61-mal mehr als gedacht Bieter zahlt 380.000 Euro für KI-Gemälde

Der verschwommene Druck „Edmond de Belamy“ zeigt einen Mann in dunkler Kutte mit weißem Kragen, der an einen französischen Geistlichen im 17. oder 18. Jahrhundert erinnert. Das Porträt ist das erste Gemälde einer künstlichen Intelligenz (KI), das bei einem großen Auktionshaus unter den Hammer kommt. Quelle: dpa

Das künstliche neuronale Netzwerk „min G max D Ex[log(D(x))]+Ez[log(1-D(G(z)))]“ hat ein Gemälde erschaffen. Christie's hat es nun versteigert und ungefähr 61-mal mehr dafür bekommen als ursprünglich geschätzt.

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Es könnte ein unfertiger Rembrandt sein, vielleicht auch ein Vermeer. Der verschwommene Druck „Edmond de Belamy“ zeigt einen Mann in dunkler Kutte mit weißem Kragen, der an einen französischen Geistlichen im 17. oder 18. Jahrhundert erinnert. Aber statt einem alten Meister war hier ein Computer am Werk: Das Porträt ist das erste Kunstwerk einer künstlichen Intelligenz (KI), das bei einem großen Auktionshaus unter den Hammer kommt – ohne klare Regeln darüber, wer der Autor ist und wer die Rechte besitzt.

„min G max D Ex[log(D(x))]+Ez[log(1-D(G(z)))]“ steht als Signatur in der unteren Ecke geschrieben. Gemeint ist der Algorithmus, der das Werk produzierte. Christie's schätzte eher vorsichtig, dass bei der Versteigerung in New York umgerechnet bis zu 8700 Euro zusammenkommen könnten und sagte die „Ankunft von KI auf der weltweiten Auktionsbühne“ voraus. Am Donnerstag trieben fünf Bieter den Preis dann aber heftig in die Höhe. Den Zuschlag bekam ein anonymer Bieter am Telefon bei gut 432.000 Dollar, was etwa 380.000 Euro entspricht.

Hinter dem Werk steckt das Pariser Kollektiv Obvious, das im Februar bereits eine Arbeit aus seiner Belamy-Reihe an Kunstsammler Nicolas Laugero Lasserre verkaufte. Er zahlte 10.000 Euro und sprach von einem „grotesken und zugleich großartigen“ Ansatz. Elf Belamy-Drucke gibt es inzwischen. Benannt ist die fiktive Familie nach KI-Forscher Ian Goodfellow, dessen Nachname sich auf Französisch etwa in „bel ami“ (guter Freund) übersetzen lässt.

In Goodfellows „Generative Adversarial Network“ (GAN) treten zwei konkurrierende Teile eines Algorithmus gegeneinander an. Der „Generator“ versucht dabei, den „Discriminator“ zu überlisten – in diesem Fall bei der Frage, ob ein Gemälde echt ist oder vom Computer geschaffen. Als Grundlage diente hier ein Datensatz aus 15.000 Porträts, die zwischen dem 14. und 20. Jahrhundert entstanden. Auf dessen Basis erzeugte der „Generator“ so lange Bilder, bis sein Gegenspieler eines für ein vom Menschen geschaffenes hielt.
„Menschen sollen auf die fertige Arbeit bei dem ganzen Prozess so wenig Einfluss wie möglich haben“, sagt Gauthier Vernier, der mit Hugo Caselles-Dupré und Pierre Fautrel hinter dem Kollektiv Obvious steckt, dem Magazin „Time“. Alle drei sind „Time“ zufolge 25 Jahre alt. Ihr Motto: „Kreativität ist nicht nur etwas für Menschen.“ Mit den Einnahmen wollen sie ihren Algorithmus weiter trainieren, Geld in Rechenleistung stecken und sich an 3D-Objekten versuchen.

Was heute wie ein netter Gag für den Kunstmarkt wirkt, könnte bald neue Gesetze erfordern. „Wenn eine Arbeit von einem Menschen erdacht, aber von einer Maschine erzeugt wurde, wer ist dann der Urheber?“, fragt das „Art Newspaper“. Und wenn Menschen irgendwann gar nicht mehr eingreifen, könnte eine KI das Urheberrecht dann allein besitzen? Autorenschaft kann ein Algorithmus Vernier zufolge nach geltendem Recht bisher nicht haben. KI-Roboter Sophia hatte vor einem Jahr aber beispielsweise schon die saudische Staatsbürgerschaft erlangt.

Christie's betritt mit der Auktion neues Terrain und liefert eine Antwort an den alten Konkurrenten Sotheby's. Der hatte nach der spektakulären Versteigerung eines Banksy-Bildes, das sich teils selbst zerstörte, seit zwei Wochen die Schlagzeilen beherrscht. „Ein Stück Live-Performance“ sei erstmals versteigert worden, verkündete das Auktionshaus stolz. Nun punktet Christie's im Dauerlauf um Premieren und Verkaufsrekorde bei schwindelerregenden Summen.
Neu ist sogenannte generative Kunst aber keineswegs. Schon in den 1970er Jahren experimentierten Künstler mit automatisierten Prozessen und überließen Maschinen das kreative Schaffen. Immer wieder gab es seitdem KI-Arbeiten in Kunst, Musik und Literatur.

Der Kunstbegriff werde alle paar Generationen neu definiert, sagt Erin-Marie Wallace, deren Firma Rare-Era Appraisals bei Washington Kunstwerke schätzt, gegenüber dem Radiosender NPR. „Wir bestimmen neu, was Kunst im 21. Jahrhundert eigentlich ist. Kunst wird denke ich daran gemessen, was Leute bereit sind, dafür zu zahlen.“

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