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Blick hinter die Zahlen #42 – Insolvenzen Pleitewelle? Pleiteflaute!

Die Statistik wirkt beruhigend: Trotz Corona sinken die Insolvenzzahlen. Ein Grund zur Entwarnung ist das nicht. Die Schwierigkeiten vieler Unternehmen in der Pandemie werden durch politische Maßnahmen überdeckt.

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Es ist ein Horrorjahr für die Wirtschaft: Experten erwarten 2020 einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes in Deutschland um 5,4 Prozent. Die Zahl der Kurzarbeiter verharrt auf hohem Niveau und der im November verhängte ‚Lockdown light‘ schlägt auf die Konsumstimmung durch. Keine Frage: die Folgen der Corona-Pandemie lassen sich an immer mehr wirtschaftlichen Kennziffern ablesen. Umso erstaunlicher wirken aktuelle Zahlen aus der Insolvenzstatistik - zumindest auf den ersten Blick. So registrierte das Statistische Bundesamt von Januar bis Oktober 2020 nach vorläufigen Daten lediglich knapp 18.200 eröffnete Regelinsolvenzen. Diese Verfahren kommen für Unternehmen und wirtschaftlich tätige Personen wie Selbständige oder persönlich haftende Unternehmer in Betracht. Im Vorjahreszeitraum waren es rund 22.600. Allein im Oktober brach die Zahl um 45,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat ein. Allerdings liegen für die Monate September und Oktober noch keine endgültigen Daten vor. Aus Aktualitätsgründen greifen die Statistiker auf Veröffentlichungen der Insolvenzgerichte zurück. Es kann also noch zu Veränderungen kommen. Doch der Trend ist klar: die Insolvenzzahlen sinken 2020 deutlich.

Weniger Pleiten trotz einer der schwersten Wirtschaftskrisen der Nachkriegszeit? Tatsächlich sind mehrere Gründe für den Rückgang verantwortlich. Der wichtigste: Im Frühjahr hatte die Bundesregierung den Chefs pandemiegeschädigter Firmen vorübergehend erlaubt, auf einen Insolvenzantrag zu verzichten, sofern Aussicht auf Sanierung besteht. Seit dem 1. Oktober ist ein Insolvenzantrag bei Zahlungsunfähigkeit wieder verpflichtend, für ausschließlich überschuldete Unternehmen gilt die Befreiung wegen der Corona-Pandemie zunächst weiterhin bis Jahresende. „Dies macht sich aber unter anderem aufgrund der Bearbeitungszeit noch nicht in den Zahlen der eröffneten Verfahren bemerkbar“, erklärte jüngst das Statistische Bundesamt. Die im Oktober beantragten Verfahren dürften erst in den kommenden Monaten eröffnet werden und dann in die Statistik einfließen.

Hinzu kommt, dass nach Angaben von Insolvenzverwaltern derzeit viele Geschäftsführer angeschlagener Firmen schlicht ignorieren würden, dass die meisten Antragspflichten wieder gelten. Und natürlich halten auch die Hilfsgelder von Bund und Ländern sowie das Kurzarbeitergeld zahlreiche angeschlagene Unternehmen über Wasser. Die Folge: Nicht nur in den wirtschaftlichen Boomjahren nach 2008 ging die Zahl der Insolvenzen zurück, sondern auch im Krisenjahr 2020.

Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen

Dass der Pleitenstand auf Dauer so niedrig bleibt, ist allerdings unwahrscheinlich. Experten warnen bereits vor „Zombie“-Unternehmen, die durch die Unterstützungsmaßnahmen und rechtlichen Regelungen künstlich am Leben gehalten würden. Spätestens im Frühjahr erwarten sie wieder einen Anstieg der Insolvenzzahlen. Nur, in welchem Ausmaß?
Die Bundesbank prognostiziert für Anfang 2021 einen Anstieg auf über 6.000 Unternehmensinsolvenzen pro Quartal. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die Wirtschaftsauskunftei Creditreform, die von insgesamt bis zu 24.000 Verfahren im kommenden Jahr ausgeht. Im Jahr 2019 waren es rund 18.750 gewesen. Vor allem in besonders Corona-betroffenen Branchen wie dem Hotel- und Reisegewerbe, der Gastronomie, der Veranstaltungsbranche und dem stationären Einzelhandel könnten sich Geschäftsaufgaben und Pleiten häufen. Regional dürfte es dabei allerdings wie schon in den Vorjahren erhebliche Unterschiede geben.

Unternehmenspleiten nach Bundesländern und Insolvenzhäufigkeit 2019

Die großen Flächenländer verzeichnen regelmäßig die meisten Unternehmensinsolvenzen. Mehr als 5.300 waren es beispielsweise 2019 in Nordrhein-Westfalen, rund 2.600 in Bayern und 1.800 in Baden-Württemberg. Mit 186 Unternehmenshavarien im Jahr 2019 wirkt Bremen dagegen wie ein Hort der Unternehmensstabilität. Setzt man die Zahl der Insolvenzen jedoch ins Verhältnis zu den insgesamt vorhandenen Unternehmen, verändert sich das Bild. Mit 83 Pleitefällen je 10.000 Firmen gehört Bremen zu den Pleitehochburgen, was nicht nur an der Wirtschaftsstruktur liegen muss. Auch die Stadtstaaten Hamburg und Spitzenreiter Berlin kommen indes auf ähnliche Insolvenzhäufigkeiten. Aber auch das Saarland und Nordrhein-Westfalen kamen 2019 auf 80 und mehr Insolvenzfälle pro 10.000 Unternehmen. Thüringen, Brandenburg, Bayern und Baden-Württemberg glänzen dagegen mit Werten zwischen 30 und 43 Insolvenzfällen pro 10.000 Unternehmen.

Stellt die Geschäftsführung eines Unternehmens Insolvenzantrag, setzt das zuständige Amtsgericht meist einen Insolvenzverwalter ein, um zu retten, was zu retten ist. Zwar haben sich inzwischen auch andere Verfahrensarten etabliert und die Politik will künftig zusätzlich ein vorinsolvenzliches Sanierungsverfahren ermöglichen. Aber bislang ist das sogenannte Regelverfahren vor allem für kleine und mittelgroße Unternehmen tatsächlich die Regel.

Für die Gläubiger bleibt dabei oft wenig übrig, zeigt eine Auswertung des Statistischen Bundesamt über all jene Insolvenzverfahren, die im Jahr 2011 eröffnet und bis Ende 2018 beendet wurden. Das Resultat ist ernüchternd: Bei Unternehmensinsolvenzen lag die Deckungsquote bei 6,1 Prozent. Bei Verbraucherinsolvenzverfahren war sie mit 1,8 Prozent sogar noch geringer. Insgesamt hatten Gläubiger wie Lieferanten oder Vermieter bei Unternehmensinsolvenzen Verluste in Höhe von knapp 6,2 Milliarden Euro zu verkraften. Bei Verbraucherinsolvenzen summierten sich die Verluste auf rund 3,9 Milliarden Euro.

Was für Gläubiger im Pleitefall übrig bleibt

2020 wird die Schadenshöhe trotz niedrigerer Insolvenzzahlen vermutlich wieder steigen. Allein schon durch die Großpleite des Zahlungsdienstleisters Wirecard dürften Gläubiger Milliardenbeträge verlieren: Nach dem Zusammenbruch des Skandalkonzerns im Sommer haben gut 11.500 Gläubiger bereits Forderungen in Höhe von über 12 Milliarden Euro angemeldet. Allerdings haftet dabei jedes zur Insolvenz angemeldete Tochterunternehmen in Höhe der voraussichtlichen Forderungen des gesamten Unternehmens, sodass Mehrfachzählungen hinsichtlich der Gesamtsumme auftreten.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

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Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

Mehr zum Thema: Auf welche Gefahren muss sich ein Chef vorbereiten? Risikoforscher Werner Gleißner über die richtige Krisenabwehr.

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