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Bargeldlose Gesellschaft Das Ende vom Geld, wie wir es kennen

Seit langem ist die bargeldlose Gesellschaft ein Gesprächsthema. 2013 werden wichtige Grundlagen gelegt, angetrieben von neuen Technologien und Unternehmen. Wie sich unsere Auffassung vom Geld ändert.

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So bezahlen die Deutschen im Netz
Das Electronic-Commerce-Center Handel vom Kölner Institut für Handelsforschung und die Hochschule Aschaffenburg haben in ihrer aktuellen Payment-Studie "Der Internetzahlungsverkehr aus Sicht der Verbraucher", den Online-Kunden auf die Finger geschaut: Womit zahlen die Deutschen am liebsten, wenn sie online einkaufen? Und gibt es Unterschiede beim Bezahlverhalten, wenn der Kunde mit dem Smartphone oder am Computer shoppt? Für das Ranking haben sich die Wissenschaftler 7.958 Bezahlvorgänge von 993 Webshoppern angeschaut. Das Ergebnis: 0,7 Prozent nutzen giropay, ein Online-Bezahlverfahren, das auf der Überweisung des Online-Bankings basiert und von verschiedenen deutschen Banken angeboten wird. Hinter der Die giropay GmbH stehen Postbank, Sparkassen und Volksbanken Raiffeisenbanken. Eine Registrierung bei giropay ist nicht nötig, es genügt ein Girokonto, das für Online-Banking per TAN-Verfahren freigeschaltet ist. Bei Online-Einkäufen per Smartphone gaben 13,2 Prozent an, schon einmal giropay benutzt zu haben, 41,2 Prozent können es sich zumindest vorstellen, mit dem Smartphone per giropay zu zahlen. Quelle: Screenshot
Prepaid-Karten nutzen ein Prozent der Online-Shopper zum Bezahlen im Netz. Die Prepaidkarten gibt es, wie auch Handy-Prepaidkarten, im stationären Handel zu kaufen. Das jeweilige Guthaben kann dann bei Online-Einkäufen ausgegeben werden. Bei den Smartphone-Einkäufen haben immerhin 17,2 Prozent schon einmal auf eine solche Guthabenkarte zurückgegriffen. Quelle: Fotolia
Viele Geschäfte, die einen Online-Shop betreiben, bieten ihren Kunden an, die Ware online zu bestellen und in der Filiale abzuholen. Bezahlt wird dann bar oder mit EC-Karte bei Abholung. Das Prinzip widerspricht zwar dem Gedanken des E-Commerce, wird aber von Online-Kunden akzeptiert: 1,2 Prozent nutzen diese Option. Bei den Usern, die ihre Einkäufe per Smartphone tätigen, haben 18,2 Prozent schon per Handy bestellt und die Ware dann persönlich abgeholt und bezahlt. Quelle: dpa
Auf das Bezahlsystem ClickandBuy greifen 1,4 Prozent zurück. Bei den Smartphone-Shoppern ist das Bezahlsystem weiter verbreitet als bei den PC-Nutzern. 15,2 Prozent der Handy-Kunden haben das Bezahlsystem von der Telekomtochter schon einmal benutzt. Laut Unternehmensangaben kann weltweit bei mehr als 16.000 Online-Shops per Clickandbuy bezahlt werden. Bekannte Shops sind unter anderem T-Online Musicload, der Apple iTunes Store, Spiegel Online, Parship, Media Markt und buch.de. Quelle: Screenshot
Immer noch weit verbreitet ist die vergleichsweise teure Nachnahmezahlung, bei der der Kunde die Ware plus eine Gebühr beim Paketzusteller bezahlt. Zwei Prozent wählen diese Option beim Online-Einkauf. Mit dem Smartphone entschieden sich 17,6 Prozent für die Bezahlung bei Lieferung. Quelle: Presse
Das System Sofortüberweisung ist umstritten, weil beim Bezahlen mit diesem Dienstleister neben der Kontonummer auch die Online-Banking-Pin und die entsprechende Tan eingegeben werden müssen. Sofortüberweisung tätigt dann quasi die Online-Überweisung für den Kunden - mit dessen Daten. Eine solche Weitergabe der Pin und Tans verbieten viele Banken ihren Kunden in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Die Firma Sofort AG versichert, dass mit den Daten kein Schindluder getrieben wird und die Kunden scheinen dem Unternehmen zu vertrauen. 3,6 Prozent der Transaktionen, die die Studie untersucht, wurden mit Sofortüberweisung bezahlt. Bei den Einkäufen, die mit dem Smartphone getätigt wurden, waren es 22,1 Prozent. Quelle: Screenshot
Mit Amazon Payments können User ihre Amazon-Kundenkonten auch bei Onlineshops nutzen, die nicht zu Amazon gehören und müssen keine Zahlungsdaten wie Kontonummer und Bankleitzahl offenlegen. Für Händler, die diesen Dienst anbieten, müssen allerdings eine Transaktionsgebühr an Amazon zahlen. Für Amazon-Kunden ist das Modell kostenlos. Dementsprechend nutzen 5,3 Prozent ihr Amazon-Konto beim Online-Einkaufsbummel, auch wenn sie gar nichts bei Amazon einkaufen. Quelle: Screenshot

Seit vielen Jahren besitzt die Vision einer bargeldfreien Gesellschaft eine gewisse Präsenz in den Debatten progressiver Kreise. Bislang war die Wirtschaft von einer Verwirklichung eines solchen Zustands aber meilenweit entfernt. Das Jahr 2013 jedoch könnte im Nachhinein als tatsächlicher Anfang vom Ende von Geldscheinen und Münzen in die Geschichtsbücher eingehen. Denn momentan kommt massive Bewegung in den Markt, angetrieben von neuen Technologien sowie Unternehmen, die Stück für Stück am Fundament des Bargelds sägen.

Dass unsere Sicht auf Geld derzeit einen Paradigmenwechsel erlebt und dabei zunehmend eine Abkehr vom psychologisch motivierten Festhalten an physischen Zahlungsmittelträgern wie Bargeld oder Kreditkarte erfolgt, zeigt sich ganz hervorragend, setzt man sich etwas näher mit der Idee des US-Startups Coin auseinander.

Coin und die Vergänglichkeit der Karte

Die gerade in der Produktion befindliche intelligente Geldkarte vereint verschiedene Kredit- und Debitkarten in einem Plastikkärtchen und befreit Besitzer von der Notwendigkeit, alle ihre Karten stets bei sich tragen zu müssen. Das Medienecho auf die Präsentation von Coin war gigantisch. Innerhalb von 40 Minuten hatten fast 5.000 Nutzer das aufgrund seiner fehlenden Unterstützung von EMV-Chips für Europa vorläufig ungeeignete “Gadget” bestellt und im Voraus bezahlt.

Egal ob man Coin als praktischen Helfer oder als Scheininnovation mit denkbar kurzem Produktlebenszyklus ansieht, so verdeutlicht die Funktionsweise die Signifikanz der derzeitigen Entwicklung im Gesamtprozess der monetären Revolution: Um Coin mit den Informationen der persönlichen Kredit- und Debitkarten zu versehen, muss man deren Magnetstreifen durch einen über den Kopfhörerausgang an ein Smartphone angeschlossenen Cardreader ziehen. Anschließend wird Coin durch den selben Leseaufsatz gezogen, woraufhin die zuvor in der Smartphone-App gesammelten Kartendaten auf das kleine Gadget strömen, das nun in Karten akzeptierenden Geschäften einsatzbereit ist. Im Klartext: Nutzer digitalisieren Zahlungsinformationen ihrer Karten auf einem Smartphone, um sie anschließend zurück auf eine Karte zu übertragen, die daraufhin am Point of Sale durch stationäre oder abermals an mobile Geräte angeschlossene Zahlungsterminals gezogen werden, um eine elektronische Zahlung zu veranlassen. Wenn man auf diese Weise bequem acht Karten zu einer machen kann, wer zweifelt dann noch daran, dass diese eine Karte demnächst endgültig in das Handy zieht? Übrigens: Dieses erhält von Coin via Bluetooth einen Alarmhinweis, sofern man das smarte Kärtchen irgendwo liegen gelassen hat.

Unfreiwillige Absurdität

Die Deutlichkeit, mit der die Macher von Coin (wahrscheinlich) unfreiwillig die Absurdität von physischen Zahlungsmittelträgern in einem Zeitalter unterstreichen, in dem jeder Mensch einen persönlichen Supercomputer mit sich herumführt, verblüfft. Der Durchbruch des mobilen Bezahlens ist aufgrund der Fragmentierung auf Anbieterseite und einer gewissen, bei radikal veränderte Verhaltensmuster nach sich ziehenden Neuerungen typischen Zurückhaltung in der Bevölkerung zwar bislang ausgeblieben. Ironischerweise liefert nun aber ein Startup, bei dem sich alles um die Beibehaltung der physischen Karte dreht, das beste Argument für deren Vergänglichkeit.

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