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Biotechnik Zuchterfolge ohne Gentechnik

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Die Technik überschreitet die Artgrenze nie. Eigenschaften, die nicht angelegt sind, können mit der Ein-Gen-Evolution auch nicht gezüchtet werden. Gentechnik ist zudem einfacher als das Tilling. Unternehmen, die eine Pflanze genetisch modifizieren wollen, müssen nicht genau wissen, wie ihr Erbgut aufgebaut ist, um etwa ein einzelnes bekanntes Gen aus einem Bakterium einzufügen. Beim Tilling hingegen braucht man eine sehr genaue Vorstellung davon, auf welches Gen der Pflanze man es abgesehen hat und welche Funktion es erfüllt.

In diesem bewussten Umgang mit Pflanzenerbinformationen liegt aber zugleich das große Potenzial des Verfahrens: Immer mehr Genome werden entschlüsselt. Den Bauplan des Lebens von Reis, Hirse und Mais kennt man schon. Erst vor wenigen Wochen hat Bayer zudem das Raps-Genom entschlüsselt. Je mehr florale Baupläne die Datenbanken füllen, desto häufiger wird die Präzisionszucht angewendet werden, betont Tilling-Erfinder Henikoff.

Schmackhafter, gesünder und einfacher zu verarbeiten

Welche Bedeutung das Wissen über das Erbgut hat, zeigt das Beispiel der Getreidesorte Gerste. Das Gen MLO etwa macht das Getreide anfällig für Mehltau. Sobald aber das Merkmal per Tilling verändert wird, werden die Halme resistent gegen die Pilzkrankheit. Auch Weizen und Roggen verfügen über ein MLO-Gen. Mit der Ein-Gen-Evolution wollen Forscher nun auch für diese Arten widerstandsfähige Nachkommen züchten. Es sind ohnehin nicht nur die politische Stimmungslage und die gesellschaftliche Akzeptanz, die das neue Verfahren begünstigen. „Wir finden die Gentechnik zwar nicht falsch“, sagt Pflanzenforscher Bachem, „aber mit dem Tilling können wir viel subtilere Veränderungen erreichen.“

Derart sanfte Modifikationen etwa in temperaturempfindlichen Enzymen „könnten Tomaten tolerant gegenüber Kälte machen“, hofft Pflanzenforscher Bachem. Dann müssten Gewächshäuser weniger geheizt werden. Auch Vitamine und Aromastoffe könnten mit der Ein-Gen-Evolution verstärkt werden. Bitterstoffe könnten vermindert, der Zuckergehalt erhöht oder die Fettzusammensetzung verändert werden. Darin, so Bachem, liege das große, nahezu unerschlossene Potenzial des Tillings für die kommerzielle Pflanzenzucht.

Die Früchte dieser Forschung sollen schmackhafter, gesünder oder einfacher zu verarbeiten sein. „Das ist aufregend für Zuchtunternehmen, weil sie so die Vielfalt ihrer Sorten um bestimmte Eigenschaften erweitern können“, sagt Bachem.

Die Gen-Kartoffel verliert mit der Konkurrenz ihre Einzigartigkeit. Amflora-Schöpfer BASF verbreitet dennoch Optimismus: Die neue Stärkekartoffel zeige, dass der Bedarf vorhanden sei. Frei nach dem Motto: Wo Platz für einen ist, ist Platz für zwei und wahrscheinlich für noch mehr – Kontrahenten freilich.

BASF will die Amflora 2010 auch in Deutschland anbauen, schließlich hat das Unternehmen einige Hundert Millionen Euro in die Gen-Knolle investiert. Doch auf die Frage, ob man heute noch einmal in eine Amflora investieren würde, bleibt das Unternehmen vage: „Es ist schwer zu sagen, wie es gewesen wäre, wenn die neue Kartoffel und die Technik schon da gewesen wären“, sagt eine Sprecherin. „Damit hat keiner gerechnet.“

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