WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Biotechnik Zuchterfolge ohne Gentechnik

Seite 2/4

Die neue Kartoffel ist das erste Gemüse, das dank dieser neuen Technik zu kommerziellen Zwecken keimt und nun einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird. „Für uns ist das ein richtig großer Sprung“, sagt Henk Jaap Meijer, Forschungs- und Marketingleiter des größten deutschen Kartoffelstärkeherstellers Emsland Group aus Emlichheim in Niedersachsen. Das Unternehmen exportiert seine Produkte in mehr als 100 Länder und setzt im Jahr etwa 358 Millionen Euro um. Nun will das Unternehmen die Stärke der Kartoffel erstmals massenhaft vermarkten.

Die Chancen stehen gut. Denn die Industrie sucht dringend nach einer neuen Super-Kartoffel. In gewöhnlichen Knollen stecken zwei Stärkekomponenten, Amylopektin und Amylose. Während Amylose geliert, kann Amylopektin verdicken und kleben. Bei vielen industriellen Anwendungen will man entweder die eine oder die andere Stärke haben. Selten aber beide. Deshalb werden die Substanzen aufwendig voneinander getrennt. Die Gen-Kartoffel Amflora dagegen enthält – genau wie die Tilling-Kartoffel – nur Amylopektin. Das macht die industrielle Verarbeitung weitaus einfacher und wirtschaftlicher. 100 bis 200 Millionen Euro könnte die Industrie mit der genmodifizierten Stärkekartoffel sparen, versprechen BASF & Co. Experten trauen der Tilling-Kartoffel ein ähnliches Potenzial zu.

Denn das neue Gewächs darf schon heute angebaut werden, während die ungeliebte Gen-Schwester nur versuchs-weise und streng kontrolliert auf dem Acker grünen darf. „Wir haben Amflora überholt“, freut sich Emsland-Manager Meijer. Er beziffert die Nachfrage für die hauseigene Stärke auf 100.000 Tonnen pro Jahr. Gerade hat sein Unternehmen die ersten 100 Tonnen Tilling-Kartoffeln in der Fabrik im brandenburgischen Kyritz zu einem feinen weißen Mehl verarbeitet.

Die besonders reine Stärke Amylopektin soll erobern

Diese besonders reine Stärke Amylopektin, die man aus herkömmlichen Kartoffeln nur aufwendig gewinnen kann, soll schon bald neben der Industrie auch die Lebensmittelbranche erobern. Emsland-Köche rühren das weiße Pulver bereits in Joghurt-Desserts ein, kochen damit in der firmeneigenen Testküche Suppen oder backen daraus Chips und Kartoffelpuffer. Bleiben die Suppen sämig, die Puffer locker und setzt sich im Joghurt kein Wasser ab, hat die Stärke ihre erste Bewährungsprobe bestanden. Dann wird das Amylopektin aus der neuen Knolle schon bald auch Speisen in der heimischen Küche und in Restaurants stabilisieren.

Die Tilling-Experten sind davon überzeugt: Treten eine gentechnisch veränderte und eine konventionell gezüchtete Pflanze mit denselben Merkmalen gegeneinander an, „wird letztere eine deutlich bessere Verbraucherakzeptanz haben und sich leichter vermarkten lassen“, sagt der Gentechnik-Experte Martin Parniske von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Beim Tilling ist der Eingriff des Menschen in die Natur geringer als bei den sogenannten transgenen Pflanzen. „Technologisch liegt ein Riesenunterschied zwischen Gentechnik und Tilling“, sagt Gentechnikexperte und Greenpeace-Berater Christoph Then. „Beim Tilling bleibe ich innerhalb der normalen Bandbreite, worauf die Pflanze in der Evolution trainiert worden ist.“ Dagegen gebe es keine Einwände. „Im Labor wird lediglich im Eiltempo nachgestellt, was auch in der Natur geschehen könnte“, sagt Steve Henikoff vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle, der das Tilling erfunden hat.

Im Jahr 2000 präsentierten er und seine Mitarbeiterin Claire McCallum das Verfahren der Öffentlichkeit. Damals diente es noch ausschließlich der Grundlagenforschung. Mittlerweile werden Tomaten, Mais, Weizen, Hirse, Bananen, Reis und Sojabohnen getillt. Das Bundesforschungsministerium in Berlin fördert die Etablierung der Technologie im Projekt „Gabi-Till“ seit 2004 an Gerste, Raps, Kartoffel und Zuckerrübe. Und auch immer mehr Unternehmen investieren in die neue Technik: Saatgutproduzenten etwa, wie die Deutsche Saatveredelung, Syngenta Seeds und KWS Saat.

Die Bedeutung der neuen Technik für die kommerzielle Zucht „wird im nächsten Jahrzehnt noch zunehmen“, sagt der Wissenschaftler Bradley Till, der einst eng mit Henikoff zusammenarbeitete. Wohin die Reise geht, lässt ein Blick über den Ozean erahnen: Das kalifornische Startup Arcadia Biosciences verdient sein Geld vornehmlich mit Tilling und beschäftigt fast ausnahmslos die Mitarbeiter von Tilling-Erfinder Henikoff. Das Unternehmen entwickelt dürreresistentere Sojabohnen, länger haltbare Erdbeeren, widerstandsfähigen Salat und glutenfreies Getreide, das Hunderttausenden Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten das Leben erleichtern kann (siehe WirtschaftsWoche 12/2009).

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%