WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Biotechnik Zuchterfolge ohne Gentechnik

Seite 3/4

In Europa reift der Fortschritt unter anderem in einem Gewächshaus der niederländischen Universität Wageningen. Finanzier der innovativen Gartenanlage ist die holländische Bayer-Saatguttochter Nunhems, die dort gelbe Tomaten züchtet. Mit deren Hilfe wollten die Wissenschaftler beweisen, dass Tilling auch bei dem sonst in der Regel roten Gemüse funktioniert. Dafür haben Wissenschaftler 15.000 Tomatensamen mutiert und jene Keimlinge selektiert, die in ihrem Gen für rote Fruchtfarbe Veränderungen tragen.

Die Bayer-Tochter setzt auch deshalb auf die moderne Präzisionszucht, weil sie fürchtet, von Verbrauchern für gentechnisch veränderte Produkte abgestraft zu werden. Gerade da aber will das Unternehmen das Vertrauen auf keinen Fall verspielen: Erst vor wenigen Wochen gab Bayer bekannt, sein Biotech- und Saatgut-Geschäft ausbauen zu wollen.

Jetzt kommen salzresistente Tomate

Bis zum Jahr 2018 will der Chemie- und Pharmakonzern den Umsatz in diesem Segment auf 1,4 Milliarden Euro mehr als verdreifachen. Dafür will das Unternehmen 3,5 Milliarden Euro investieren. Noch ist Tilling in dieser Strategie ein kleiner Baustein. Doch er gewinnt gerade enorm an Bedeutung.

Das nächste große Projekt der niederländischen Bayer-Tochter ist die salzresistente Tomate. Sie soll in dürregeplagten Gebieten auf salzigen Böden wachsen können. Das Salz saugt bei normalen Pflanzen Wasser aus den Zellen und lässt die Zellwände kollabieren. Doch es gibt ein natürliches Gegengift: Der Eiweißbaustein Prolin verhindert das bedrohliche Ausbluten des Pflanzengewebes. Leider nur sorgt das im Normalfall aktive Gen ProDH für den Abbau dieser Substanz in den Zellen. „Doch man kann ProDH gentechnisch ausschalten, dann reichert sich Prolin an, und die Pflanze wird unempfindlich gegenüber Salz“, sagt Pflanzenforscher Christian Bachem von der Universität Wageningen. „Das möchten wir auch mit Tilling schaffen.“

Einen ersten Erfolg konnten die Wissenschaftler dieses Jahr bereits feiern: Im Wageningener Treibhaus rankt derzeit eine Tomatenstaude, die voraussichtlich mehr Salz verträgt als herkömmliche Tomatenpflanzen.

Wie bei der Kartoffel hat das Verfahren auch bei der Tomate einen mit dem Gentransfer vergleichbaren Effekt. Doch selbst Forscher wie Tilling-Erfinder Henikoff betonen, das Verfahren könne die Gentechnik nicht in allen Feldern ablösen: In manchen Fällen sei es unumgänglich, fremde Gene in eine Pflanze einzuschleusen. Etwa, um Mais widerstandsfähiger gegen Insekten zu machen: Dafür wird das Pflanzengen durch Erbinformationen eines Insektengens ergänzt. Mit Tilling geht das nicht.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%