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5G Mobilfunk Wie Google, Apple und Amazon die Bundesnetzagentur austricksen können

Mobilfunkantennen

Vodafone schlägt Alarm. Die von der Bundesnetzagentur vorgelegten Vergaberegeln für den superschnellen 5G-Mobilfunk öffnen den Internet-Riesen Google, Amazon und Apple alle Türen.

Wer die Chefs der großen Telekom-Konzerne fragt, wovor Sie die größte Angst haben, der bekommt sofort die Namen der drei größten Internet-Konzerne zu hören: Apple, Google und Amazon. Die Horrorszenarien von Deutscher Telekom, Vodafone und Telefónica sehen dann etwa so aus: Apple, Google und Amazon drängen auch noch in die letzten verbliebenen Domänen der etablierten Netzbetreiber, beginnen mit dem Bau eigener Gigabit-Infrastrukturen und verkaufen ihre eigenen Sim-Karten festinstalliert in den eigenen Geräten. Bislang überließen die Internet-Konzerne diesen Teil der Wertschöpfung den Netzbetreibern.

Das könnte sich mit dem Start des neuen, superschnellen 5G-Mobilfunks schnell ändern. Denn die jetzt vorliegenden Pläne der Bundesnetzagentur, durch möglichst viele lokale, regionale und womöglich noch einen vierten bundesweiten Netzbetreiber das Oligopol der drei Mobilfunkbetreiber zu sprengen, könnte auch Google, Apple oder Amazon ermuntern, als direkte Konkurrenten mit eigenen 5G-Netzen gegen die europäischen Telekom-Konzerne anzutreten. Für die Telekom-Branche wäre das der Super-Gau - der größte Eingriff in alle Geschäftsmodelle, die bislang sehr stark auf die Herrschaft über alle Festnetz- und Mobilfunkinfrastrukturen ausgerichtet sind. „Die Weichen mit den Vergabebedingungen jetzt falsch zu stellen, ist brandgefährlich“, sagt Isabel Tilly, Leiterin Telekommunikations-Regulierung bei Vodafone.

Nach genauem Studium der neuen Vergaberegeln kommt Vodafone zu solch einem für sie äußerst bedrohlichen Ergebnis. Die Bundesnetzagentur hat – offenbar unbeabsichtigt – mehrere Hintertüren offengelassen, die insbesondere die US-amerikanischen Internet-Riesen für ihre Expansionsziele missbrauchen könnten. Im Extremfall, ergaben die Vodafone-Analysen, können sich Google & Co. die interessantesten Regionen herauspicken, dort eigene 5G-Netze kostengünstig ohne Teilnahme an der Versteigerung über das vergleichsweise günstige Antragsverfahren aufbauen und so die Geschäftspläne der etablierten Netzbetreiber gefährden. „Ein Markteintritt von Google, Amazon und Apple mit regulatorischer Schützenhilfe wäre höchst kritisch“, sagt Tilly.  „In beiden Punkten sind die von der Bundesnetzagentur vorgelegten Vergabeentwürfe sehr unklar und unscharf.“  Denn die Lücken in nicht-versorgten Regionen könnten Google & Co. sogar schließen, wenn sie auch noch als Diensteanbieter oder virtueller Mobilfunkbetreiber auf die bestehenden Netze der etablierten Netzbetreiber ausweichen dürfen. Die neuen Regeln der Bundesnetzagentur bieten zumindest so viel Spielraum für Interpretationen, dass die Internet-Riesen diese Option nutzen könnten.

Mit den neuen Kritikpunkten spielt Vodafone seine letzte Trumpfkarte aus, um die kürzlich vorgestellten Vergaberegeln der Bundesnetzagentur doch noch zu Fall zu bringen. Denn eigentlich will die mächtige Regulierungsbehörde nur den Wettbewerb beflügeln. Mit den regionalen Frequenzen ist die Bundesnetzagentur vor allem einem Wunsch der in Deutschland besonders stark auf dem Telekommunikationsmarkt engagierten Stadtwerke nachgekommen. Wer – wie Netcologne in Köln, M-Net in München oder Wilhelm.tel in Hamburg - schon Glasfasernetze bis in die Häuser gebaut hat, der kann mit vergleichsweise geringem Aufwand auf noch 5G-Funkstationen auf den Dächern aufstellen. Aufgrund des Gleichbehandlungsgrundsatzes ist solch ein Recht aber nicht auf die Stadtwerke beschränkt. Auch Google & Co. könnten ein Auge auf die besonders lukrativen Ballungszentren werfen. Und der Bundesnetzagentur würde es nach den bisher vorgelegten Regeln schwerfallen, solch einen Investor abzulehnen.

Genauso düster sieht ein zweites 5G-Szenario aus, das Vodafone verhindern will. Die Bundesnetzagentur will zwar die Netzbetreiber nicht zwingend verpflichten, mit Diensteanbietern wie Freenet oder United Internet weiter zusammenzuarbeiten. Das jetzt vorgeschlagene Verhandlungsgebot und die Idee, bei Streitigkeiten die Bundesnetzagentur als Schlichter einzusetzen, öffnet für Google & Co. eine zweite Hintertür. Vor allem Amazon hatte in den vergangenen zwei Jahren immer wieder versucht, als virtueller Netzbetreiber in Deutschland Fuß zu fassen. Mit Telefónica gab es sogar konkrete Verhandlungen. Doch letztlich war kein deutscher Mobilfunkbetreiber bereit, den Steigbügel für Amazon zu halten. Alle Verhandlungen endeten ohne Ergebnis. Nach den neuen 5G-Regeln könnte Amazon-Chef Jeff Bezos die Bundesnetzagentur einschalten und damit den Verhandlungsdruck auf die Netzbetreiber erhöhen. „Die Bundesnetzagentur darf nicht die Kräfteverhältnisse in den Verhandlungen verschieben“, fordert Vodafone-Expertin Tilly.

Nach Ansicht von Vodafone kann der Markteintritt der Internet-Konzerne im 5G-Mobilfunk nur verhindert werden, wenn die Bundesnetzagentur noch deutliche Korrekturen an den Vergaberegeln vornimmt. So müssen alle regionalen 5G-Frequenzen explizit mit der Einschränkung vergeben werden, dass sie auf keinem Fall für überregionale Geschäftsmodelle ausgenutzt werden dürfen. Empfehlenswert ist nach Ansicht von Vodafone auch ein Kooperationsverbot zwischen den regional tätigen 5G-Anbietern. Ansonsten könnten die regionalen Netze in den größten Ballungszentren schnell der Grundstock für ein bundesweites Netz werden.

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