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Apples iPad Die i-Volution geht weiter

Nach iPod und iPhone kommt nun das iPad – Apples Interpretation eines modernen Tablet-Computers. Ende März ist es verfügbar – zu einem überraschenden Preis. Die WirtschaftsWoche hat es getestet.

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Apple-Chef Steve Jobs Quelle: AP

Steve Jobs spannt die Journalisten auf die Folter. Auf der Bühne des Yerba Buena Kunstzentrums im Herzen von San Francisco stellt der Apple-Chef am Mittwochvormittag Ortszeit in allen Einzelheiten seine jüngste Schöpfung vor: Das langerwartete iPad, eine Art Maximalversion von Apples Weltbestseller iPhone, Apples Interpretation eines Tablet-Computers, seit über zwei Jahren in der Mache, von Spöttern schon vor der Premiere wegen des Hypes auf „Jesus-Tablet“ getauft.

Über eine Stunde dauert die Präsentation schon und es fehlen nur zwei entscheidende Details. Mein Sitznachbar, dem der heimische Redaktionsschluss im Nacken sitzt, spricht aus Frustration schon mit sich selbst: “Jetzt sagt doch endlich, was es kostet und wann es kommt.“

Internetverbindung via W-Lan oder UMTS

Doch Meisterrethoriker Jobs schraubt die Spannung weiter nach oben, fasst vor der Enthüllung noch mal zusammen: Das iPad ist Apples Interpretation eines sinnvollen portablen Tablet-Computers, mit einem wesentlich größeren Bildschirm als das 3.5 Zoll Display des iPhones, aber immer noch kleiner als die allermeisten Notebooks. Sein mit dem Finger bedienbares 9.7 Zoll hochauflösendes Display bietet Zugang zum Internet, E-Mail, Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, Spielfilmen, Videos, Fotos und Musik. Gespeist wird es via W-Lan oder UMTS mit Inhalten aus dem Internet sowie aus Apples Appstore, iTunes Musikstore und dem neuen iBookstore. Fürs iPhone entwickelte Programme laufen auf ihm, müssen jedoch auf die Bildschirmgröße des iPad angepasst werden. Apple stellt außerdem eine fürs iPad angepasst Version seines Bürosoftwarepakets iWorks bereit.

Preisniveau eines Windows-Laptop

Und was kostet der Spass? Nicht 999 Dollar, wie gutinformierte Quellen wissen wollten. „499 Dollar“, enthüllt Jobs nach 76 Minuten, lässt meinen Nachbarn aufatmen und die ersten beiden, mit Apple Mitarbeitern bestückten Sitzreihen, in Applaus aufbranden. Lieferbar in 60 Tagen für die Wlan-Version und in 90 Tagen für die zusätzlich mit UMTS ausgestattete Variante. Ein überraschend günstiger Preis, auf dem gleichen Niveau wie ein durchschnittlicher Windows-Laptop.Für 499 Dollar gibt es allerdings nur die Einstiegsversion mit 16 Gigabyte Flash Festplatte. Das iPad mit UMTS und 64 Gigabyte kostet in der Spitze 829 Dollar. Damit liegt Apple etwas über den gerade boomenden Schmalspur-Notebooks. Jobs hält die Netbooks noch nicht mal für Konkurrenz: „Das sind nur billige Notebooks.“

Wahrscheinlich hätte Apple, dessen Klientel nicht ganz so preissensibel ist,  für den iPad sogar mehr verlangen können. Normalerweise fällt der Preis von neu vorgestellten Produkten, besonders bei Unterhaltungselektronik, schon nach ein paar Monaten beträchtlich, wie die ersten Käufer des iPhones schmerzlich feststellen mussten. Nur zehn Wochen nach Verkaufsstart rutschte dessen Preis von 399 auf 199 Dollar. Jobs musste erzürnte Käufer mit 100 Dollar Einkaufsgutschein besänftigen.

Ohne Sperre und keine Exklusivität

Beim iPad wird wie beim iPhone Quelle: REUTERS

Den Fehler wollte Apple diesmal vermeiden. „Wir wollten, dass so viele Kunden wie möglich das Gerät in die Finger bekommen“, sagt Jobs. Apple hat also aus der Enttäuschung der „early adopters“ – der Erstkunden – gelernt. Aber der Preis könnte trotzdem rasch fallen. Denn das iPad wird ohne Netzbetreiber-Sperre angeboten - und zwar weltweit. Auch auf den exklusiven Vertrieb über Mobiltelefongesellschaften wie beim iPhone hat Jobs verzichtet. Das bedeutet, dass es eine Menge Wettbewerb geben könnte und Netzbetreiber den Gerätepreis subventionieren werden. Nicht nur sie. Es ist denkbar, dass auch Medienunternehmen, die ihre Inhalte kostenpflichtig auf dem iPad anbieten, sich beim Abschluss eines Abos an den Kosten beteiligen. Noch ist das alles Spekulation. Ebenso wie die Kosten für den mobilen Zugang zum Internet.

Deutsche UMTS-Tarife noch offen

In den USA hat Jobs bereits einen Sondertarif mit der Mobiltelefongesellschaft AT&T ausgehandelt – 15 Dollar monatlich für maximal 250 Megabyte Daten. Die unbegrenzte Version kostet 30 Dollar. In beiden Plänen ist die Nutzung von AT&Ts landesweiten Wlan-Hotspots schon drin. In Europa sind die Verhandlungen mit den Mobiltelefongesellschaften gerade erst angelaufen. Jobs rechnet jedoch mit attraktiven Tarifen, besonders weil im Gegensatz zum iPhone sich diesmal alle Mobiltelefongesellschaften untereinander Konkurrenz machen können. „Das iPad muss man in der Hand gehabt haben, um es wirklich beurteilen zu können“, wirbt Jobs.

Flüssig und schnell

Also gut. Erstes Urteil nach 15 Minuten: Beeindruckend. Besonders was die Geschwindigkeit des iPads angeht. Alles läuft flüssig und schnell. Mit dem Finger vergrößere ich Fotos, zoome in Internet-Seiten und in Googles Landkartenservice, wische durch iTunes Musikalben, blättere durch digitale Bücher, alles ohne Verzögerung. Erste Enttäuschung: Adobes Flash wird vom Internet-Browser nicht unterstützt, was das Abspielen von Videos auf Internet-Seiten verhindert.

Wer ein iPhone besitzt, kommt mit der Benutzerführung sofort zurecht. Auch das iPad ziert nur eine Taste. Wird sie gedrückt, erscheint der Startschirm. Wie beim iPhone ist das iPad nicht auf Multitasking gepolt, kommt also nur mit einer Anwendung zurecht. Ausnahme ist das Abspielen von Musik, das auch im Hintergrund funktioniert. Das ist ziemlich enttäuschend. Überraschenderweise hat Apple dem iPad keine Kamera spendiert, obwohl sich das Gerät vorzüglich für Videokonferenzen eignen würde. Und auch die Batterie ist nicht auswechselbar.

Zum iPad stellt Apple-Chef Quelle: AP

Der Bewegungssensor, der das Bild in die Horizontale oder Waagerechte kippt, reagiert gut, nicht zu voreilig, nicht zu langsam. Etwas warten muss ich nur, als ich eins der geladenen Videos anklicke – „Up“ von Jobs ehemaligem Trickfilmstudio Pixar – und eine Szene auswähle – der Aufbau des Bildes dauert ungefähr zwei Sekunden, wird wahrscheinlich zwischengespeichert. Dann läuft der Film, mit zweimaligem Tippen wird der ganze Bildschirm ausgefüllt. Eindrucksvoll ist vor allem das 9.7 Zoll große, hochauflösende Display – das vom iPhone wirkt dagegen mickrig. Ganz zu schweigen von Buchlesegeräten, die sogenannte e-ink Displays nutzen wie der Kindle von Amazon.com und der E-Reader von Sony. Der Vergleich ist zwar nicht fair, weil das iPad nicht vorrangig für den Konsum von Büchern gedacht ist und sein Akku auch nur maximal zehn Stunden reicht. Aber bei dem iPad Preis werden Amazon.com und Sony ihre Display-Wahl überdenken oder ihre Geräte wesentlich günstiger anbieten müssen.

Schwerer als vermutet

Etwas gewöhnungsbedürftig ist das Gewicht des iPads, besonders im Vergleich mit Buchlesegeräten wie dem Kindle. Das iPad ist zwar nur 680 Gramm schwer, aber die spürt man schon. Stundenlanges Halten dürfte in die Handgelenke gehen, aber man kann es ja in den Schoss legen. Heiß wurde das iPad – zumindest beim Kurztest – überhaupt nicht. Apples Ingenieure haben für das Gerät extra einen Prozessor namens A4 entwickelt, der zudem eine Laufleistung von zehn Stunden garantieren soll.

Das iPad in der Hand halten und tippen, geht zwar, ist aber unbequem. Leichter wird es, wenn man das Tablet auf den Tisch legt und darauf tippt. Es ist jedoch gewöhnungsbedürftig. Apple bietet eine externe Tastatur als Zubehör an.

Die entscheidende Frage: Braucht man das iPad, wenn man bereits ein gutes Smartphone besitzt und zudem noch ein Notebook? Darüber wird es hitzige Diskussionen geben.

Software nur vom Appstore

Apple hat zumindest vorgebeugt, dass seine Notebooks nicht kannibalisiert werden. Dafür sorgen schon seine Einschränkungen – Programme wie Microsoft Office oder Photoshop lassen sich nicht installieren, vom fehlenden Multitasking ganz zu schweigen.

Mehr noch: Apps können nur über den angeschlossenen Appstore installiert werden. Apple setzt also weiterhin auf geschlossene Systeme. Hacker dürften deshalb ihre Freude am Knacken des Gerät haben, denn leistungsfähig scheint sein Prozessor ja zu sein.

Fazit: Das iPad hat das Zeug zum Bestseller. Wie so viele Apple Produkte wird es die Gemüter spalten. Wegen seiner Einschränkungen – besonders was Apples Kontrolle über die Applikationen betrifft – auch viele potentielle Käufer abschrecken. Netbooks wird das iPad nicht vom Markt fegen. Man darf gespannt sein wie Hewlett Packard, Acer und Dell die Offensive von Apple kontern – Freiraum haben sie jedenfalls.

Apple hat gut daran getan, das iPad nicht exklusiv über Mobiltelefongesellschaften zu offerieren. Das wird den Verkaufspreis des Geräts rasch drücken, auch wenn der Rabatt dann über einen langfristigen Mobilfunkvertrag finanziert werden muss. Vor allen Dingen entsteht ein interessanter neuer Markt für iPad Applikationen, die den größeren Bildschirm und seine Steuerung mit den Fingern ausnutzen.

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