WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

China Internet-Zensur: Chinesische Mauer in den Computern

China investiert Millionen, um das Internet zu zensieren. Schon interessieren sich andere Länder für die Technik gezielter Desinformation. Ein Blick hinter die größte Firewall der Welt.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Den Umgang mit dem Internet Quelle: AP

Das Internet-Café in einer der schmalen Gassen der ostchinesischen Provinzstadt Wuhu ist fast rund um die Uhr gut besucht. Dicht an dicht stehen die Computer. Eigentlich ist der Raum viel zu eng für die mehr als 100 jungen Chinesen, die sich hier drängen und auf die Monitore starren. Manche von ihnen vertreiben sich die Zeit mit Spielen, andere chatten in Online-Foren.

Eine ihrer beliebtesten Seite können die Jugendlichen heute nicht aufrufen: Die Behörden haben gerade den Zugang zum Videoportal YouTube gesperrt. Grund ist, dass auf den Seiten des Portals ein Video mit einer Demonstration von Tibetern gegen Pekings Politik aufgetaucht war. Aber nicht nur die Seite von YouTube bleibt leer.

Wer in das Google-Suchfenster die falschen Begriffe eingibt, kann leicht die Geduld verlieren. Falun Gong etwa, der Name der in China verbotenen buddhistischen Sekte, bringt nur ein Ergebnis: „Die Seite, nach der Sie suchen, ist derzeit nicht erreichbar. Bitte überprüfen Sie Ihre Browsereinstellungen.“ Schlimmer noch: Die Internet-Verbindung bleibt nach dem vergeblichen Versuch minutenlang tot. Weitere Versuche verlängern die Netzblockade für allzu eifrig Suchende.

Das ist kein Verbindungsfehler. Das ist Zensur im digitalen Zeitalter. Die chinesische Regierung blockiert Abermillionen Internet-Seiten, Online-Unterhaltungen und Diskussionsforen, damit keine unliebsamen Informationen ins Land kommen. Doch statt den Nutzern mitzuteilen, dass alle Seiten gesperrt sind, die etwa den Begriff Falun Gong enthalten, werden sie zermürbt. „Eine perfide Methode, das Internet zu kontrollieren“, sagt Andrew Lih, Softwareingenieur und Experte für neue Medien in Peking. Irgendwann geben die Nutzer einfach auf, so die Hoffnung des Regimes.

Die Zermürbungstaktik ist nur ein kleiner Baustein des komplexen Systems der chinesischen Internet-Kontrolle. Wie kein anderes Land hat China in den vergangenen Jahren Methoden entwickelt, um seine Landsleute von kritischen Inhalten aus dem Internet abzuschirmen. Dieses Gerüst ausgeklügelter IT-Sicherheitstechnik ist die mit Abstand größte Firewall der Welt, eine chinesische Mauer 2.0 sozusagen.

Ren Zhengfei meidet jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit

Deren Technik stammte bislang zumeist aus dem Ausland. Vor Jahren etwa geriet der US-Telekommunikationsausrüster Cisco noch unter Beschuss, weil er den Chinesen als erster westlicher Hersteller Spezialrechner geliefert hatte, mit deren Hilfe diese den Datenaustausch im Internet überwachen konnten. Inzwischen ist die Diskussion verstummt. Längst hat China eigene Hersteller, die zum Teil noch leistungsfähigere Überwachungstechnik herstellen als die Wettbewerber im Westen.

Wichtigster Spieler ist das Unternehmen Huawei, das als Lieferant von Infrastruktur für Fest- und Mobilfunknetze auch in Europas Telekommunikationsmärkten kräftig mitmischt. Freundlich und einladend wirkt die Konzernzentrale am Stadtrand von Shenzhen. Breite Straßen durchziehen gepflegte Grünanlagen. Nur ein schwarzer Flachbau sticht aus der Idylle des Huawei-Campus heraus. Abweisend, fast furchterregend, wirkt der quadratische Klotz gegenüber dem Forschungszentrum des Konzerns. Umgeben ist das bunkerähnliche Granitgebäude von einer hohen Hecke, die kaum einen Blick auf das Gelände zulässt.

Hier hat Ren Zhengfei, Gründer und Chef des Unternehmens, sein Büro. Das Ambiente hat der 64-jährige ehemalige Armeegeneral bewusst gewählt, denn er meidet jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit. Während andere chinesische Konzernchefs auf Großveranstaltungen wie dem World Economic Forum in Davos auftreten, hat Ren noch nie vor größerem Publikum gesprochen. Er gibt keine Interviews, und nur selten gewährt er Journalisten Zutritt zu seinem Unternehmen. Viele seiner Mitarbeiter dienten an Technologie-Instituten der chinesischen Armee. Die Huawei-Ingenieure wissen also genau, was das Regime braucht, um Kritiker abzuschalten.

Politisch sensible Termine

In diesem Jahr haben Chinas Behörden die Systeme besonders scharf gestellt. Gleich drei politisch sensible Termine stehen im Kalender: Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens jährt sich im Juni zum 20. Mal, im Oktober feiert die Volksrepublik ihr 60-jähriges Bestehen, und vor zehn Jahren verbannte das Regime die Falun-Gong-Sekte aus dem öffentlichen Leben. Zudem erfreuen sich Regimekritiker großer Aufmerksamkeit, weil die Wirtschaftskrise auch in China zu einem steilen Anstieg der Arbeitslosigkeit führte.

Eine Gemengelage, die aus Sicht der kommunistischen Herrscher zu wachsender politischer Opposition führen und sich über das Internet organisieren könnte.

Als ersten Warnschuss haben die Internet-Wächter das populäre Weblog Bullog geschlossen, eine Plattform, auf der Themen wie Korruption oder Mängel im Bildungswesen diskutiert wurden. Neben kritischen Blogs haben Chinas Behörden auch zig andere InternetSeiten blockiert. So können die 300 Millionen chinesischen Internet-Nutzer Seiten von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch nicht mehr aufrufen. Vor einigen Wochen nahmen die Behörden zudem 19 Internet-Portale unter Beschuss, darunter auch die Suchmaschinen Google und Baidu. Sie hätten nicht genug getan, um die Verbreitung von Pornografie zu stoppen, teilte die Regierung mit. Man werde „das kulturelle Umfeld des Internets reinigen, um Jugendliche künftig zu schützen“.

Zensur-Techniken verfeinert

Der Grund ist freilich nur vorgeschoben. Es sei der „neueste Schritt in einer Serie von Maßnahmen, das Internet zu kontrollieren“, sagt Rebecca Mac-Kinnon, Medienexpertin der University of Hong Kong.

Die Zensur-Techniken hat China in den vergangenen Jahren immer weiter verfeinert. Das Rückgrat des Systems bilden drei Knotenpunkte vor der Küste, die nur aus wenigen Glasfaserkabeln bestehen. Durch diese Anlagen leiten die Daten-Kontrolleure sämtlichen Internet-Verkehr aus dem Ausland.

Die Knoten auf dem Meeresgrund machen es den InternetWächtern leicht, den Datenstrom zwischen China und dem Ausland zu überwachen. Das geschieht durch Spezialrechner, sogenannte Netzwerkschnüffler. Sie prüfen jedes Datenpaket und senden eine Kopie an Überwachungs-computer auf dem Festland, die dann entscheiden, ob der Informationsfluss gestoppt werden muss oder ob die Inhalte auf den Bildschirmen der Chinesen angezeigt werden dürfen. Dies ist auch der Grund, warum das Internet in China deutlich langsamer ist als in anderen Ländern.

Chinas Netz-Zensur erfolgt in mehreren Schritten:

An erster Stelle steht der sogenannte DNS-Block. Das Kürzel steht für „Domain Name System“, das Telefonbuch des Internets. Gibt der Nutzer den Namen einer Web-Seite ein, suchen spezielle DNS-Rechner nach der zugehörigen Adresse der Seite. Diese sogenannte IP-Adresse, eine aus Ziffern und Punkten bestehende Zahlenreihe, bezeichnet den genauen Rechnerstandort im Internet. Um missliebige Seiten zu sperren, modifiziert China kurzerhand die DNS-Server in den Netzknoten im Meer. Wer in China in seinen Browser beispielsweise die Adresse von Amnesty International eingibt, den leitet der Server zu einer leeren Seite um.Gibt der DNS-Server grünes Licht, etwa weil eine IP-Adresse nicht als systemfeindlich gemeldet ist, greift die nächste Kontrollstufe: Chinas Überwachungscomputer gleichen den Betreiber der aufgerufenen Seite mit einer Liste verbotener Angebote ab. Finden sie eine Übereinstimmung, unterbrechen die Server des betreffenden Netzwerkknotens im Ostchinesischen Meer ebenfalls die Übertragung.Als dritte Zensurstufe fungiert ein Begriffsfilter, der die Internet-Verbindung auch dann zurücksetzt, wenn die Adresse einer Web-Seite verbotene Begriffe enthält. Auf der schwarzen Liste stehen Wörter in Englisch, Chinesisch und anderen Sprachen. „Und sie wird permanent überarbeitet und ergänzt“, sagt IT-Experte Lih. Findet etwa in einer tibetischen Stadt eine Demonstration gegen Pekings Politik in der Region statt, kommt der Name der Stadt auf die Liste.Doch das reicht den chinesischen Internet-Wächtern noch nicht. Chinas Zensursysteme prüfen schließlich sogar die Inhalte aller angesurften Internet-Seiten auf verbotene Wörter. Klickt der Leser eines Weblogs oder einer ausländischen Nachrichtenseite auf einen Link, wird der Inhalt des Beitrags an die Kontrollcomputer gespiegelt. Enthält er einen verbotenen Begriff, etwa „Tiananmen-Massaker“, unterbricht das System die Übertragung ebenfalls.

Weltoffene Nation?

Der Vorteil des gestaffelten Verfahrens: Chinas Zensoren müssen viele internationale Webseiten nicht komplett sperren, was zu Protesten ausländischer Unternehmen führen würde. Solche Proteste aber scheuen die Bürokraten kaum weniger als ungeliebte Web-Inhalte: Denn eigentlich wollen die Chinesen als weltoffene Nation gesehen werden. „Die Zensoren schaffen es, das einzelne Haus statt die ganze Stadt zu bombardieren“, sagt IT-Experte Lih.

Weil die Behörden die Intensität der einzelnen Überwachungsstufen ständig neu justieren, die Listen mit verbotenen Begriffen permanent überarbeiten und zudem neue und modernere Filtertechnologien auf den Markt kommen, ist Chinas Internet-Zensur extrem unberechenbar. Eine Seite, die heute gesperrt ist, kann morgen wieder zugänglich sein und umgekehrt.

Es ist ein ständiger Wettlauf gegen den Fortschritt. Die Zahl der chinesischen Internet-Nutzer wächst, Weblogs wie der von Top-Bloggerin und Schauspielerin Xu Jing-lei werden von Millionen Menschen gelesen und diskutiert. Zudem entstehen immer neue soziale Netzwerke, die besonders schwer zu kontrollieren sind. Deshalb müssen die Chinesen ihren Überwachungsapparat immer weiter aufrüsten.

Zu den Unternehmen, die davon profitieren, gehört neben Huawei auch TRS Information Technology in Peking. Die Firma ist in China Marktführer im Bereich Internet-Sicherheit und entwickelt vor allem Software zum Durchsuchen von Texten. Mit den neuesten Anwendungen von TRS können die Behörden unter anderem Internet-Chats und -Foren nach kritischen Einträgen durchleuchten und so „Diskussionen ersticken, bevor sie richtig aufflammen“, wie es ein ehemaliger Mitarbeiter des Unternehmens ausdrückt.

Die chinesische Technologie zum Ausspionieren von Internet-Nutzern weckt inzwischen weltweit Interesse. Einerseits, weil die Technik beweist, wie effizient sie ist, aber auch, weil die Hard- und Software zur Online-Überwachung billiger ist als die Produkte etablierter IT-Sicherheitsanbieter aus den USA. Das interessiert vor allem ärmere Schwellenländer in Asien oder Afrika.

So klopften beispielsweise im Herbst vergangenen Jahres die Sicherheitsbehörden Thailands in Peking an, als das Königshaus zum Ziel heftigster Internet-Attacken wurde. Auch zentralasiatische Staaten wie etwa Usbekistan holten sich technische Hilfe in Sachen Online-Überwachung beim östlichen Nachbarn. Der Regierung von Zimbabwe lieferte Peking unter anderem Anwendungen zur Überwachung des E-Mail-Verkehrs.

Doch nicht nur in autokratischen Staaten, auch in westeuropäischen Demokratien wird die Überwachung von Online-Inhalten zum Thema – weit jenseits aller Zensurvorwürfe. So haben sich etwa in der Bundesrepublik auf Betreiben von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen zahlreiche Internet-Anbieter bereit erklärt, den Zugriff auf Web-Seiten mit kinderpornografischen Inhalten zu blockieren. Eckpunkte für einen entsprechenden Gesetzentwurf hat das Bundeskabinett am vergangenen Mittwoch beschlossen.

Die Technik, die den Zugriff unterbinden soll, entspricht der ersten Stufe der chinesischen Firewall: DNS-Filter sollen den Aufruf von Web-Seiten blocken, die auf einer regelmäßig aktualisierten Filterliste aufgeführt sind. Diese Liste könnte vom Bundeskriminalamt geliefert werden, so die Pläne aus Berlin. Ähnliche Schritte haben auch Frankreich, Italien, Irland und Australien bereits unternommen, um kriminelle Inhalte im Internet zu kontrollieren.

Dass die Filter tatsächlich jeden verbotenen Zugriff unterbinden, der Illusion geben sich weder Europäer noch Chinesen hin. Jede Technik kann von findigen Freaks geknackt werden. Und einen – ganz legalen – Ausweg gibt es sogar in China: Ausländische Unternehmen in China nutzen so- genannte Virtual Private Networks (VPN), verschlüsselte private Direktverbindungen übers Internet, die parallel zum normalen Datenverkehr verlaufen. VPNs verbinden die Nutzer in China mit Internet-Servern im Ausland, die alle gewünschten Web-Inhalte verschlüsselt und an der Zensur vorbei an den Computer in China zurückschicken.

China könnte diese privaten Netzwerke verbieten. Doch auch hier fürchten die Behörden internationales Aufsehen und den Protest ausländischer Geschäftspartner. Anlass zu wirklicher Sorge sind die VPNs sowieso nicht: Den meisten Chinesen ist die Technik zu teuer und zu aufwendig.

Dass das Internet niemals vollständig zu kontrollieren ist, darüber sei sich die chinesische Regierung im Klaren, sagt IT-Experte Lih. „Doch man braucht keine 100-prozentige Zensur, um eine perfekte Zensur zu haben.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%