WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Biotechnologie Künstliches Leben versetzt Biotech-Branche in Aufruhr

Seite 2/4

M. mycoides Quelle: dpa

Bakterien sind jedoch viel komplexer als Viren, sodass Venter Jahre brauchte, um das Erbgut eines Organismus komplett nachzubauen und mit Markierungen zu versehen. Dieses künstliche Genom steckte er in ein nah verwandtes Bakterium, dem er zuvor das eigene Erbgut entnommen hatte. Dort – und das ist die eigentliche Sensation – wurden die synthetischen Gene aktiv, als wären sie von der Natur geschaffen, und übernahmen das Kommando über die Bakterienhülle. Wie in der Computerwelt sprechen die Forscher vom „Booten“ des Erbguts.

Venter und Forscher wie Wagner hoffen, die Technik bald auf andere Organismen übertragen zu können. Sie wollen Genome nicht nur nachbauen, sondern völlig neu entwicklen. Ihre Vision sind am Computer konzipierte und im Labor konstruierte Organismen. Die könnten nicht nur sehr viel schneller und effektiver als bisher Medikamente und Impfstoffe produzieren. Sie könnten auch helfen, auslaufendes Öl nach Unfällen wie aktuell im Golf von Mexiko zügig abzubauen oder Giftstoffe aus Böden und Gebäuden zu vertilgen. Ernteabfälle wie Stroh würden sie in Kunststoffe verwandeln. Oder noch besser: Sie könnten aus dem klimaschädlichen Kohlendioxid (CO2) direkt Biodiesel oder eine Art Rohöl für die petrochemische Industrie herstellen.

Designer-Bugs

Für Fachleute wie Holger Zinke, Gründer und Chef des deutschen Biotech-Unternehmens Brain, sind das alles andere als Hirngespinste: „Diese neue Form der synthetischen Biologie ist die Zukunft sämtlicher biotechnischer Produktionsprozesse“ (Lesen Sie hier das Interview mit Holger Zinke).

Auch Zinkes Unternehmen arbeitet in diesem Feld, das bisher als industrielle oder weiße Biotechnologie firmiert. Nur nutzte bisher niemand synthetische Lebensformen dafür. Die Brain-Forscher im hessischen Zwingenberg etwa entwickeln auf klassisch-biotechnische Weise für den Energieriesen RWE Mikroben, die das CO2 aus Kraftwerksschloten verwerten sollen. Auch solche Lebewesen, der stilbewusste Bauhaus-Fan Zinke spricht liebevoll-spöttisch von „Designer-Bugs“, seien gentechnisch modifiziert und stark von Menschenhand geformt.

Doch das Verfahren ist langwierig. Der Grund: Seit es in den Siebzigerjahren erstmals gelang, ein Gen von einer Tier- oder Pflanzenart in die andere zu bugsieren, hat sich das Verfahren kaum verändert. Auch heute noch werden einzelne Gene oder kleine Gruppen von Genen in das Erbgut eines bestehenden, gut funktionierenden Organismus eingeschleust.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%