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Brände Die Cyber-Löscher

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Höhere Effizienz

Neben der höheren Effizienz haben die Feuerwehroberen den besseren Schutz ihrer Leute im Auge, die oft genug ihr Leben riskieren. „Gemessen an den jährlich rund 3,5 Millionen Einsätzen sind tödliche Unfälle zum Glück selten“, sagt Jens Stiegel, Chef der Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie in Frankfurt. Aber sie passieren. 2006, neuere Zahlen liegen nicht vor, starben 20 Feuerwehrmänner; fast 2500 beziehen zurzeit wegen im Einsatz erlittener Verletzungen Invalidenrenten.

Vor allem ein Drama hat den Ruf nach einer besseren Ausrüstung noch einmal verstärkt: Bei einem vermeintlichen Routinebrand in Tübingen waren Ende 2005 zwei 35- und 24-jährige Feuerwehrleute erstickt. Da es keinen Funkkontakt gab, wussten ihre Kollegen weder, was los war, noch wo sich die beiden genau befanden. Obwohl die Suchtrupps, wie sich später herausstellte, nur wenige Meter von den Verunglückten entfernt waren, irrten sie fast 30 Minuten durch Flammen und Rauch. Als ihre Kollegen sie im völlig verqualmten Dachgeschoss endlich fanden, waren sie tot.

„Nach Tübingen“, sagt der Frankfurter Chefausbilder Stiegel, „haben die Feuerwehren quer durch die Republik ihre Sicherheitskonzepte erneut auf dem Prüfstand gestellt.“ Und sie haben, wie etwa Berlins Feuerwehrchef Wilfried Gräfling, klare Vorgaben an die Forscher und Entwickler formuliert. „Ziel ist, dass sich die Helfer in Gebäuden und an unübersichtlichen Einsatzstellen nicht nur selbst besser orientieren können, sondern dass auch die Einsatzleiter ihre Teams jederzeit orten und deren Gesundheitszustand überwachen können.“

Leichte Fertigungsmaterialien

Gräfling hat dazu mit Wissenschaftlern und Industrieexperten Anfang Mai das Forschungsprojekt „Feuerwhere“ gestartet. Mit 3,6 Millionen Euro des Bundesforschungsministeriums will der Feuerwehrchef ein System einsatzreif machen, das die wichtigsten Körperfunktionen der Retter überwacht und die Werte an die Einsatzleitung funkt. „Wir brauchen Informationen über Puls, Sauerstoffsättigung im Blut, die Körpertemperatur und die Luftfeuchtigkeit innerhalb und außerhalb der Schutzkleidung – damit bekommen wir ein reales Bild der Belastung“, erläutert Gräfling. „Dann wissen wir, wann bei einem unserer Leute der Kreislauf zusammenzubrechen droht und können ihn rechtzeitig zurückrufen.“ Mit im Boot sind die Freie Universität Berlin, das Atemschutz- und Messtechnikunternehmen MSA Auer, der Übertragungsexperte IHP Microelectronics und der Spezialist für drahtlose Sensornetze Nanotron Technologies.

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    In einem weiteren Projekt haben Wissenschaftler des Bremer Technologie-Zentrums Informatik im Rahmen eines 14,5-Millionen-Euro-Forschungsprogramms der EU Konzepte zur Vernetzung der Einsatzkleidung entwickelt und einen Spezialsensor zur Positionsbestimmung der Einsatzkräfte erprobt. Forscher des Fraunhofer Instituts für Angewandte Informationstechnik in Sankt Augustin bei Bonn testen mit dem Lübecker Atemschutz- und Sensorspezialisten Dräger und der Feuerwehr Köln Navigationssysteme, die den Rettern in unbekanntem Terrain den Weg weisen.

    Die Hersteller der Einsatzkleidung experimentieren mit besonders leichten Fertigungsmaterialien, um die rund 20 Kilogramm schwere Schutzausrüstung kräftig abzuspecken. „Allein das Gewicht der Jacken lässt sich noch einmal um knapp die Hälfte auf nur noch 1,5 Kilogramm senken“, ist Gebhard Szimeth überzeugt, Experte für Personenschutzkleidung beim Technologiekonzern DuPont.

    Für den Berliner Landesbranddirektor Gräfling steht fest: „Ohne vernetzte Ausrüstung, mit der die Helfer effizienter und sicherer arbeiten können, werden Feuerwehren nicht mehr funktionieren.“ Städte und Gemeinden sieht er in der Pflicht: „Wenn erst einmal Kommunikationssysteme einsatzreif sind, mit denen wir Dramen wie in Tübingen verhindern können, wird niemand an ihrem Einsatz vorbeikommen.“

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