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10 Jahre Wikipedia Die Sammler des Weltwissens

Vor zehn Jahren startete Wikipedia, heute ist es das erfolgreichste Projekt im Internet. Doch der enorme Erfolg wird zum Problem. Ein Blick hinter die Kulissen.

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Tim Bartel

Nur wenige Deutsche kennen die Wikipedia so gut wie Benutzer Nummer 34,5. „Avatar“ nennt er sich in dem Online-Lexikon, in der Realität trägt er eine braune Cordhose, ein rotes T-Shirt und darüber ein offenes, schwarzes Hemd. Schwarz ist auch seine dickrandige Brille. Mit dem jugendlichen Gesicht könnte man den 34-Jährigen leicht für einen Studenten halten.

Tim Bartel hat schon kurz nach dem Start der deutschsprachigen Ausgabe 2002 angefangen, an Wikipedia mitzuschreiben. Ihn zog die Möglichkeit in den Bann, dort einen Eintrag über Sokrates, Jülich oder Feldhäcksler zu erstellen, den sofort die ganze Welt im Netz sehen kann.

Bartel schrieb seine Diplomarbeit in Betriebswirtschaftslehre über den Einsatz dieses Wiki-Prinzips in Unternehmen; wurde Vorstandsmitglied im Unterstützerverein Wikimedia und hat  seine Leidenschaft sogar zum Beruf gemacht: Heute arbeitet er für Wikia, einen kommerziellen Seitenableger, der Wikisoftware vermarktet. Nur ob Bartel der 34. oder der 35. Wikipedia-Mitstreiter in Deutschland war, lässt sich nicht mehr eindeutig feststellen, daher trägt er die eigenwillige Nutzernummer 34,5.

Der Einstieg bei Wikipedia ist heute viel schwieriger

Inzwischen haben sich allein hierzulande weit mehr als eine Million Mitglieder angemeldet, 500 Millionen Artikel werden jeden Monat aufgerufen. Das alles ist allein Ergebnis der Arbeit Tausender Freiwilliger, finanziert durch Spenden. Die „Zeit“ bezeichnet das Lexikon als „das größte Werk der Menschen“ - das erfolgreichste Projekt im Internet ist Wikipedia allemal.

Doch der enorme Erfolg stellt für die Wikipedia auch ein Problem dar. Im Laufe der Jahre haben sich komplexe Hierarchien, Entscheidungsstrukturen und Regelwerke herausgebildet; die internen Konflikte und Streitigkeiten haben deutlich zugenommen. Das einstige Erfolgsgeheimnis des Jeder-kann-Mitmachen erweist sich für Neulinge immer öfter als Mythos. Einerseits sucht die Wikipedia händeringend neue Mitglieder, andererseits ist der Einstieg heute viel schwieriger.

Bartel stellt seit Jahren Wikipedia in Schulen vor. „Ich traue mich aber nicht mehr, Schüler zum Mitmachen zu ermutigen“, sagt Bartel. „Denn selbst als Gymnasiast bekommt man schnell einen auf die Nase.“ Ein Grund dafür ist ausgerechnet die gestiegene Qualität der Artikel: Wer nicht studiere tue sich mit Verbesserungen oft schwer, sagt Bartel. Änderungen werden dann  schnell wieder rückgängig gemacht, neu erstellte Artikel kurzerhand gelöscht.

„Es ist auch schwierig, etwas zu finden, zu dem noch kein Eintrag existiert“, sagt Bartel. So gibt es einen harten Wettbewerb darum, wer noch ein neues Thema beginnt. Aber auch einen Streit darum, was davon überhaupt in Wikipedia gehört.

Bei den Begründungen und Kommentaren sind die Wikipedianer nicht zimperlich. „Der Ton ist in den letzten Jahren immer unfreundlicher und rauer geworden“, beobachtet Bartel. „Ich weiß nicht, ob ich heute wieder den Nerv hätte, mich da einzubringen, wenn ich zum ersten Mal auf Wikipedia stoßen würde.“

Was ist relevant?

Vor allem bei einer Grundsatzfrage stehen sich dabei die Positionen oft unversöhnlich gegenüber: Was soll in Wikipedia und was nicht?

Im Gegensatz zu den klassischen, gedruckten Enzyklopädien bietet die Wikipedia theoretisch unbegrenzt Platz. So finden sich inzwischen 1,2 Millionen deutschsprachige Einträge – vier Mal so viele wie im 30-bändigen „Brockhaus“.

Prinzipiell sind sich die Wikipedianer darüber einig, dass nicht jede Person, jedes Gebäude und jedes Ereignis in das Netzlexikon gehört. Doch wie die Grenzen gezogen werden, ist eine Frage die sich nicht beantworten lässt.

Eine Orientierung soll die umfangreiche Liste von Relevanzkriterien bieten, die im Laufe der Zeit erarbeitet wurde. Dort steht beispielsweise, dass Wirtschaftsunternehmen mindestens 1000 Vollzeitmitarbeiter oder einen Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro haben sollten, um Erwähnung zu finden. Ganz schöne hohe Hürden.

Auf der Liste ist auch aufgeführt, welche Raumfahrer oder Hybridhunde in das Lexikon gehören und was Pornodarsteller oder Clans im E-Sport leisten müssen, um relevant für Wikipedia zu werden.

Im Einzelfall kommt es jedoch immer wieder zu Ärger. Warum gibt es beispielsweise einen Artikel über „Bauchnabelfussel“, jedoch nicht über den bei Hackern beliebten Cocktail „Tschunk“?

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales und Tim Bartel Quelle: Ralf Roletschek

Die Relevanzdebatte gibt es seit den Anfängen, letztlich verdankt ihr Wikipedia sogar die Existenz. Beim Vorläuferprojekt Nupedia gab es noch eine strenge Auslese durch Experten. Im ersten Jahr entstanden so nur 20 Artikel. Erst als Jimmy Wales und Jerry Sanger am 15. Januar 2001 die offene Wikipedia starteten, zündete die Idee. Im ersten Monat entstanden 600 Artikel, nach einem Jahr waren es schon 20.000. Sanger bemängelte jedoch die Qualität vieler Beiträge und verließ das Projekt im Streit über die Ausrichtung.

Seither zanken zwei Lager. Die „Inklusionisten“ wollen so viele Informationen wie möglich aufnehmen, die „Exklusionisten“ plädieren dagegen für eine stärkere Filterung und Beschränkung. Legendär ist der Eintrag über „Die Schraube an der hinteren linken Bremsbacke am Fahrrad von Ulrich Fuchs“, mit dem Fuchs 2003 verdeutlichte, warum nicht alles, was inhaltlich korrekt und neutral geschildert ist, auch eine enzyklopädiewürdige Information ist.

In den vergangenen Jahren sind die Relevanzstreitigkeiten immer öfter eskaliert. 2008 wurde die Deletionpedia gegründet, in der gelöschte Artikel archiviert werden. Im deutschen Pendant PlusPedia stehen schon mehr als 10.000 Beiträge, die „aus der Wikipedia gerettet wurden“. Darunter auch der über die „Löschhölle“, wie die Abschussliste polemisch genannt wird, auf der sich die Löschkandidaten wiederfinden. 

„Die deutsche Wikipedia ist gefühlt restriktiver“

Bartel bezeichnet sich selbst als „gemäßigten Inklusionisten“. Gerne hätte er beispielsweise kurze Informationen zu einzelnen Folgen der „Simpsons“ und anderer TV-Serien, wie es sie in der englischen Wikipedia gibt, die manchen als inklusionistischer gilt. „Die deutsche Wikipedia ist gefühlt restriktiver“, sagt Bartel. Dafür sei sie jedoch auch die qualitativ hochwertigste.

Doch viele Löschungen müssen auch seiner Ansicht nach sein. Denn mit ihrem Erfolg ziehe  Wikipedia immer mehr Selbstdarsteller an sowie Unternehmen und Organisationen, die vor allem PR in eigener Sache betreiben.

Täglich werden etwa 400 neue Artikel geschrieben, 100 bis 150 davon werden wieder gelöscht. Hinzu kommen Änderungen im Sekundentakt, die alle gesichtet werden müssen. Und Wikipedianer streiten nicht nur über die Frage, ob etwas in das Lexikon soll, sondern natürlich auch darüber, was dort steht. Wochenlang können sie sich beispielsweise darüber fetzen, ob der Donauturm in Wien ein Fernsehturm ist oder nicht.

Eigentlich ist es da nicht verwunderlich, wenn manch einer gereizt reagiert, falls er wieder einmal als „Löschnazi“ tituliert wird oder sich aus den Debatten ausklinkt. Doch Arbeit gibt es auch sonst genug.

Cracker und Condomi

„Ich habe keinen Nerv für Endlosdiskussionen“, sagt Elke Wetzig. Nach ihrer Einschätzung habe dabei die Kompromissfähigkeit nachgelassen. Seit 2003 arbeitet die Kölnerin für Wikipedia und war auch einige Zeit Vorstandsmitglied bei Wikimedia, dem Verein, der sich im Hintergrund um Spenden und Organisation kümmert.

In der Anfangszeit hat Wetzig viel über die Ukraine geschrieben, denn sie kannte Land und  Sprache. Wetzig verfasste Einträge über wichtige Dichter, die dem Brockhaus vielleicht drei Zeilen wert waren – wenn überhaupt. Vor fünf Jahren stießen dann immer mehr Slawisten und Muttersprachler hinzu, „die fachlich besser waren“. Wetzig überließ ihnen das Feld und widmete sich ihrer Heimatstadt Köln.

Bartel hat lange nicht mehr geschrieben. Die letzten Einträge von 2007 beschrieben Cracker, Condomi und D-Sailors. Wie kommt man zu dieser Mischung? „D-Sailors ist eine Punkband, für die ich mal gespielt habe“, sagt Bartel. Doch wieso er das Knabbergebäck lexikalisch verewigen wollte, weiß er selbst nicht mehr. Zuerst, denkt er, es ginge um einen Begriff aus der Computerkunstszene.

Ein Blick in Wikipedia könnte helfen. Von seinem Arbeitszimmer im siebenten Stock hat er einen tollen Blick über das Zentrum Kölns und den Rhein. Bartel setzt sich an seinen Schreibtisch. Zwei Bildschirme sind an seinen Computer angeschlossen, auf denen ein Dutzend Programme gleichzeitig laufen, dazu noch ein kleines Netbook. Neben ihm stapeln sich Umzugskartons, die meisten Holzregale sind noch leer. Er ist gerade erst umgezogen.

Tim Bartel

„Ach das war wegen des Zwiebacks“, ruft Bartel. Einen Zwieback nach dem anderen hatte er fotografiert, um den entsprechenden Artikel aufzuhübschen, und dabei gesehen, dass Cracker in der Wissenssammlung noch fehlten.

Die Zwiebackfotos sind inzwischen durch bessere ausgetauscht, doch vielen andere Artikel sind mit seinen Aufnahmen bebildert. Er hat auch entscheidend daran mitgewirkt, dass 100.000 historische Fotografien aus dem Bundesarchiv über Wikipedia zur freien Verfügung online gestellt werden.

„Ich würde mir wünschen, dass Inhalte grundsätzlich freier werden“, sagt Bartel. Die US-Regierung sei da beispielsweise viel offener und auch fast alle NASA-Inhalte könnten frei verwendet werden, Bilder und anderes Material der europäischen Weltraumagentur ESA dagegen in der Regel nicht.   

Freier Zugriff auf historische Dokumente

Auch Wetzig treibt das Ideal an, dass der Öffentlichkeit so viel Wissen wie möglich frei zur Verfügung steht. Neben Texten gehören dazu auch Bilder und Töne. Die 44-jährige arbeitet für eine Internetagentur, ihre Freizeit opfert sie gerne für das große Ziel.     

Am fünften Januar beispielsweise stand sie frierend auf dem Roncalliplatz und zeichnete den Klang der St. Petersglocke im Kölner Dom auf. Ganz zufällig wurde die Aufnahme ein historisches Dokument: Am nächsten morgen riss bei der weltweit größten, frei schwingenden Glocke der Klöppel ab. Natürlich ist Wetzig gleich auf den Turm gestiegen, um ein Foto zu machen. „Das gab kalte Füße und Muskelkater für freies Wissen“, sagt sie lachend.

Ihr ist es ein Anliegen, anderen Menschen Fotos zur Verfügung zu stellen, die sie weiterverwenden können, ohne dafür zu zahlen. Wenn Prominente in Köln sind, geht sie extra dafür zu öffentlichen Auftritten. „Inzwischen habe ich schon eine kleine Sammlung von Nobelpreisträgern“, sagt Wetzig stolz.

Einer davon ist der Ökonom und Mitbegründer der Spieltheorie, John Nash. Die Aufnahme findet sich sogar in dem – neben Wikipedia – wichtigsten Lexikon der Welt. Die Encyclopedia Britannica zeigt Wetzigs Foto in ihrer Online-Ausgabe.

Das böse R-Wort

Auch Bartel fotografiert weiterhin, daneben engagiert er sich vor allem im Support und kümmert sich um Anfragen, die bei der Wikipedia eingehen. Am Computer schaut er die eingegangenen Mails durch. Ein Nutzer merkt an, dass Wappen des fränkischen Pleinfeld sei falsch; ein anderer weist darauf hin, dass es sich bei einem vermeintlichen Foto von Fallschirmjägern im Zweiten Weltkrieg mit Klapprädern um italienische Alpini aus dem Ersten Weltkrieg handle. Ein Schweizer Unternehmen kritisiert fehlende Informationen. „Das ist klug, dass sie sich an das Support-Team wenden, anstatt es selbst zu ändern“, sagt Bartel.

Doch dann geht es wieder los: „Hallo Wikipedia, ich wollte etwas über die Staudacher Musikbühne schreiben, das wurde jedoch schnell wieder entfernt“. Und schon steckt Bartel wieder mitten drin in der Relevanzdiskussion.

Das böse R-Wort verfolgt ihn auch bei der nächsten Anfrage. Es geht um Squarks, angeblich ein Begriff aus der experimentellen Lyrik. „Da läuten schon alle Glocken“, sagt Bartel. Und dann kommen die „Chemtrails“. Das ist eine Verschwörungstheorie über Chemikalien in Flugzeugabgasen, mit denen die USA bis 2025 angeblich die Herrschaft über die globalen Wetterverhältnisse erringen wollen.

„Ich bin sehr empört darüber, dass ich wegen der Korrektur eines Kommentars über Chemtrails gesperrt wurde“, schreibt ein Nutzer, „muss ich Wikipedia ab sofort als unzuverlässige und zensierte Blödsinnsseite einstufen?“ Bartel muss sich nun wie so oft bemühen, „da eine freundliche Antwort hinzukriegen“.

Immerhin geht es darum, wo der Blödsinn anfängt und was wirklich wichtig ist im wichtigsten Lexikon der Welt. Chemtrails gehören dazu, wer also wissen will, was angeblich dahinter steckt und was Kritiker dem entgegenhalten, kann es bei Wikipedia nachlesen.

Etwas neues von Bartel soll es auch bald geben. Er hat noch einen fehlenden Eintrag gefunden und schreibt seit einiger Zeit daran. Worum es geht will Bartel nicht verraten, sonst schnappt ihm noch jemand das Thema weg.    

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