei-Kilowatt-Kleinkraftwerk mit Investitionskosten von deutlich weniger als 10.000 Euro locker finanzieren. Es springt für den Hausbesitzer sogar noch ein Gewinn heraus.

      Noch größere Einsparungen lassen sich bei Heizwärme und der Warmwasserbereitung erzielen. Moderne Brennwertanlagen, in denen die erzeugte Wärme so gut genutzt wird, dass im Schornstein nur noch ein laues Lüftchen ankommt, verbrauchen bis zu 40 Prozent weniger Brennstoff. Zusätzliche Solarkollektoren, die den Heizungskessel entlasten und einen großen Teil der Erwärmung von Brauchwasser übernehmen, reduzieren den Verbrauch zusätzlich. Die Investition ist allerdings so hoch, dass sie sich nur lohnt, wenn die Energiekosten noch deutlicher steigen.

      Milliarden für Ökostrom

      Wer es bequem und die jeweils beste Lösung haben will, setzt auf Contracting-Unternehmen wie Hochtief Energy Management in Essen oder Infra Fürth. Sie optimieren die Versorgung in großindustriellen Anlagen (Hochtief) oder bei Hausbesitzern (Infra, allerdings nur im eigenen Gebiet) und tauschen beispielsweise eine wenig effiziente Heizung gegen moderne Systeme aus. Die Investitionskosten werden ganz oder großenteils durch die erzielten Einsparungen finanziert. Von nachträglicher Wärmedämmung halten die Unternehmen wenig. „Die Amortisationszeiten sind zu hoch“, sagt Jobst Klien, Geschäftsführer von Hochtief Energy Management.

      Viel lieber setzen sie klassische Energien wie Erdgas und Öl ein, weil sich so günstigere Amortisationszeiten ergeben als bei erneuerbaren Energien – zumindest bei den aktuellen Preisen. Wobei es durchaus Ausnahmen gibt. Die Betreiber des Klinikums Augsburg, das Hochtief mit einer neuen Energieanlage ausgestattet hat, bestand darauf, statt Gas oder Öl Holzpellets zu verfeuern. Trotz der höheren Investitionskosten und der deutlichen Preissteigerungen bei Pellets reduzieren sich die Kosten so bis 2017 um insgesamt 2,6 Millionen Euro.

      Kostensenkungen im Bereich von 20 Prozent erzielt der größte deutsche Reifenhersteller Continental. Er ließ eine neue Anlage zur Versorgung seines Werks in Hannover-Stöcken mit Dampf, Wärme, Kälte und Wasser von Hochtief konzipieren und realisieren. Allein der Wasserverbrauch sank durch Mehrfachnutzung von mehr als zwei auf eine halbe Million Kubikmeter.

      Dem Troparium in Hagenbecks Tierpark in Hamburg, das im vergangenen Jahr nach umfangreicher Sanierung wiedereröffnet wurde, verhalf Hochtief sogar zu einer besonders raffinierten Energieversorgung. Es galt, die Bedürfnisse der Wasserlebewesen nach Wärme mit denen der Besucher nach Klimakälte zu vereinen. Die Wärme, die die Besucher schwitzen ließ, musste also nur abgesaugt und in die großzügig dimensionierten Aquarien umgeleitet werden. Das gelang mit einem einzigen Gerät, einer Wärmepumpe, die wie ein Kühlschrank auf der einen Seite Wärme und auf der anderen Seite Kälte erzeugt.

      Auf die Idee muss man erst einmal kommen.

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