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Amen-Gründer Petersen „Wenn Mark Zuckerberg Amen nutzt, ist es vielleicht doch nicht so doof“

Vor einem  Jahr sorgte das Meinungsportal Amen für Furore. Nun soll die Seite mehr Nutzwert bringen, Mark Zuckerberg konnten die Berliner schon überzeugen.

Amen-Gründer Petersen:

Kaum ein deutsches Startup hat im vergangenen Jahr so viele Schlagzeilen gemacht wie Amen. Dort können die Nutzer sagen was die tollsten, dümmsten oder lustigsten Dinge und Personen sind. Durch Zustimmung und Ablehnung entstehen diverse Ranglisten.

Für Furore sorgte Amen aber vor allem dadurch, dass der Schauspieler und langjährige Twitter-König Ashton Kutcher bei den Berlinern investierte. Inzwischen ist es um das Meinungsportal ruhig geworden. Im Interview erklärt Chef und Gründer Felix Petersen, wie Amen mehr Nutzwert bringen soll und von welchen anderen Berliner Startups er sich viel verspricht

WirtschaftsWoche: Was ist denn mit meinem Amen-Profil passiert?

Felix Petersen: Wieso, was ist denn damit?

Na das ist weg, ich kann mich da jedenfalls nicht mehr einloggen.

Ach so im Web wahrscheinlich. Wir haben uns entschieden, die Webversion vorübergehend abzuschalten und uns auf das iPhone zu konzentrieren. Wir werden später aber auch Android machen und auch die Webversion kommt auf jeden Fall zurück.

[Anmerkung der Redaktion: Inzwischen ist die Webversion in veränderter Form wieder verfügbar.]

Aber wieso beschränkt ihr den Dienst auf iPhone-Nutzer?

Als Startup kann man sich nicht auf zu viele Plattformen auf einmal konzentrieren. Wir hatten die Wahl, jeweils ein Monat länger auf jede neue Version zu warten oder auf einer Plattform schnell zu sein. Wir haben aber auch gesehen, dass es wenige reine Webnutzer gab. Es ist natürlich ärgerlich, dass ich gerade einen erwischt habe.

Wie groß war denn die iPhone-Nutzer-Quote?

90 Prozent. Zudem ist die Qualität von deren Daten deutlich besser. Wir können Positions- oder Foursquare-Daten hineinziehen und direkt Vorschläge für Amen-Einträge machen, wenn wir wissen, wo jemand ist.

Am Computer tippen die Leute auch mehr und haben sehr lange Sachen eingegeben, die dann vielleicht nicht so sinnvoll waren. Da kamen dann Sachen wie „Die Tatsache, dass die Sonne scheint und ich mir an den Eiern kratze ist the best thing to say right now.“

Deswegen fragen sich viele, was Amen überhaupt soll. Ich kann dort diskutieren, ob Beischlaf oder Mittagsschlaf der beste Schlaf aller Zeiten ist. Das ist vielleicht mal lustig, doch was bringt das letztlich?
Bei Amen geht es um Meinungen zu allen Themenfeldern. Das können auch exotische Dinge sein, wie der beste Science-Fiction-Film von 1972 oder der beste Ostfriesenwitz. Ich kann aber auch in Echtzeit erfahren, was das beste Event heute Abend in Berlin ist.

Die Leute lieben klare, einfache Toplisten. Sie konsumieren sie sehr gern, doch bisher hatte niemand einen Trick gefunden, damit Leute diese Listen auch erstellen. Es gibt zwar einige Seiten, die mit solchen Listen arbeiten, doch die sind in der Regel redaktionell erstellt. Dadurch, dass die Leute sich bei uns streiten, haben wir einen Weg gefunden, wie die Listen von allein entstehen und wachsen.

Aber wenn ich das beste Hotel oder Restaurant in einer Stadt suche, kann ich auch zu Qype oder Tripadvisor gehen. Da bekomme ich sogar noch viele Zusatzinformationen.

Oft will ich aber gar keine ausführlichen Kritiken. Ich will nur drei Namen von Restaurants, von jemandem, dem ich vertraue. Wie die sind und wo sie liegen, kann ich später woanders nachgucken, das ist gar nicht das Ziel von Amen. Uns geht es darum, zu allem Listen zu haben. Dann kann ich eines Tages auch zu Amen gehen und gucken, was sind die fünf besten Mountainbikes für unter 1000 Euro.

Wir wollen, dass Leute bei starken Meinungen an Amen denken. Wenn jemand einen schlechten Burger isst, soll er bei Amen sagen, das war der schlechteste Burger in Berlin.

Wie Amen Geld verdienen will

Beischlaf oder Mittagsschlaf? Amen lebt bislang vor allem von humoristischen Einträgen und Listen.

Und wie wollen sie damit Geld verdienen?

Wenn wir es schaffen, ein Ziel zu werden, wo die Leute nach solchen Informationen suchen ist die Monetarisierung relativ klar. Es gibt eine Liste der besten Sushiläden im Prenzlauer Berg und einer der Einträge ist bezahlt, natürlich klar gekennzeichnet.

Wenn ein Laden gut ist, bekommt er dann eventuell viele Amens und bleibt sogar organisch in der Liste. Wer sich aber übernimmt und sagt, er hat die beste Currywurst in Berlin aber viele Leute widersprechen, rutscht wieder nach unten und hat sein Geld zum Fenster rausgeblasen. Das ist ein sehr faires und transparentes Modell, wo ich mein Angebot vorlegen kann und wenn viele Leute zustimmen, schaffe ich schnell den Sprung in die Liste.

Wann planen Sie, damit zu starten?

Wir treten jetzt in die zweite Phase ein. Wir haben uns ein Jahr lang mit der sozialen Formel beschäftigt, jetzt geht es darum die Plattform auszurollen und zum Ziel zu machen. Und je nachdem, wie das läuft startet vielleicht in einem Jahr die Monetarisierung.

Wie wollt ihr sicherstellen, die dafür relevanten Informationen zu bekommen? Bisher gibt es eine Liste der hässlichsten Fußballerfrisuren aber nicht der billigsten Mountainbikes.

Man muss eine Balance hinbekommen. Wenn es keinen Spaß macht und ich eben nicht mit Freunden über die hässlichste Frisur streite, nutze ich die App auch nicht jeden Tag. Dann ist es ein Dienst wie Qype, wo ich hingehe, wenn ich ihn brauche.

Das humoristische Element war daher wichtig als Treiber, aber wir haben in der neuen Version, auch eine thematische Ordnung eingeführt. Ich kann damit direkt in Themen wie Sport, Auto, Reise oder Musik gehen. Da fallen dann viele humoristische Sachen raus.

Amen wird also nützlicher aber langweiliger?

Nein, es heißt ja nicht, dass es keine coolen Beschreibungen mehr gibt. Man muss ja vermeiden, dass man Leuten sagt: Bitte fülle uns mal die Datenbank aus. Crowdsourcing heißt ja oft nur: Mach mal umsonst die Arbeit für uns.

Die Listen können daher weiterhin sehr kreativ sein. Also der beste Song für ein romantisches Date oder die schlimmste One-Man-Band zum Beispiel. Wichtig ist nur, dass der erste Teil ein klar definiertes Objekt ist, also ein Song zum Beispiel. Dadurch haben wir aber auch genug Daten, um Nutzwert zu erstellen. Alle Objekte bei Musik sind beispielsweise klare Tracks, die ich abspielen und kaufen kann.

Foursquare startete mit Petersens Idee durch

Petersen (links) und Twitter-Mitgründer Florian Weber:

Sie haben mögliche Verknüpfungen mit Foursquare schon erwähnt und nutzen den Eincheck-Dienst auch selbst regelmäßig. Sind Sie dabei gar nicht sauer, dass da jemand die Idee, die Sie mit ihrem Startup Plazes auch hatten, erfolgreicher umgesetzt hat?

Nö, wir haben es ja erfolgreich verkauft. Natürlich waren wir zu früh. Es gab noch keine GPS-Smartphones und als wir Plazes verkauft haben, hat Apple seine iPhone-Apps herausgebracht. Man fragt sich schon, was passiert wäre, wenn wir diese Möglichkeiten gehabt hätten. Aber es war ja auch nicht nur ein Problem des Timings, das ist oft eine Ausrede.

Ob Foursquare oder Instagram, wenn erst einmal alle Freunde mitmachen, kann man sich leicht vorstellen, dass diese Dienste cool sind. Das Grundproblem ist aber erst einmal dahin zu kommen, dass alle Freunde das nutzen. Foursquare hat es geschafft, indem sie ein Spiel daraus gemacht haben. Und ganz ehrlich: Das haben wir bei Plazes nicht so gut gelöst.

Doch Foursquare hat uns ja auch nicht kopiert. Den Gründer Dennis Crowley kannte ich noch von Dodgeball, damit hatte er vorher schon eine ähnliche Idee. Dann hat er es an Google verkauft und saß da frustriert herum. Danach haben wir den Ball aufgenommen, an Nokia verkauft und ich saß frustriert bei Nokia rum. Dennis hat den Ball wieder aufgenommen und das Tor gemacht. Er hat den Erfolg verdient.

Stichwort Nokia. Neben Plazes haben die Finnen zahlreiche innovative Startups gekauft. Wieso haben sie es nicht geschafft, deren Potenzial für sich zu nutzen?

Das ist schwierig und ich habe auch zu wenig Einblick, um mir eine endgültige Antwort anzumaßen. Nokia war Weltmarktführer mit einem hervorragend funktionierenden Modell. Plötzlich ändert sich das Spiel und die Differenzierung findet über Software statt. Einige Leute haben das erkannt und mit dem Kauf von Firmen wie Plazes oder Dopplr die richtige Entscheidungen getroffen. Doch am Ende fehlte ganz oben in der Organisation die Einsicht, wie wichtig die Softwarestrategie sein wird. Es ist eben schwierig, so ein Dickschiff umzudrehen.

Die besten Standorte für Startups
Platz 17: Berlin Quelle: dpa
Platz 10: Moskau Quelle: dpa
Platz 9: Bangalore Quelle: Reuters
Platz 8: Sao Paulo Quelle: Reuters
Platz 7: Singapur
Platz 6: Los Angeles Quelle: AP
Platz 5: Tel Aviv Quelle: Reuters

Der Verkauf von Plazes hat Ihnen viel Geld gebracht, inzwischen investieren sie auch in andere Berliner Startups. Von welchen Firmen erwarten Sie den Durchbruch?

Loopcam hat eine gute Chance. Das ist ein eigenes Format, eine eigene Ästhetik und die Leute lieben Video. Audiovisuelles funktioniert auf dem Handy enorm gut. Über einen Tweet muss ich erst einmal nachdenken, deswegen ist Twitter vielleicht auch nie so groß geworden wie Fotosharing auf Facebook. Es ist leichter, sich auszudrücken, indem ich ein Foto mache
Und Loopcam hat dabei einen coolen Dreh gefunden.

Aufstrebende Berliner Startups

Auch Gidsy ist sehr einleuchtend. Wenn man es gut macht, die richtige Community zusammen hat und die Qualität stimmt, ist das sehr berechenbar. Social ist immer sehr binär: ein Angebot geht ab oder geht nicht ab. Ein Dienst wie Gidsy kann sich dagegen viel erarbeiten, wie jetzt beispielsweise durch eine Kooperation mit Jamie Oliver.

Und natürlich denken wir alle, dass Soundcloud irgendwann ein IPO macht und das erste Facebook aus Berlin wird. Über das Investment bin ich sehr glücklich.


Was die prominenten Nutzer Ashton Kutcher und Mark Zuckerberg bringen

Hollywoodstar Ashton Kutcher ist Investor und eifriger Amen-Nutzer.

Zu den Amen-Investoren gehört Hollywoodstar Ashton Kutcher. Wie haben Sie den überzeugt?

Wir hatten da keinen Masterplan. Mit unserem Prototyp waren wir bei Investor Index Ventures in London, die ich schon von Plazes kannte. Damals haben sie nein gesagt, aber bei Amen investiert. Index hat auch viele Investments mit Ashton Kutchers Fonds zusammen und hat vorgeschlagen, dass wir uns treffen.

Ich kannte ihn vorher kaum und interessiere mich auch nicht für seine Filme. Er wird in der Szene auch einfach als Tech-Investor behandelt und hat sich da einen guten Ruf erarbeitet. Es gibt ja auch andere wie Lady Gaga oder Justin Timberlake, die da jetzt rumrennen, aber Ashton weiß einfach, wovon er spricht.

Und nutzt Amen auch selbst. Was bringt so ein Promi?

Klar, er guckt alle zwei Wochen mal rein und ament etwas. Aber wir haben 2012. Es konkurrieren so viele Dienste und Apps, da ist es nicht damit getan, einen Star dabei zu haben. Ein Dienst muss funktionieren, den Leuten etwas bringen und sie so überzeugen.

Aber als sich Mark Zuckerberg in diesem Jahr angemeldet hat, habt Ihr schon gefeiert?

Es ist auf jeden Fall bemerkt worden. Für eine Sekunde dachte ich, das muss ein Fake sein. Aber da er sich mit Facebook-Connect angemeldet hat, war schnell klar, dass es der Echte ist. Das war natürlich cool und hat uns nochmal einen Schub bei den Vordenkern im Silicon Valley gegeben. Path-Gründer Dave Morin hat beispielsweise im Frühjahr investiert.

Wenn Leute wie Mark Zuckerberg auf Amen sind, ist es vielleicht doch nicht so doof. Es zeigt uns, dass wir manche Kritik in Deutschland einfach aussitzen müssen. Dabei ist es auch gut, dass wir Florian im Team haben…

Florian Weber, der Twitter entscheidend mitentwickelte…

Genau. Der musste sich jahrelang von Deutschen anhören, was Twitter für ein Quatsch ist, den auch kein Mensch braucht. Man muss auch an seine Idee glauben.

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