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Blick hinter die Zahlen #44 – Alkohol- und Tabakkonsum Mehr Alkohol wegen Corona? So viel trinken die Deutschen in der Pandemie

Macht Corona uns zu einem Land der Trinker und Qualmer? Umfragen deuten darauf hin. Die Statistiken spiegeln das allerdings nicht wider. Gerade in der Weihnachtszeit ist der Alkoholkonsum traditionell um ein Vielfaches höher als seit Beginn der Pandemie.

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Mehrere Studien in den vergangenen Wochen ließen aufhorchen. Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim ermittelte in Kooperation mit dem Klinikum Nürnberg, dass der Alkoholkonsum bei mehr als einem Drittel der Erwachsenen seit Beginn der Coronakrise gestiegen sei. 37,4 Prozent der rund 3.200 Teilnehmer gaben demnach bei einer anonymen Online-Umfrage an, „mehr oder viel mehr Alkohol“ getrunken zu haben als zuvor. Ein ähnliches Bild zeige sich bei Raucherinnen und Rauchern. 42,7 Prozent zündeten sich nun öfter eine Zigarette, Pfeife oder einen Zigarillo an.

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) schien den Trend zu bestätigen: Rund ein Viertel der 1.005 befragten Personen im Alter zwischen 16 und 69 Jahren gab an, mehr zu trinken als vor der Pandemie. Und bei den Gelegenheitsrauchern greift demnach jeder Dritte seither häufiger zur Zigarette. Daten der Gesellschaft für Konsumforschung ließen den Schluss zu, dass in den ersten Wochen des Lockdowns im Frühjahr der Absatz von alkoholischen Getränken um rund sechs Prozent gestiegen sei.

Die logische Erklärung dafür lag auf der Hand: Rauschmittel seien gerade in Krisenzeiten für viele Menschen eine Art Bewältigungsmechanismus, sagte etwa Michael Falkenstein, Experte für Suchtfragen bei der KKH. Sie entspannten, beruhigten und würden vermeintlich Ängste und Sorgen vertreiben. „Die große Gefahr dabei ist, dass aus dem vermehrten Konsum während einer schweren Phase eine Gewohnheit wird und dadurch ein noch höheres Risiko für eine Abhängigkeit entsteht“, warnte er.

Die Statistik spiegelt diesen Alarmzustand jedoch nicht wider. Laut den monatlich erhobenen Daten zum Bierabsatz deutscher Hersteller wurden zwischen Januar und Oktober 61,5 Millionen Hektoliter im Inland verkauft. 2019 waren es im selben Zeitraum noch 64,5 Millionen Hektoliter. In einer Zeitreihe seit 1993 ist abzulesen, dass der jährliche Verbrauch seither um 29,5 Millionen Hektoliter auf 76,3 Millionen Hektoliter abnahm. Offenbar hat der leicht gestiegene Bierkonsum im Privaten nicht den ausgefallenen Bierausschank der geschlossenen Kneipen und Restaurants ausgeglichen.

Für Weine und Schaumweine gibt es lediglich jährliche Erhebungen. Aber eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes über das Einkaufsverhalten der Bundesbürger während der ersten Wochen der Coronapandemie zeigt: Der Absatz von Bier, Wein und Spirituosen lag in der Coronakrise erheblich unter dem regelmäßig überdurchschnittlichen Konsum alkoholischer Getränke in der Weihnachtszeit.

Absatzindex von alkoholischen Getränken

Der Zigarettenkonsum ist ebenfalls seit vielen Jahren rückläufig. Auch dieses Jahr. Corona hin oder her. Zumindest wenn man Daten der offiziellen Verkaufszahlen in Deutschland heran zieht und keine aus dem Ausland mitgebrachte Ware oder solche aus zwielichtigen Quellen dazuzählt. Zwischen Januar und September wurden demnach in Deutschland 56 Milliarden Zigaretten verkauft. In den ersten drei Quartalen 2019 waren es noch 58 Milliarden. Das Corona-Jahr bestätigt damit den Trend: Zwischen 1991 und 2019 halbierte sich der jährliche Absatz beinahe von 146,5 Milliarden auf 74,6 Milliarden Zigaretten.

Heißt das, dass die Bevölkerung ihren Konsum in Umfragen kritischer betrachtet, als es die Zahlen belegen?

Teils, teils. Während tatsächlich viel weniger Raucher als früher zur Zigarette greifen, steigt der Absatz von Pfeifentabak seit einigen Jahren stark an. Seit 1991 hat er sich auf 4150 Tonnen pro Jahr beinahe vervierfacht. Getrieben wird diese Entwicklung vor allem durch Wasserpfeifentabak und Tabakprodukte für elektrische Tabakerhitzer, die zunehmend beliebter werden.

Zigarettenverkauf in Deutschland

Mäßigend auf den Alkoholkonsum insgesamt einwirken kann, dass Bars und Restaurants während des Lockdowns im Frühjahr geschlossen warenund jetzt wieder sind. Sie wurden auch während der Sommermonate weniger frequentiert als üblich. Ebenso fielen viele Volksfeste und private Feiern aus. Im Homeoffice gibt es zwar weniger soziale Kontrolle – aber in der Öffentlichkeit auch weniger Gelegenheit, miteinander anzustoßen.

Die Angaben des Statistischen Bundesamtes basieren zudem auf neuen Datenquellen und Methoden. Ausgewertet wurden digital verfügbare Kassendaten, sogenannte Scannerdaten. Sie basieren auf einer geringen Anzahl von Filialen aus dem gesamten Bundesgebiet und sind daher eingeschränkt repräsentativ für das Kaufverhalten in Deutschland. Aber auch die Studie von ZI Mannheim und Klinikum Nürnberg ist nicht repräsentativ, wie ihre Forscher selbst betonen.


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Sie hätten auch heraus heben können, dass mehr als 70 Prozent der Befragten angaben, weder vor noch seit Beginn der Coronakrise zu rauchen, dass sich bei 41 Prozent der Befragten der Alkoholkonsum nicht veränderte – oder dass 21,2 Prozent nach eigenen Angaben weniger oder viel weniger trinken als zuvor. Die Quelle für die alarmierende Nachricht waren 561 Personen, die einen etwas höheren Konsum alkoholischer Getränke angaben – und 161 mit einem viel höheren Konsum.

Um zusätzlich zu den Ergebnissen der ersten Studie Schlüsse auf längerfristige Verhaltensänderungen durch die Krise ziehen zu können, ist nun eine zweite Studie geplant.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

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