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Apps! Wenn das Smartphone zum Barmann wird

Neue Apps helfen Ihnen, die perfekte Flasche Whiskey und die beste Flasche Wein zu finden — nützlich für uns, lukrativ für die Macher. Ganz ersetzen können sie den Barmann aber nicht.

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„Distiller“, „Vivino“ und „Delectable“: Ihr Smartphone kann Ihnen helfen, Whiskeys und Weine zu entdecken, zu bewerten und die besten Flaschen nie wieder zu vergessen. Quelle: Handelsblatt

New York Die eine unwiderlegbare Wahrheit ist, dass ein gutes Glas Whiskey Magie ist. Und die andere, dass mein Barmann immer Antworten auf die wichtigsten Fragen des Lebens weiß.

„Ja, ja, das ist ein guter Tipp“, nickte er, als ich ihm kürzlich am späten Abend an der Bar mein Smartphone unter die Nase hielt. Nick, Mitte dreißig, mit Vollbart und Karohemd, blickte auf eine Whiskey-Empfehlung, die hätte von ihm stammen können. Sie kam von Distiller, einer App, die sich verhält wie er: Sie empfiehlt dem Laien den richtigen Whiskey — und das laut Nick ganz gut. Man beantwortet erst einige Fragen zu Budget und Geschmack, worauf man die Empfehlungen erhält.

Hinter den Empfehlungen steckt ein Team von Experten, die für die App Whiskeys mit bis zu dreißig Einzelheiten zu Preis, Geschmack und Herstellung versehen, erzählte mir einer der Macher der App, Mikael Mossberg, in einem Skype-Gespräch. Etwa 600 Flaschen sind bereits beschrieben und bewertet, Zehntausende weitere in der Warteschleife.

Jeder Tropfen ist mit einer Bewertung der Experten, Nutzerbewertungen und, besonders hübsch, mit einem Geschmacksprofil versehen — eine grafische Übersicht über die Geschmacksnoten des Whiskeys, wie rauchig er ist, wie süß, wie salzig, wie floral.

Nun lässt es der Rest dieser Nacht nicht zu, dass ich mich genau entsinne, aber es war möglicherweise ein Glas des Jura Prophecy, das mir Barmann Nick einschenkte. Diese Flasche jedenfalls schlug mir die App vor, als ich versuchte, die Ereignisse nachzuvollziehen. Ein rauchiges Stück Schottland aus dem Eichenfass.

Apps auch für Weinliebhaber

Distiller ist nur eine von vielen Apps, die Trinker — „Genießer“ von mir aus — in den letzten Monaten und Jahren zu lieben gelernt haben. Für Weine ist die dänisch-stämmige App Vivino mit einigem Abstand die beste und erfolgreichste. „Gerade heute haben wir die Fünfmillionen-Nutzer-Grenze überschritten“, sagte mir Miterfinder Theis Søndergaard diese Woche in einem Skype-Gespräch.

Anders als Distiller setzen die kostenlosen Wein-Apps weniger auf Empfehlungen, sind vor allem Informationsquelle, um eigene Neuentdeckungen zu prüfen und Trink-Tagebücher, um die besten Flaschen nicht zu vergessen. Anders als den Barmann können die Apps auch im Laden vor dem Weinregal und im Restaurant eingesetzt werden.

Die meisten Wein-Apps sind älter als Distiller und deswegen weiter entwickelt. Vivino — genau so wie die amerikanischen Rivalen Drync und Delectable — lassen Nutzer die Wein-Etiketts mit der Smartphone-Kamera scannen, worauf die App sie automatisch erkennt und Bewertungen und Kommentare anderer Nutzer anzeigt.

Vivino hat den besten Scanner

Das funktioniert vor allem bei Vivino gut. Die Erkennung ist tadellos und blitzschnell und mir ist noch keine Flasche untergekommen, die nicht sofort erkannt und zuvor schon bewertet wurde.

Die Apps haben wir immer besseren und einfacheren Bilderkennungs-Tools zu verdanken. Vivino arbeitet mit einem Schweizer Unternehmen zusammen: Kooaba, das dieses Jahr von Qualcomm aufgekauft wurde. Doch obwohl der Bilderkennung wichtig ist, versteckt sich die wahre Magie im Umfang der Datenbank.

Vivino hat dank seiner vielen Nutzer 60 Millionen Bilder, mit denen neue Scans abgeglichen werden können, täglich kommen 200.000 neue dazu. Das hat die Konkurrenz nicht — und man merkts: Delectable ist spürbar langsamer und erkennt nicht alle Weine. Drync ist fast schon lächerlich schlecht.

Die Entdeckung neuer Flaschen ist das andere praktische Tool. Distiller und Delectable setzen hier auf Experten, die Flaschen bewerten, Vivino setzt auf Nutzerbewertungen alleine — noch jedenfalls: Im nächsten Quartal sollen einige der bekanntesten Weinkenner verpflichtet werden, sagte Søndergaard ohne Namen zu nennen.

Geschäftsmodell mit eingebaut

Auch Investoren lieben die Apps. Ein wenig mehr als drei Millionen Dollar haben sie in Delectable investiert, und 13 Millionen in Vivino. Die Apps könnten rasant sehr lukrativ werden, ist doch das Geschäftsmodell quasi eingebaut: „Wir wollen Geld machen, indem wir unseren Nutzern Weine verkaufen“, sagte Søndergaard — doch bei Vivino ist die Funktion noch zwei Jahre in der Zukunft. Bei Delectable und Drync ist sie bereits eingebaut, jedenfalls für den US-Markt, und bei Distiller genauso.

Als Nutzer fand ich das jedoch erstmal eher zweitrangig, da ich Informationen zu den Flaschen, die ich kaufen will oder gerade trinke, am nützlichsten finde. Und natürlich die Empfehlungen. Mein Barmann Nick ist dennoch unersetzlich, halt einfach für Rat in Liebe und Leben statt Whiskey und Wein.

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