Besorgniserregender Trend Immer mehr Deutsche sind internetsüchtig

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung schlägt Alarm: Der Internetkonsum der Deutschen nimmt besorgniserregende Ausnahme an, vor allem bei Jugendlichen. Immer mehr sind süchtig nach dem Netz.

Ein neuer Bericht zeigt, wie die Internetsucht in Deutschland immer weiter um sich greift. Quelle: dapd

Über eine halbe Million Deutsche zwischen 14 und 64 Jahren sind internetabhängig. Zu diesem Ergebnis kommt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmanns. Der Umgang mit dem Netz sei bei 2,5 Millionen zumindest problematisch. Sie hält den Trend für besorgniserregend. Bereit im Drogen-und Suchtbericht im Mai diesen Jahres hatte sie Alarm geschlagen und sich insbesondere über "exzessiven oder pathologischen Computerspiel- und Internetgebrauch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen" besorgt gezeigt.

So surft Deutschland im Netz
Die Deutschen haben sich im Internet eingerichtet und nutzen es völlig selbstverständlich - dies ist eine Erkenntnis der neuen, jährlich erscheinenden Online-Studie von ARD und ZDF. Nach einem teils rasanten Anstieg der Internetverbreitung in Deutschland in den vergangenen Jahren beginnt sich das Wachstum zu verlangsamen: Nur 1,7 Millionen Deutsche haben seit 2011 erstmals den Weg ins Internet gewagt. Inzwischen sind 53,4 Millionen Menschen in Deutschland am Netz - das entspricht 75,9 Prozent der Bevölkerung. Oder anders formuliert: Immer noch ist knapp ein Viertel der Deutschen nicht online.
Ältere Menschen hinken bei der Internetnutzung immer noch leicht hinterher, holen aber in großem Tempo auf. Gegenüber 2011 ist die Online-Nutzung der Menschen über 50 Jahre von 69 Prozent auf knapp 77 Prozent gestiegen. Bei den „Silver Surfern“ ab 60 nutzen immerhin 39,2 Prozent das Netz, im Vorjahr waren es noch 34,5 Prozent gewesen.
Auch das Ausmaß der Nutzung lässt aufhorchen: Durchschnittlich nutzen die Deutschen das Internet 83 Minuten täglich. Zum Vergleich: Die Fernsehnutzung liegt bei rund 242 Minuten täglich, die Radionutzung bei 191 Minuten pro Tag. Weil das Internet auch heute noch überwiegend als anspruchsvolles, forderndes „Lean-Forward-Medium“ gilt, ist diese Online-Unterlegenheit wenig verwunderlich: Wer im Internet surft, ist häufig auf der Suche nach ganz bestimmten Informationen und agiert so weitaus selbstständiger als ein klassischer TV- oder Hörfunk-Nutzer.
Der seit Jahren zu beobachtende Trend zur mobilen Internetnutzung hält an: 23 Prozent der Nutzer gehen inzwischen auch über Smartphones oder Tablet-Computer ins Netz. Die Wissenschaftler von ARD und ZDF stellen dazu fest: „Dabei ersetzen mobile Endgeräte nicht den stationären Zugang, sondern sie schaffen neue Nutzungssituationen.“ Zum Beispiel am Strand.
Und als wäre das Dauerfeuer der Internet-, Fernseh- und Radio-Informationen noch nicht genug, bestätigt sich in diesem Jahr ein Trend zur Parallelnutzung: „Second Screen“ nennen die Forscher das Verhalten, während des TV-Konsums via Laptop, Smartphone oder Tablet-Computer im Internet zu surfen. 13 Prozent der Nutzer sind bereits betroffen.
„Während Smartphones besonders beliebt bei den Unter-30-Jährigen sind, sind Tablets, die inzwischen in 8 Prozent der deutschen Haushalte vorhanden sind, die Domäne der 30- bis 49-Jährigen“, befinden die Wissenschaftler. Große Touch-Geräte bieten besonders einfache, intuitive Bedienungskonzepte und beschränken sich aufs Wesentliche. Bei den Menschen mittleren Alters, die noch nicht mit dem Internet aufgewachsen sind, kommt das offensichtlich gut an.
Bemerkenswert ist zudem, das Smartphone-Benutzer ihr Geräte anders verwenden als einen Tablet-PC: Das Smartphone dient vor allem der schnellen Echtzeit-Kommunikation in sozialen Netzwerken, bei Tablet-Nutzern geht es vor allem um das Surfen auf Internetseiten und die E-Mail-Kommunikation.

Im Oktober wird sich die Jahrestagung der Drogenbeauftragten in Berlin speziell mit diesem Problem der "Internetsucht" auseinandersetzen, teilte Dyckmann in einer Klinik für Suchtmedizin am Schweriner See mit. Diese Einrichtung ist eine von zwei Kliniken deutschlandweit, die sich intensiv mit pathologischer Internetnutzung beschäftigen. 50 computersüchtige Patienten sind dort in diesem Jahr aufgenommen worden, vor 10 Jahren war es lediglich einer, sagte Chefarzt Thomas Fischer. Zu 90 Prozent seien die Patienten junge Männer mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren.

Die vorhandenen Suchtberatungsstellen seien noch nicht in der Lage, Computer-Süchtige ausreichend zu beraten, sie bräuchten dafür eine spezielle Ausbildung, betonte sie. „Wir möchten in diesem Bereich nicht nur die Datenlage durch Studien weiter verbessern", so Dyckmans in ihrem Jahresbericht vom Mai. „Es bedarf auch weiterer Anstrengungen zur besseren Aufklärung der Menschen über einen verantwortungsvollen Computer- und Internetgebrauch und zur Verbesserung der Hilfsangebote."

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