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AGBs Wenn die Software das Kleingedruckte für einen liest

AGBs: Es gibt Software, die das Kleingedruckte für einen liest Quelle: imago

Kaum jemand liest die langen Datenschutzbestimmungen von Webseiten. Muss auch nicht sein. Es gibt smarte Software, die das für einen erledigt.

Hand aufs Herz: Wer liest schon die allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB), ehe er im Netz seine Einkäufe erledigt oder sich bei einem sozialen Netzwerk anmeldet? Nur jeder Fünfte quält sich meistens durch die langen, schwer verständlichen Regeln – und gerade mal jeder 14. tut dies immer, wie eine Umfrage des Hamburger Datenportals Statista im vergangenen Jahr ergab. Als Grund für diese Nachlässigkeit nannten die Befragten, dass die Bestimmungen bei den meisten Anbietern zu lang und komplex seien. Beim Klick auf den Knopf „Ich habe die AGB gelesen und verstanden“ dürfte es sich um die größte Lüge im Internet handeln.

Das Problem dabei: Wer nicht versteht, welche Daten er im Netz zu welchem Zweck preisgibt und welche er eher schützen sollte, der wird auch nicht von den Rechten Gebrauch machen können, die ihm die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) gewährt. Vom 25. Mai an gilt: Daten sammeln, speichern und auswerten dürfen Unternehmen, aber auch Arztpraxen, Entwickler oder Vereine, die eine Webseite betreiben, nur noch dann, wenn sie dafür die Zustimmung der Nutzer eingeholt haben.

Nun wollen Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Lausanne und der beiden amerikanischen Universitäten Michigan und Wisconsin für ein bisschen mehr Ehrlichkeit im Internet sorgen. Sie ermöglichen es Verbrauchern, die zeitraubende Lektüre der AGB an eine Maschine auszulagern. Die Forscher haben dazu eine Anwendung namens Polisis programmiert – eine Kurzform für „Privacy Policy Analysis“.

Polisis setzt auf selbstlernende Algorithmen, um die Angaben zum Schutz der Privatsphäre auf beliebigen Webseiten zu scannen und zu analysieren. „Nutzer müssen sich also nicht mehr mühsam durch die AGBs durcharbeiten – das macht der Algorithmus automatisch“, sagt Hamza Harkous, Wissenschaftler an der ETH Lausanne und mitverantwortlich für das Polisis-Projekt.

Das kostenlose Tool lässt sich auf der Webseite www.pribot.org/polisis aufrufen – oder als Erweiterung für die gängigen Internetprogramme Google Chrome sowie Firefox Quantum herunterladen. In das Suchfeld des Programms kann man – ähnlich wie bei Google – eine beliebige Internetadresse eingeben. Der Algorithmus sucht und durchforstet dann die jeweiligen Nutzungsbedingungen. Blitzschnell erstellt Polisis anschließend eine Art grafisches Flussdiagramm all der Daten, die ein Dienst abfragt oder auch nur nebenbei abfischt, während man sich durch seine Seiten klickt oder Artikel einkauft.


Wie der Polisis-Algorithmus Datenschutzrichtlinien von Webseiten auswertet und grafisch erklärt

Das Diagramm ist übersichtlich in drei Teile gegliedert: Der linke Bereich zeigt an, welche Art von Informationen ein Internetdienst erhebt. Beispielsweise demografische Daten wie Alter oder Geschlecht. Oder Cookies, mit denen sich nachvollziehen lässt, wer welche Seiten wie lange besucht. Oder Angaben, wo eine Internetseite aufgerufen wurde. Die mittlere Spalte klärt darüber auf, zu welchem Zweck Daten gesammelt werden: Weil es der Gesetzgeber vorschreibt, etwa beim Kauf von Alkohol oder beim Abruf von Filmen mit Altersbeschränkung. Oder weil ein Dienst anstrebt, sich besser an die persönlichen Bedürfnisse seiner Nutzer anzupassen. Und schließlich zeigt Polisis auf der rechten Seite an, welche Möglichkeiten einem der jeweilige Dienst bietet, um einzelne Daten nicht preiszugeben.

Dabei ist die Grafik interaktiv gestaltet: Wer seine Computermaus über die verschiedenen Felder führt, dem blendet Polisis den zugrunde liegenden Abschnitt aus den jeweiligen AGB des Anbieters ein. Der Nutzer kann so noch einmal einzelne Bestimmungen überprüfen und – wo möglich – dem Sammeln bestimmter Daten zustimmen oder widersprechen.

Chatbot beantwortet Fragen

Wem selbst dies noch zu viel Aufwand ist, für den hat das Team um Hamza Harkous noch eine zweite Anwendung namens Pribot parat, ebenfalls zu finden unter der Website www.pribot.org: Dabei handelt es sich um einen Chatbot, dem man Fragen zu den Datenschutzbestimmungen eines Anbieters stellen kann. Pribot findet in Sekundenbruchteilen den zugehörigen Abschnitt in den AGBs und zeigt einem den entsprechenden Text als Antwort.

Damit Polisis und Pribot die juristischen Begriffe der Richtlinien überhaupt verstehen können, haben Harkous und seine Kollegen den Algorithmus zuvor mit 115 Datenschutzbestimmungen von Webseiten sowie mehr als 130 000 Apps aus dem Google Play Store gefüttert. So hat die Software, die in diesen beiden Maschinen steckt, gelernt, Schlüsselstellen im Text zu erkennen. Laut Harkous versteht Polisis die Datenschutzbestimmungen derzeit in neun von zehn Fällen richtig. „Und wir arbeiten daran, die Genauigkeit weiter zu verbessern“, sagt der Wissenschaftler. Bisher versteht der Algorithmus nur Englisch, weitere Sprachen bringen Harkous und sein Team der Software derzeit bei.

Die europäische Datenschutzgrundverordnung, die nun in Kraft tritt, sei für Verbraucher eine gute Sache, sagt Harkous: Weil die Internetdienste nun deren Zustimmung einholen müssen, ehe sie die Daten sammeln. Sorgen, dass Polisis nichts mehr zu tun hat, sich als Anwendung erübrige, macht sich der Wissenschaftler aber nicht: „Das Potenzial für automatisierte Lösungen ist enorm.“ Denn einfacher und kürzer, meint Harkous, werden AGB gewiss nicht – und ein Lesevergnügen werden sie, zuverlässig verfasst in Juristensprache, auch künftig nicht sein.

Harkous versteht das Tool deshalb nicht nur als Hilfe für Verbraucher, sondern auch für Unternehmen. Er will es erweitern und irgendwann als Softwarepaket Unternehmenskunden anbieten, die ihren Kunden damit eine Alternative zum verlogenen Häkchen-Klick bieten können.

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