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Biotechnik Weshalb Klonfleisch unbedenklich ist

In den USA liegt Klon-Fleisch längst in den Supermarkttheken. In Europa tobt noch ein Streit um die Kennzeichnung. Doch gesundheitlich ist es unbedenklich.

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Labormitarbeiterin Quelle: dpa

Wenn Schaffner, Shopper oder Malpas krank werden oder sich ein Bein brechen, hat Dettmar Frese ein Problem. Denn dann verliert der Geschäftsführer der Masterrind GmbH mit Sitz im niedersächsischen Verden seine besten Hochleistungsbullen: Die gut 700 Kilo schweren schwarz-weiß gefleckten Holstein-Rinder sind die Top-Vererber seines Betriebes, eines der weltweit führenden Besamungs- unternehmen. Weil die weiblichen Nachkommen der drei Bullen besonders viel und gute Milch geben, wird ihr Samen im Laufe ihres Lebens gut eine Millionen Mal von Züchtern nachgefragt.

Genetische Kopien

Kein Wunder, dass sich Menschen wie Frese gerne eine Kopie ihrer Super-Bullen in den Stall stellen würden – so wie amerikanische Kollegen das seit Jahren tun. Mithilfe der Klon-Technik, die erstmals an einem Säugetier vor knapp 15 Jahren beim schottischen Schaf Dolly gelang, lassen sich Rinder, Schweine oder Ziegen als genetischer Zwilling nach Belieben im Labor herstellen.

Dabei wird dem Tier, das dupliziert werden soll, eine Körperzelle entnommen. Diese wird in eine entkernte Eizelle bugsiert und anschließend mit einem Stromstoß in einen quasi embryonalen Zustand zurückversetzt. Das Ergebnis ist eine genetische Kopie des Originals. Gerade bei Zuchttieren mit „außerordentlicher Vererbungsleistung“ könne sich das etwa 20 000 Euro teure Klon-Verfahren lohnen, schätzt Frese. Und er ist überzeugt: „Diese Technologie ist unverzichtbar.“

Rindfleisch USA Quelle: dpa/dpaweb

Das Problem ist nur: Vielen Ver- brauchern ist das Klonen unheimlich. Vor allem in Europa regt sich der Widerstand gegen Milch und Fleisch von geklonten Tieren. Seit vor zwei Jahren die ersten Steaks aus Klon-Abstammung in den Kühltheken amerikanischer Supermärkte landeten, liefen EU-Parlamentarier in Brüssel Sturm. Gerade unternahmen sie erneut einen Versuch, solche Produkte und deren Import zu verbieten oder sie wenigstens zu kennzeichnen. Doch in einer nächtlichen Sitzung vor wenigen Tagen konnten sich Ministerrat, Kommission und Parlament wieder nicht einigen. Die Sorge des Rats: eine Kollision mit der Welthandelsorganisation WTO und ein Handelskrieg mit Fleischexporteuren aus Übersee.

Die Gesundheitsbehörden in den USA und in Europa sehen indes keinen Grund zur Sorge. Sie haben den Verzehr dieser Produkte als unbedenklich eingestuft.

Geklontes Leiden

Darum geht es den EU-Parlamentariern allerdings nicht in erster Linie. Sie verlangten ein Verbot der Klon-Technik für landwirtschaftliche Nutztiere vor allem aus ethischen und Tierschutzgründen.

„Es ist nun einmal wissenschaftlich erwiesen, dass geklonte Tiere leiden“, sagt der CDU-Abgeordnete Peter Liese. Sie seien häufiger krank und damit in ihrem Wohlbefinden eingeschränkt. Fachleute wie Michael Hölker bestreiten das nicht. Der Tierarzt, der am Lehr- und Versuchsgut Frankenforst in Königswinter bei Bonn forscht, gehört zu den wenigen deutschen Wissenschaftlern, die bereits Rinder geklont haben – bisher allerdings nur zu Forschungszwecken.

Hölker bestätigt die magere Ausbeute, die sich schon daran bemerkbar mache, dass nur etwa ein Drittel der geklonten Embryonen nach dem Transfer in eine Leihmutter dort auch zu einem gesunden Kalb werden. Doch genau daran will er forschen und die Gründe dafür herausfinden. Ein grundsätzliches Knock-out-Kriterium gegen die Klon-Technik ist es für ihn jedenfalls nicht. Denn das Klonen komme in Deutschland allenfalls für ein bis zwei Hochleistungsbullen pro Jahr infrage.

Für die meisten Tiere würde sich durch eine Legalisierung des Klonens nichts ändern. Sie kommen, wie seit Jahren üblich, durch künstliche Besamung zur Welt. Sex im Stall ist seit Langem tabu. Der Landwirt bestellt bei Unternehmen wie Masterrind in Verden, der Rinder-Union West in Minden oder der Bayern-Genetik in Grub tiefgefrorenes Sperma ausgewählter Zuchtbullen. 100 Euro aufwärts kostet das.

Ganz normal

Bleibt dennoch die Frage, ob jemand das Klon-Fleisch essen möchte. Hölker hätte damit kein Problem, aber er räumt ein: „Ein geklontes Tier ist anders.“ Viele der gesundheitlichen Probleme könnten daher rühren, dass der Klon-Embryo aus einer bereits gealterten Körperzelle entsteht. Allerdings werde das Fleisch dieser Tiere niemals in den Handel kommen, so Hölker, dazu seien sie viel zu wertvoll.

Was gehandelt wird, sind Milch und Fleisch der Nachkommen dieser Klone. Doch die halten Forscher wie Hölker für absolut unbedenklich. Auch Heiner Niemann vom Institut für Nutztiergenetik in Neustadt, bei dem Hölker das Klonen lernte, kann den Wirbel um die Nachkommen nicht verstehen. Denn diese Tiere seien nicht durch Klonen, sondern durch die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle entstanden. „Das ist der ganz normale biologische Vorgang“, sagt Niemann.

Den EU-Parlamentariern, die sich seit zwei Jahren mit der EU-Kommission und dem Ministerrat über Klon-Fleisch streiten, ist diese Tatsache durchaus bewusst. Sie ließen sich daher auf einen Kompromiss ein: Nicht alle, sondern nur die erste Nachfahrengeneration sollte gekennzeichnet werden. Würden nur geklonte Tiere gekennzeichnet, hätte das keinerlei Auswirkung, da deren Fleisch nie zur Vermarktung vorgesehen war.

Eine solche Lösung sei wünschenswert und praktikabel, hatte die deutsche Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, CSU, noch vor zwei Wochen gesagt. Doch die Verhandlungen scheiterten, sodass weiterhin die Novel-Food-Verordnung gilt: Wer Nutztiere klonen will, muss einen Antrag stellen. Bisher hat kein Unternehmen das getan.

Keine Kontrollmöglichkeiten

Pioniere des Klonens wie der Münchner Forscher Eckhard Wolf befürchten, dass die Technik und ihre Produkte sich nun schleichend verbreiten. Denn die Klon-Tiere ließen sich – anders als gentechnisch veränderte Pflanzen – mit keinem Test nachweisen. Sie sind völlig identisch. Wolf glaubt: „Solange es keine Nachweisverfahren gibt, bleibt jedes Verbot ein frommer Wunsch.“

Die Kritiker der Klon-Technik treibt aber noch eine ganz andere Sorge um: Die Technik könnte, wenn sie erst einmal beim Tier etabliert ist, auch beim Menschen angewendet werden. Tatsächlich wäre es nicht das erste Mal, dass Tiermediziner den Weg für Techniken am Menschen ebnen.

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