Angriffe aus dem Netz Wie Cyberwehren Hacker verjagen

Private Cyberwehren übernehmen das Kommando, wenn Geheimdienste Unternehmen angreifen – und spüren sie mit ungewöhnlichen Techniken auf. Ein Besuch bei den Eingreiftruppen.

Spürnasen im Cyberraum: Mit dem Donnergott Thor verjagen Stephan Kaiser (links) und Florian Roth Angreifer aus Fernost. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Der Angriff bringt die Fabrik fast zum Stillstand. Und schlimmer noch: Nachdem eine Hackerbande einen vergessenen Server gekapert hat, schleust sie über diese Sicherheitslücke auch ein heimtückisches Spionageprogramm in die Produktionsanlage. Die Angreifer saugen sensible Daten des deutschen Autozulieferers ab und bieten sie im Darknet zum Verkauf. Ein paar Wochen ist der dramatische Fall her. Aufgeregt hat sich darüber kaum einer.

Anders als über die Cyberangriffe Petya oder WannaCry, bei denen Hacker kürzlich Computer quer über den Globus lahmlegten und Lösegeld für die Wiederherstellung der Daten forderten. So gerät aus dem Blick, wo die wirklichen Gefahren lauern. Während Cyberabwehrteams nach einem Streu-Angriff von Erpresserbanden den Unternehmensalltag meist binnen weniger Tage wieder herstellen können, müssen sie bei gezielten Spähattacken oft genug kapitulieren. Zu ausgeklügelt sind diese Angriffe. Hinzu kommt, dass es bei den Sabotage- und Spionageangriffen nicht nur um ein paar Hundert Euro Lösegeld geht. Sondern um die Existenz der Unternehmen. Auf 50 Milliarden Euro jährlich wird der so allein in Deutschland entstehende Schaden geschätzt.

Kein Wunder, dass bei besonders ausgefeilten Attacken Vorstände Hilferufe an private Spezialeinheiten absenden. Die Trupps sind eine Art Eliteeinheit für die digitale Brandbekämpfung, vergleichbar mit dem legendären Paul „Red“ Adair. Der berühmteste Feuerwehrmann der Welt erlangte bis in die Neunzigerjahre Heldenstatus. Er wurde immer dann gerufen, wenn sich eine Feuerkatastrophe kaum noch abwenden ließ. Tollkühn stürzte sich Adair etwa mit dem Flugzeug auf brennende Gasplattformen, um die Flammen durch den gezielten Abwurf von Sprengsätzen zu ersticken.

Angriffsziele von aufsehenerregenden Cyberangriffen

Die Helden, die in der digitalen Welt Katastrophen abwenden, arbeiten lieber im Verborgenen. Der WirtschaftsWoche haben die stillen Defensivkräfte erstmals einen Einblick in ihre Arbeit gewährt – und gezeigt, wie sie Angreifer aus IT-Systemen verjagen, wie sie deutschen Unternehmen bei der Rückgewinnung ihrer Datenhoheit helfen.

Die Büros von BFK EDV-Consulting liegen auf der dritten Etage des ehemaligen Postscheckamtes. Hier gehen die Notrufe von deutschen Banken und Industriekonzernen ein, wenn Geheimdienste oder kriminelle Hackerbanden in die IT-Systeme eindringen. Der Mann, der dann sofort mit seinem Rettungskoffer ausrückt, heißt Christoph Fischer. Der BFK-Gründer rast in einem Leihwagen zum Tatort. „Die Angreifer könnten Komplizen im Unternehmen haben“, sagt Fischer, da sei Unauffälligkeit erste Pflicht. Der Trupp verschafft sich einen ersten Überblick über die Bedrohungslage und baut ein Basiscamp auf. Spuren sichern und auswerten – mehr als einen speziell präparierten Laptop braucht Fischer für solch einen Erste-Hilfe-Einsatz nicht.

Später, wenn sich ein Verdacht bestätigt hat, bringt ein Kleintransporter das gesamte Equipment zum Einsatzort: tragbare Großrechner, Drucker, Kopierer, Faxgeräte, Router für den Aufbau separater, verschlüsselter Datenleitungen – Fischer legt Wert darauf, völlig unabhängig von den Ressourcen des Opfers zu arbeiten. Und auf eine eigene Kaffeemaschine: „Viel Kaffee ist wichtig“, sagt Fischer, „und gut muss er sein.“

Der 59-Jährige ist der Veteran der kleinen deutschen IT-Sicherheitsszene. Bereits vor 32 Jahren gründete er „quasi über Nacht“ die erste private Cyberfeuerwehr. 46 Mal ist Fischer seither ausgerückt – und bis auf drei Fehlalarme brannte es jedes Mal lichterloh. Die Namen seiner Kunden darf er nicht nennen. Vor jedem Einsatz unterschreibt er Geheimhaltungsklauseln; zu viel steht auf dem Spiel.

Geheimdienste, wahrscheinlich aus China, haben bereits Ölbohrtürme ausspioniert, um an Erkenntnisse zu neuen Ölfeldern zu gelangen. Andere Hacker attackieren im Auftrag von Nachrichtendiensten Banken, um die Finanzierungsquellen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) anzuzapfen. Fischer hat viel erlebt, hält in der Datenwelt nichts mehr wirklich für sicher und gesteht, „paranoid“ zu sein. Sein Verfolgungswahn geht so weit, dass er sich gerade seine eigene Software fürs Heim baut: „Vernetzten Haushaltsgeräten traue ich überhaupt nicht.“

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