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Brände Die Cyber-Löscher

Deutschlands Feuerwehren rücken oft mit veraltetem Gerät aus. Neue Ausrüstungen sollen ihre Arbeit zukünftig schneller, sicherer und deutlich effektiver machen.

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Feuerwehrleute bei Quelle: AP

Der Qualm, der Florian Löscher und Martin Horn umhüllt, ist pechschwarz. Kein Lichtstrahl durchdringt die Rußschwaden im brennenden Chemielabor. Trotzdem bewegen sich die Männer mit fast traumwandlerischer Sicherheit durch die Räume. Schon am Eingang hat der Löschtrupp die Radar-Infrarotmodule in den Helmen aktiviert. Die Bilder erscheinen nun, von Mikrolasern ins Glas der Schutzmasken projiziert, als virtuelle Realität vor den Augen der Retter.

Per Radarscan entdeckt Löscher den vermissten Laboranten in der Finsternis. Er lokalisiert ihn mit einem Fingerzeig seines Datenhandschuhs, ein Funkmodul in Löschers Jacke überträgt die Position des Verunglückten an den Rettungstrupp. Noch während die beiden Feuerwehrmänner mit dem Nebelinjektor die Tür durchbohren, hinter der das Feuer wütet, wird der Verletzte aus dem Qualm geborgen. Sekunden später jagen sie eine wenige Liter große Ladung mikroskopisch feiner Wassertröpfchen in den Raum – diese ersticken die Flammen im Nu. Zehn Minuten nach Brandausbruch haben die Helfer das Feuer gelöscht und das Übergreifen der Flammen auf das nahe Chemikalienlager verhindert.

Noch hat dieses Szenario wenig mit dem Alltag der 1,1 Millionen haupt- und ehrenamtlichen Feuerwehrleute in Deutschland zu tun. Statt Brände mit moderner Ausrüstung zu bekämpfen, schlagen sie sich mit veraltetem Gerät herum. Solingens Feuerwehrchef Frank-Michael Fischer, zugleich Leiter des Arbeitskreises Technik bei der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF), beschreibt den Missstand so: „Wenn es darum geht, in verrauchten Gebäuden Brandherde zu lokalisieren oder Vermisste zu finden, ändern sich Taktik und Technik nur sehr langsam.“ Dann wird er konkret: „Von Wärmebildkameras für jeden Retter, können die Feuerwehren bestenfalls träumen. Hauptorientierung im Qualm sind noch immer Löschschlauch und Rettungsleine.“

Massiver Technologieschub

Nun aber zeichnet sich ein massiver Technologieschub ab. Schneller, effizienter und sicherer soll die Arbeit der Retter werden. Intensiver denn je arbeiten Brandschützer, Forscher und Industrie an Konzepten zur Integration von Informations- und Kommunikationstechnologien in die Ausrüstung. Rund 20 Millionen Euro fließen gegenwärtig aus deutschen und europäischen Fördertöpfen in ein umfassendes Innovationsprogramm für die Wehren.

Die Spannweite der Forschungsansätze reicht vom Spezialgewebe für die Schutzkleidung, das auf Giftstoffe in der Luft mit Farbveränderung reagiert, bis zu Helmen mit integrierten Kameras und Computerdisplays. Es geht um Uniformen, die Puls und Körpertemperatur überwachen, und um Einsatzstiefel, die die Position des Trägers ermitteln. Die Entwickler arbeiten an automatischen Analysegeräten zur Schadstoffbestimmung bei Gefahrgutunfällen, an besonders hitzebeständigen und abriebfesten Spezialschläuchen und an Höchstdruck-Löschsystemen, um mit minimalem Wassereinsatz Brände bekämpfen und Wasserschäden reduzieren zu können.

Das Geld ist gut angelegt. Auf fast 650 Millionen Euro summierte sich allein die Schadenssumme der 2006 bei den Versicherern gemeldeten Industriebrände in Deutschland. Weitere knapp 470 Millionen Euro zahlten die Versicherer nach Feuern in Gewerbebetrieben. Und die Schäden nehmen zu: Um mehr als 20 Prozent stieg die Gesamtsumme der Brandschäden seit 2003. Jede Minute, die die High-Tech-Retter in Zukunft bei Bränden etwa durch eine bessere Orientierung an der Einsatzstelle gewinnen, bewahrt mitunter Millionenwerte vor der Zerstörung.

Dabei stehen die Löschspezialisten vor wachsenden Herausforderungen. „Wir heißen zwar noch Feuerwehr, aber die Brandbekämpfung ist nur noch eine Aufgabe unter vielen“, sagt Hamburgs Oberbranddirektor Klaus Maurer. „Heute erwarten die Bürger Hilfe in fast jeder Art von Notlage.“

Begrenzter Fortschritt

Lange war der technische Fortschritt auf die Schutzkleidung begrenzt, bedauert AGBF-Experte Fischer. „Dank neuer Spezialgewebe können unsere Leute heute im wahrsten Sinn des Wortes durchs Feuer gehen.“ Dagegen beschränke sich der Einsatz von Kommunikationstechnik immer noch auf die alten Handfunkgeräte. Fischer: „Abgesehen von den Funksprüchen der Trupps herrscht für die Einsatzleiter Blindflug. Hier kann die Technik enorme Sicherheits- und Effizienzgewinne bringen.“

Viele Techniken sind längst entwickelt, die den Feuerwehren die Arbeit erleichtern würden. „Das Militär setzt Wärmebildkameras seit Jahren ein“, berichtet Sabine Richter, Wissenschaftlerin am Institut der Feuerwehr in Heyrothsberge in Sachsen-Anhalt. „Mit Elektronik bestückte Jacken oder Unterwäsche, die den Puls aufzeichnet, gibt es sogar schon als Freizeitkleidung.“ In ihrer Anfang Juli veröffentlichten Studie „Firefighter 2020“ macht sie den Brandbekämpfern Hoffnung, dass die Technik bald auch ihnen zugute kommt.

Vorher muss sie allerdings an deren besondere Einsatzbedingungen angepasst werden. „Die besten Geräte nutzen nichts, wenn unsere Leute sie nicht sicher bedienen können“, warnt Hans-Peter Kröger, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbands. Die Feuerwehr brauche zudem äußerst robuste und bezahlbare Systeme. Die Basisausstattung eines Retters ist mit rund 3500 Euro schon heute nicht ganz billig.

Höhere Effizienz

Neben der höheren Effizienz haben die Feuerwehroberen den besseren Schutz ihrer Leute im Auge, die oft genug ihr Leben riskieren. „Gemessen an den jährlich rund 3,5 Millionen Einsätzen sind tödliche Unfälle zum Glück selten“, sagt Jens Stiegel, Chef der Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie in Frankfurt. Aber sie passieren. 2006, neuere Zahlen liegen nicht vor, starben 20 Feuerwehrmänner; fast 2500 beziehen zurzeit wegen im Einsatz erlittener Verletzungen Invalidenrenten.

Vor allem ein Drama hat den Ruf nach einer besseren Ausrüstung noch einmal verstärkt: Bei einem vermeintlichen Routinebrand in Tübingen waren Ende 2005 zwei 35- und 24-jährige Feuerwehrleute erstickt. Da es keinen Funkkontakt gab, wussten ihre Kollegen weder, was los war, noch wo sich die beiden genau befanden. Obwohl die Suchtrupps, wie sich später herausstellte, nur wenige Meter von den Verunglückten entfernt waren, irrten sie fast 30 Minuten durch Flammen und Rauch. Als ihre Kollegen sie im völlig verqualmten Dachgeschoss endlich fanden, waren sie tot.

„Nach Tübingen“, sagt der Frankfurter Chefausbilder Stiegel, „haben die Feuerwehren quer durch die Republik ihre Sicherheitskonzepte erneut auf dem Prüfstand gestellt.“ Und sie haben, wie etwa Berlins Feuerwehrchef Wilfried Gräfling, klare Vorgaben an die Forscher und Entwickler formuliert. „Ziel ist, dass sich die Helfer in Gebäuden und an unübersichtlichen Einsatzstellen nicht nur selbst besser orientieren können, sondern dass auch die Einsatzleiter ihre Teams jederzeit orten und deren Gesundheitszustand überwachen können.“

Leichte Fertigungsmaterialien

Gräfling hat dazu mit Wissenschaftlern und Industrieexperten Anfang Mai das Forschungsprojekt „Feuerwhere“ gestartet. Mit 3,6 Millionen Euro des Bundesforschungsministeriums will der Feuerwehrchef ein System einsatzreif machen, das die wichtigsten Körperfunktionen der Retter überwacht und die Werte an die Einsatzleitung funkt. „Wir brauchen Informationen über Puls, Sauerstoffsättigung im Blut, die Körpertemperatur und die Luftfeuchtigkeit innerhalb und außerhalb der Schutzkleidung – damit bekommen wir ein reales Bild der Belastung“, erläutert Gräfling. „Dann wissen wir, wann bei einem unserer Leute der Kreislauf zusammenzubrechen droht und können ihn rechtzeitig zurückrufen.“ Mit im Boot sind die Freie Universität Berlin, das Atemschutz- und Messtechnikunternehmen MSA Auer, der Übertragungsexperte IHP Microelectronics und der Spezialist für drahtlose Sensornetze Nanotron Technologies.

In einem weiteren Projekt haben Wissenschaftler des Bremer Technologie-Zentrums Informatik im Rahmen eines 14,5-Millionen-Euro-Forschungsprogramms der EU Konzepte zur Vernetzung der Einsatzkleidung entwickelt und einen Spezialsensor zur Positionsbestimmung der Einsatzkräfte erprobt. Forscher des Fraunhofer Instituts für Angewandte Informationstechnik in Sankt Augustin bei Bonn testen mit dem Lübecker Atemschutz- und Sensorspezialisten Dräger und der Feuerwehr Köln Navigationssysteme, die den Rettern in unbekanntem Terrain den Weg weisen.

Die Hersteller der Einsatzkleidung experimentieren mit besonders leichten Fertigungsmaterialien, um die rund 20 Kilogramm schwere Schutzausrüstung kräftig abzuspecken. „Allein das Gewicht der Jacken lässt sich noch einmal um knapp die Hälfte auf nur noch 1,5 Kilogramm senken“, ist Gebhard Szimeth überzeugt, Experte für Personenschutzkleidung beim Technologiekonzern DuPont.

Für den Berliner Landesbranddirektor Gräfling steht fest: „Ohne vernetzte Ausrüstung, mit der die Helfer effizienter und sicherer arbeiten können, werden Feuerwehren nicht mehr funktionieren.“ Städte und Gemeinden sieht er in der Pflicht: „Wenn erst einmal Kommunikationssysteme einsatzreif sind, mit denen wir Dramen wie in Tübingen verhindern können, wird niemand an ihrem Einsatz vorbeikommen.“

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