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Biotech Bioingenieur setzt auf Mikroben

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Weltweiter Umsatz mit Produkten der weißen Biotechnologie Quelle: Allianz Global Investors Kapitalmarktanalyse

Zinke will nichts weniger, als den kompletten Umbau der Industrie vorantreiben. Zunächst will er sich die Chemieindustrie vornehmen: weg von hochexplosiven, dreckigen und giftigen Herstellungsprozessen vom Gummihandschuh bis zum Autoreifen.

Das Potenzial ist gewaltig. So formulierten 51 Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft schon 2007: "In 20 Jahren wird Biotechnologie eine wichtige Säule der europäischen Wirtschaft sein." Sie erwarten 300 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2030. Nach Schätzungen der Allianz Global Investors (siehe Grafik) betrug der Anteil der weißen Biotechnik im vorigen Jahr ein Zehntel des Chemie-Gesamtmarktes.

Für die chemische Industrie kommt das einer Revolution gleich. Wenn Zinke es in Worte fasst, klingt es weniger brutal, eher geschliffen und fein. Der schlanke Mann, der stets im vornehmen, dunklen Dreiteiler auftritt, ist kein hemdsärmeliger Biorevoluzzer, kein Medienstar wie sein US-Pendant Craig Venter. Zinke spricht lieber von Transformation.

Die treibt er seit Jahren voran. So hat sein heute 75 Mitarbeiter starkes Unternehmen in Zwingenberg bei Darmstadt schon in mehr als 60 Kooperationen Kunden aus der Chemie- und Konsumgüterindustrie wie BASF, Henkel oder RWE geholfen, Fabrikationsprozesse umweltschonender zu gestalten. Den Industrieverbund weiße Biotechnologie hob Zinke aus der Taufe. Und er ist Mitglied im Bioökonomierat der Bundesregierung. Selbst Bundesforschungsministerin Annette Schavan hat inzwischen ein 100 Millionen Euro schweres Bioökonomie-Förderprogramm aufgelegt.

Dass der Ansatz Geld und Rohstoffe spart und die Umwelt schont, rechnet der Biotechmanager mit schnellen Kreideskizzen an der hörsaalgroßen Tafel im Konferenzraum seines Unternehmens vor: So stellte BASF schon vor Jahren die Produktion von Vitamin B2 auf ein Biotechverfahren um.

Ein Pilz produziert Vitamin B2

Waren zuvor sechs chemische Syntheseschritte nötig, bei denen giftige Substanzen entstanden, so erzeugt heute ein Pilz das Vitamin giftfrei in einem Arbeitsgang. Der Ressourcenverbrauch sank um 60 Prozent, der Abfall um 95 Prozent und die Kohlendioxidemissionen um 30 Prozent. BASF spart zudem 40 Prozent bei den Herstellungskosten.

Die Kunst ist dabei das Finden der richtigen Organismen samt ihrer Enzyme. Und deshalb hortet Zinke seit Jahren massenhaft Mikroben im Kellergeschoss seines Unternehmens. In dem hellen und offenen Großraumlabor schlummert der Schatz von Brain, eine Sammlung von mehr als 20 000 Bakterien, Hefen, Pilzen und Algen in zahllosen Schubladentürmen. Bei minus 80 Grad Celsius lagern sie in fast zwei Meter hohen Tiefkühlschränken. Dazu kommen mehr als 200 Millionen Genschnipsel weiterer Organismen.

Die Sammlung führt der Chef gerne persönlich vor. Emotionen wie Stolz oder Rührung spiegeln sich kaum auf seinem Gesicht wider. Doch er redet und erklärt noch schneller, während er mit dicken Handschuhen die Schubladenkästen aus dem Eisschrank hievt und vorsichtig die Eiskristalle von den Beschriftungsschildchen an den Pappschachteln wischt.

Zinke war in Deutschland einer der Ersten, der den Wert solcher Sammelaktionen für die Biotechnik erkannte. Und so übernahm er schon Anfang der Neunzigerjahre umfangreiches Probenmaterial von Mikrobiologie-Professoren, die in Ruhestand gingen.

"Damals wollte kein Mensch mit den Sammlungen arbeiten", erinnert er sich. Die traditionsreiche Mikrobiologie, die der Welt seit Ende des 19. Jahrhunderts immerhin die Antibiotika und damit den Sieg über zahllose Infektionskrankheiten beschert hatte, schien altmodisch und verstaubt. Der Grund: Antibiotika waren längst künstlich von Chemikern nachgebaut und im Labor verbessert worden.

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