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Blick hinter die Zahlen #45 – Photovoltaik Der Sonnenuntergang der deutschen Photovoltaik

Deutschland war einmal Vorreiter bei der Photovoltaik. Doch der Schwung ist raus; andere Länder haben die Führungsrolle übernommen, in Deutschland gehen Investitionen und Beschäftigung in der Branche zurück.

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Am 29. März 2000 trat das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft. Es gilt als Startschuss für die Energiewende in Deutschland. Erstmals konnten die Betreiber von Wind-, Biogas- und Photovoltaikanlagen mit festen Vergütungen für ihren Ökostrom kalkulieren. Seitdem zahlen die Energiewende alle Stromkunden indirekt durch die sogenannte EEG-Umlage, aktuell 6,96 Cent je Kilowattstunde (kWh) Strom. Pro Jahr ist das doch etwas mehr als die berühmte „Kugel Eis“, auf die der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin 2004 die EEG-Umlage je Jahr und Haushalt bezifferte.

Die erhoffte Wirkung aber trat ein: Die Anzahl der Wind- und Photovoltaik-Anlagen schoss nach oben, die produzierten sauberen und CO2-armen Strommengen ebenfalls. Deutschland wurde international zu einem gefeierten Vorbild für eine nachhaltigere Energiepolitik. Derzeit wird das Gesetz zum wiederholten Mal überarbeitet. Von 2021 an soll eine reformierte Version gelten, für die das Bundeswirtschaftsministerium unter Peter Altmaier (CDU) im vergangenen September einen Entwurf vorgelegt hat. Er soll ermöglichen, die Klimaziele der Bundesregierung zu erreichen. Demnach sollen schon 2030 mindestens 65 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Solar, Wasserkraft oder Biomasse kommen. 2019 lag ihr Anteil bei 44 Prozent.

Ob das viel ist oder wenig, hängt von der Position der Betrachter ab. Im Vergleich zu 1990 ist es definitiv viel. Damals bezweifelten viele, dass es jemals möglich sein würde, mehr als zehn Prozent des Stroms aus Wind und Sonne zu erzeugen. Der Anteil der Erneuerbaren lag bei gerade mal 3,4 Prozent, im Wesentlichen aus Wasserkraft. Diesen Anteil vor allem mithilfe von Wind und Sonnenenergie zu verzehnfachen, schien damals unmöglich. Heute ist es Realität.

In Deutschland ist jedoch nicht Sonnen- sondern Windenergie die wichtigste Quelle für sauberen Strom. Ihr Anteil am gesamten Strommix stieg in den vergangenen zehn Jahren von 39,5 auf 128 Terawattstunden (TWh); oder 21 Prozent gesamten Bruttostromerzeugung in Deutschland (gut 600 TWh 2019). Als Bruttostrom bezeichnet man die gesamte Strommenge, die erzeugt wird, inklusive der Verluste, die beim Transport in Leitungen und Transformatoren entstehen, und des Eigenverbrauchs der Kraftwerke. Die Menge des Photovoltaik-Stroms wuchs noch schneller als der Windstrom; sie hat sich im gleichen Zeitraum gar versiebenfacht auf 45 TWh. Insgesamt aber liegt ihr Anteil mit rund sieben Prozent der Primärenergie am Strommix in Deutschland weit hinter Wind und nur etwa gleichauf mit Biomasse.

Der große Wachstumsschub der Photovoltaik fand in den Jahren 2009 bis 2014 statt. In diesen fünf Jahren hat sich die installierte Leistung in Deutschland mehr als verfünffacht. Das lag vor allem an üppigen Förderungen wie der Einspeisevergütung, die es Produzenten gestattet, 20 Jahre lang ihren Sonnenstrom zu einem festen Preis zu verkaufen. Diese Einspeisevergütung lag zum Beispiel im Jahr 2000 noch bei über 50 Cent je kWh; 2011 bekamen Sonnenstromerzeuger immerhin noch bis zu 28,7 Cent; heute gibt es dafür gerade mal 8,3 Cent, für Sonnenstrom aus Groß-Anlagen gar nur noch gut sechs Cent.

Anteil der Photovoltaikan der deutschen Bruttostromerzeugung

Teilweise wird das durch den ebenfalls stark sinkenden Preis der Anlagen kompensiert. Insgesamt aber hat sich der Solar-Ausbau deutlich abgebremst. 2016 und 2017 ging der Anteil des Photovoltaikstroms im Netz sogar zurück. Erst seit 2018 gibt es wieder leichte Zuwächse, aber längst nicht mehr so starke wie in der ersten Hälfte der 2010er Jahre.

Wer in Bayern über Land fährt, merkt schnell an der großen Zahl der blauen Hausdächer und Scheunen: Der Süden Deutschlands dominiert die Sonnenstromerzeugung in der Republik. Das ist auf den ersten Blick kaum verwunderlich, doch die Unterschiede sind drastisch, die geografische Lage erklärt sie nicht allein. In Bayern sind mit 12.545 Megawatt Spitzenleistung mehr als drei Mal mehr PV-Kapazitäten installiert als in NRW oder Niedersachsen.



Auch pro Kopf ist das viel mehr installierte Leistung als in den anderen Bundesländern, nämlich rund ein Kilowatt pro Bayer und Bayerin. Dagegen könnte der durchschnittliche Rheinländer oder Westfale nur 0,27 Kilowatt Sonnenstrom erzeugen. Auch am Wetter liegt das nicht. Bayern hat zwar mit durchschnittlich 1880 Sonnenstunden pro Jahr etwas mehr als etwa Hamburg oder Schleswig-Holstein (je 1645) oder NRW mit rund 1700. Aber der Osten, vor allem der Freistaat Sachsen, ist in der Tendenz noch sonniger als der Süden. Sachsen kommt auf fast 2000 Sonnenstunden im Jahr. Tatsächlich liegt es vor allem an der Politik der bayerischen Staatsregierung, die früh den Weg auch für größere Solarparks auf Freiflächen freigemacht hat. Per Verordnung hat sie in den vergangenen Jahren immer mehr landwirtschaftliche Flächen für die Photovoltaik geöffnet.

Installierte Leistung der Photovoltaikanlagen in Deutschlandnach Bundesland im Jahr 2018

2003 waren in Bayern noch 30 Solarparks jährlich auf Wiesen und Äckern erlaubt. 2019 schon 70 Anlagen, und seit 2020 dürfen sogar 200 Solarparks auf landwirtschaftlichen Flächen pro Jahr neu entstehen. Der Bayerische Bauernverband war ursprünglich gegen so viele Module auf seinen Feldern, weil das die knappe landwirtschaftliche Nutzfläche weiter schrumpfen lasse. Er hat seinen Widerstand aber aufgegeben. Es gibt eben viele Landwirte, die vom Verpachten der Flächen für Solarparks auch profitieren.

Die vielen Sonnenfreunde in Bayern quer durch alle politischen Lager reichen aber bei weitem nicht aus, um Deutschland insgesamt in der Weltspitze zu halten. Im internationalen Vergleich fällt die Bundesrepublik immer weiter zurück. China führt mit einer installierten Leistung von mehr als 204 Gigawatt peak (Spitzenleistung bei maximaler gleichzeitiger Sonneneinstrahlung) inzwischen mit klarem Abstand vor den USA, die trotz der erklärt klimafeindlichen Politik des abgewählten Präsidenten Donald Trump in den vergangenen Jahren starke Zuwächse erzielen, ebenso Indien.

Installierte Photovoltaikleistung und -zubau

Natürlich haben große Länder wie die USA mit sogar mehreren Zeitzonen, in denen die Sonne pro Kalendertag schon allein wegen der Ost-West-Ausdehnung viel länger scheint, hier einen Vorteil gegenüber dem relativ kleinen Deutschland. Andererseits fällt die Bundesrepublik inzwischen beim Zubau auch deutlich nicht nur gegenüber China, Indien und den USA, sondern auch deutlich kleineren Ländern wie Japan, Spanien und Vietnam zurück. Das liegt vor allem an den stark rückläufigen Investitionen in neue Solaranlagen in Deutschland.

Die meisten Investitionen flossen in den Jahren 2009 bis 2012; im Spitzenjahr 2010 fast 20 Milliarden Euro. Den starken Rückgang führen Experten vor allem auf die extremen Kürzungen der Fördermittel durch den damaligen Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) im Jahr 2012 zurück. Dabei war die auf 20 Jahre garantierte Einspeisevergütung schon in den Jahren davor um gut zwei Drittel gesunken; das Bundeswirtschaftsministerium hielt jedoch wegen der zugleich wachsenden Zahl neuer Anlagen die absoluten Einspeisevergütungen mit fast 22 Milliarden Euro im Jahr 2010 für insgesamt zu hoch; tatsächlich schaffte Rösler es, sie mit einem Streich um fast 85 Prozent zu reduzieren. Das blieb jedoch nicht ohne Folgen: Mehr als 110.000 Arbeitsplätze hat die Solar-Branche seit 2012 verloren.

Investitionen in Photovoltaik

Nicht an allen sind Röslers Kürzungen Schuld; auch Effizienzgewinne in der Industrie und die Abwanderung großer Teile der Herstellung nach Fernost haben dazu beigetragen. Experten kritisieren jedoch weniger die Höhe der Kürzungen, als vor allem deren Timing: „Wir haben die Narretei zuwege gebracht, die Photovoltaikindustrie hoch zu fördern, als sie noch extrem teuer war und fast niemand in der Welt die Module kaufen wollte, und dann kaputt zu kürzen, als China, Indien und die USA einstiegen und es riesige, wachsende Absatzmärkte für die deutschen Hersteller entstanden“, sagt Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin.

Anzahl der Beschäftigten in der Solarbranche

Von der einstigen Boom-Branche ist heute kaum etwas übriggeblieben. Von den zehn größten Herstellern für Solarzellen und -module kommen acht aus China, einer aus den USA und einer aus Kanada. Zu Beginn der 2000er Jahre dominierten noch die deutschen Pioniere wie QCells oder Solarworld. Das Geld verdienen nun, da die Photovoltaik den Durchbruch geschafft hat und in den meisten Ländern billiger ist als Kohle und Atomstrom, andere.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

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