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10 Jahre Wikipedia Die Sammler des Weltwissens

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Tim Bartel

„Ach das war wegen des Zwiebacks“, ruft Bartel. Einen Zwieback nach dem anderen hatte er fotografiert, um den entsprechenden Artikel aufzuhübschen, und dabei gesehen, dass Cracker in der Wissenssammlung noch fehlten.

Die Zwiebackfotos sind inzwischen durch bessere ausgetauscht, doch vielen andere Artikel sind mit seinen Aufnahmen bebildert. Er hat auch entscheidend daran mitgewirkt, dass 100.000 historische Fotografien aus dem Bundesarchiv über Wikipedia zur freien Verfügung online gestellt werden.

„Ich würde mir wünschen, dass Inhalte grundsätzlich freier werden“, sagt Bartel. Die US-Regierung sei da beispielsweise viel offener und auch fast alle NASA-Inhalte könnten frei verwendet werden, Bilder und anderes Material der europäischen Weltraumagentur ESA dagegen in der Regel nicht.   

Freier Zugriff auf historische Dokumente

Auch Wetzig treibt das Ideal an, dass der Öffentlichkeit so viel Wissen wie möglich frei zur Verfügung steht. Neben Texten gehören dazu auch Bilder und Töne. Die 44-jährige arbeitet für eine Internetagentur, ihre Freizeit opfert sie gerne für das große Ziel.     

Am fünften Januar beispielsweise stand sie frierend auf dem Roncalliplatz und zeichnete den Klang der St. Petersglocke im Kölner Dom auf. Ganz zufällig wurde die Aufnahme ein historisches Dokument: Am nächsten morgen riss bei der weltweit größten, frei schwingenden Glocke der Klöppel ab. Natürlich ist Wetzig gleich auf den Turm gestiegen, um ein Foto zu machen. „Das gab kalte Füße und Muskelkater für freies Wissen“, sagt sie lachend.

Ihr ist es ein Anliegen, anderen Menschen Fotos zur Verfügung zu stellen, die sie weiterverwenden können, ohne dafür zu zahlen. Wenn Prominente in Köln sind, geht sie extra dafür zu öffentlichen Auftritten. „Inzwischen habe ich schon eine kleine Sammlung von Nobelpreisträgern“, sagt Wetzig stolz.

Einer davon ist der Ökonom und Mitbegründer der Spieltheorie, John Nash. Die Aufnahme findet sich sogar in dem – neben Wikipedia – wichtigsten Lexikon der Welt. Die Encyclopedia Britannica zeigt Wetzigs Foto in ihrer Online-Ausgabe.

Das böse R-Wort

Auch Bartel fotografiert weiterhin, daneben engagiert er sich vor allem im Support und kümmert sich um Anfragen, die bei der Wikipedia eingehen. Am Computer schaut er die eingegangenen Mails durch. Ein Nutzer merkt an, dass Wappen des fränkischen Pleinfeld sei falsch; ein anderer weist darauf hin, dass es sich bei einem vermeintlichen Foto von Fallschirmjägern im Zweiten Weltkrieg mit Klapprädern um italienische Alpini aus dem Ersten Weltkrieg handle. Ein Schweizer Unternehmen kritisiert fehlende Informationen. „Das ist klug, dass sie sich an das Support-Team wenden, anstatt es selbst zu ändern“, sagt Bartel.

Doch dann geht es wieder los: „Hallo Wikipedia, ich wollte etwas über die Staudacher Musikbühne schreiben, das wurde jedoch schnell wieder entfernt“. Und schon steckt Bartel wieder mitten drin in der Relevanzdiskussion.

Das böse R-Wort verfolgt ihn auch bei der nächsten Anfrage. Es geht um Squarks, angeblich ein Begriff aus der experimentellen Lyrik. „Da läuten schon alle Glocken“, sagt Bartel. Und dann kommen die „Chemtrails“. Das ist eine Verschwörungstheorie über Chemikalien in Flugzeugabgasen, mit denen die USA bis 2025 angeblich die Herrschaft über die globalen Wetterverhältnisse erringen wollen.

„Ich bin sehr empört darüber, dass ich wegen der Korrektur eines Kommentars über Chemtrails gesperrt wurde“, schreibt ein Nutzer, „muss ich Wikipedia ab sofort als unzuverlässige und zensierte Blödsinnsseite einstufen?“ Bartel muss sich nun wie so oft bemühen, „da eine freundliche Antwort hinzukriegen“.

Immerhin geht es darum, wo der Blödsinn anfängt und was wirklich wichtig ist im wichtigsten Lexikon der Welt. Chemtrails gehören dazu, wer also wissen will, was angeblich dahinter steckt und was Kritiker dem entgegenhalten, kann es bei Wikipedia nachlesen.

Etwas neues von Bartel soll es auch bald geben. Er hat noch einen fehlenden Eintrag gefunden und schreibt seit einiger Zeit daran. Worum es geht will Bartel nicht verraten, sonst schnappt ihm noch jemand das Thema weg.    

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