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20 Jahre World Wide Web Das Internet braucht neue Regeln

Am 6. August 1991 startete der Internetpionier Tim Berners-Lee den ersten Web-Server. Seitdem hat das Internet unser Leben revolutioniert. Jetzt steht es vor massiven Umbrüchen.

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Ein Internet-Cafe in Moskau. Vor 20 Jahren gestartet, ist das Netz heute omnipräsent. Quelle: handelsblatt.com

Einen offiziellen Geburtstermin gibt es nicht. So wird der 20. Geburtstag des Internets von der euphorischen Webgemeinde bereits seit 2009 gefeiert. Doch an diesem Samstag gibt es den wohl wichtigsten Anlass zum Jubeln: Dann ist es genau 20 Jahre her, dass der Internetpionier Tim Berners-Lee den ersten Web-Server startete. Die weltweite Verknüpfung der Rechner begann.

Heute ist das Netz omnipräsent. 3,4 Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts werden mittlerweile im Web erzielt, haben Experten der Beratungsgesellschaft McKinsey errechnet. In absoluten Zahlen sind das stattliche 1,67 Billionen Dollar. Für jeden Job, den das Internet in etablierten Branchen vernichtet hat, sind laut McKinsey 2,6 neue Arbeitsplätze entstanden.

Kritiker bemängeln die Monopole im Internet.

Trotz dieser eindrucksvollen Leistung schicken in diesen Tagen längst nicht alle Experten die besten Wünsche für die kommenden 20 Jahre. Während viele das Netz erst am Anfang sehen, prophezeien andere sein baldiges Ende, sollte sich nicht schnell etwas ändern. Fest steht: An seinem 20. Geburtstag steht das Internet an einem Scheideweg. Ein "Weiter so" gibt es nicht.

Kritiker bemängeln vor allem die zum Teil bedenklichen Strukturen, die sich über die Jahre festgesetzt hätten. Tatsächlich tendiert das Netz zur Bildung von Monopolen. Das mag auf den ersten Blick paradox klingen, steht doch das Internet in dem Ruf, das Instrument für Demokratisierung und Transparenz schlechthin zu sein.

Doch de facto sind mit Konzernen wie dem Suchmaschinenriesen Google, dem Internetversender Amazon oder dem sozialen Netzwerk Facebook riesige Unternehmen entstanden, deren Marktanteile normalerweise längst die Kartellhüter auf den Plan gerufen hätten.

Nicht so im Web. Bisher hat sich niemand an eine Regulierung des Internets gewagt, geschweige denn Ideen genannt, wie man etwa die Nutzung der Suchmaschine so steuern kann, dass Googles Macht sinkt. Schließlich nutzen die Menschen Google freiwillig und melden sich auch aus eigenem Antrieb samt persönlicher Daten bei Facebook an.

Einige Experten gehen davon aus, dass das Regulierungsvakuum gefährliche Folgen haben wird. Geoff Huston, Chefwissenschaftler am Asia Pacific Network Information Centre, einer Institution, die für den asiatischen und pazifischen Raum Webadressen betreut, ist überzeugt, dass im Netz die geballte Marktmacht von wenigen Anbietern Innovationen behindert. Um das Überleben des Webs sicherzustellen, sei eine Regulierung des Netzes dringend geboten.

Absoluter Nonsens, urteilt dagegen Tim Cole, Autor zahlreicher Bücher über das Web. "Zu glauben, das Internet sei ein rechtsfreier Raum, ist schlicht und einfach dumm", kontert er. "Gesetze gelten genauso im Cyberspace wie bei uns zu Hause."

Unbestritten ist jedoch ein Problem: Das Netz ist überlastet, seitdem zunehmend Videos sowie der Datenverkehr von Handys mit Internetfunktion durchgeleitet werden. Damit gerät das von Internetfans so geschätzte Prinzip der Netzneutralität ins Wanken. Das besagt, dass alle Inhalte im Internet gleich behandelt werden müssen.

Vor allem die Telekomkonzerne fordern verschiedene Tarife. Wer mehr bezahlt, dessen Inhalte wollen sie auch schneller transportieren. Mit dem Zusatzerlös, so verspricht die Branche, soll das Netz ausgebaut und beschleunigt werden.

Experten streiten über die Überholspur im Netz.

Eine umstrittene Idee, selbst die Wissenschaft ist uneins. Auch die Politik tut sich unendlich schwer, Vorgaben zu formulieren. Erst vor wenigen Wochen platzten die Gespräche der Enquete-Kommission "Internet und digitale Wirtschaft". Weil ein heftiger Streit entbrannte, vertagte sie das Thema Netzneutralität auf den Herbst.

Trotz der Probleme überwiegt die Zuversicht, wenn es um die nächsten 20 Jahre im Internet geht. "Ich bin sicher. Es wird ein Web 3.0 und 4.0 geben", prognostiziert Cole. Tatsächlich wird bereits emsig am Netz der Zukunft gewerkelt. Das betrifft etwa die geltende Sprache HTML, quasi das Betriebssystem des Netzes.

Mit HTML 5 sollen Bilder, Video und Animation besser zur Geltung kommen. Auch dreidimensionale Darstellungen sind dann möglich. Hinzu kommen ganz neue Möglichkeiten der Suche. Statt allein mit Stichworten zu suchen, sollen künftig auch komplizierte Fragen gestellt werden können, für die Google passgenaue Antworten findet.

Hinzu kommt das Internet der Dinge. Waren bisher vor allem Menschen vernetzt, verknüpfen sich demnächst auch Maschinen und Gegenstände. Der IT-Riese IBM schätzt, dass 2015 bereits eine Billion Objekte miteinander kommunizieren werden.

Das ermöglicht ganz neue Geschäftsmodelle. "In Zukunft werden internetbasierte Systeme von sich aus tätig und mir beispielsweise Hinweise auf Sehenswürdigkeiten oder Einkaufsangebote geben, die mich wirklich interessieren, weil das System mich und meine Vorlieben genau kennt", glaubt Buchautor Cole.

Angst vor einer solchen Zukunft habe er nicht. Er werde den Systemen solche Vorschläge jedenfalls ausdrücklich erlauben.

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